Schöner fahren auf Holz oder Kunststoff: Ein paar Fragen zum Sitztest der LVB
Ralf Julke
14.09.2012
De Sitztest-Leoliner der LVB.
Foto: LVB
Da fragt man und wird nicht klüger. Seit dem 1. September begeistert ein "Sitztest" die Fahrgäste der Linie 7 der LVB. Oder soll sie begeistern. Eine "Sitztest-Bahn" fährt - mit vier verschiedenen neuen Sitzmodellen sowie zum Vergleich mit den herkömmlichen Sitzen - durch die Stadt. Im Rahmen einer Kundenbefragung haben die Fahrgäste die Möglichkeit, ihre Meinung zu den Sitzen zu sagen.
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Bis zum 28. Februar 2013 fährt der Leoliner mit diesen Test-Sitzen durch die Stadt. Soll auch mal auf anderen Linien fahren. Wäre natürlich seltsam, wenn das keinen Zweck hat. Kein Ziel. Wenn nicht Überlegungen bestünden, das Mobiliar in den Bahnen der LVB umzubauen.
"Hinweise von Fahrgästen und eigene Erfahrungen zu den Eigenschaften der derzeit in den Straßenbahnwagen eingebauten Fahrgastsitze mit textilem Bezug haben bei den LVB zu der Überlegung geführt, neue Fahrgastsitze zu testen. In einer Vorauswahl aus den auf dem Markt erhältlichen Modellen wurden vier verschiedene Sitzmodelle, je zwei aus Kunststoff und Holz, für den Test gefunden", so die LVB zu ihrer getroffenen Auswahl.
Ronald Juhrs, LVB-Geschäftsführer Technik und Betrieb: „Dass sich die Fahrgäste in unseren Fahrzeugen wohlfühlen, ist für uns ein bedeutender Teil unserer Verantwortung als Mobilitätsdienstleister für Leipzig. Durch eine stetige Verbesserung der Qualität möchten wir unser Angebot für Bürger und Gäste der Stadt Leipzig noch attraktiver machen. Neben dem Gefühl von Sicherheit sind Sauberkeit und Komfort dabei von großer Bedeutung, insbesondere auch bei den Fahrgastsitzen. Deswegen ist es uns gerade bei diesem Thema wichtig, die Meinung unserer Fahrgäste zu erfahren und in unsere Entscheidung einfließen zu lassen. Wir freuen uns auf eine rege Teilnahme.“
Immerhin eine Aussage, die andeutet, dass es nicht nur ums schöne Sitzen geht. Sondern auch ums Sparen. Die LVB wollen dauerhaft ihren Bedarf an Zuschüssen von der LVV auf 45 Millionen Euro drücken. In den letzten Jahren haben sie es auf 48 Millionen geschafft. Die neuen Preiserhöhungen im August könnten (und sollen) zusätzliche 3 Millionen Euro bringen. Aber so ähnlich hat man auch im Vorjahr gedacht - und es hat nicht funktioniert. Denn wenn Ticketpreise steigen, suchen eben doch viele Kunden einen Ausweich - fahren seltener, steigen doch lieber auf Fahrrad oder Schusters Rappen um.
Sitzvariante B: Holz.
Foto: LVB
Und die Spareffekte durch den Umbau der Betriebshöfe werden erst in einigen Jahren wirksam. Gleichzeitig aber steigen Sprit- und Strompreise weiter. Und auch die Preise für die Wartung. Auch die für die Reinigung der Bahnen. Nachts, wenn die LVB-Passagiere schlafen, werden die Wagen gereinigt. Und oft genug muss mit starker Chemie gearbeitet werden, weil einige Fahrgäste stur davon überzeugt sind, sie würden ein schweinereiches Unternehmen schädigen, das seine Fahrgäste nur abzockt. Dass sie die eigene Stadt damit schädigen und anderen Fahrgästen das Mitfahren verleiden, ist ihnen wohl eher egal.
Oft sind die Sitze derart beschmiert oder verklebt, dass sie komplett ausgetauscht werden müssen. Ist natürlich die Frage: Steigt man im ganzen Fuhrpark auf andere Sitze um? Ohne textile Bespannung, wie sie in Leipziger Straßenbahnen das Mitfahren seit Mitte der 1990er Jahre angenehmer macht? Ist ja nicht so, dass Leipzig mit den textilen Sitzen eine Sonderrolle spielt. Auch andere Verkehrsunternehmen bieten dieses bisschen Komfort. Zur Auswahl aber stehen keine anderen Textil-Sitze, sondern zwei Plastik-Varianten und zwei aus Holz.
Die mobilen Berater in der Bahn geben Stimmzettel aus. Alternativ gibt es die Möglichkeit über Internet abzustimmen. Dort ist auch der Einsatzplan der Bahn für die nächsten Monate hinterlegt.
Schwerpunkte der Beurteilung, die die Fahrgäste abgeben können, sind eine hochwertige Optik, verbunden mit einem entsprechenden Sitzkomfort und einem angenehmen Oberflächenempfinden.
Sitzvariante C: Holz.
Foto: LVB
Im Rahmen des Tests dokumentieren die LVB ihre Erfahrungen bei der Fahrzeugreinigung, den relevanten Verschleißerscheinungen, Beschädigungen und Reparaturen. Gemeinsam mit den Kundenmeinungen sollen diese Ergebnisse in die Auswertung einfließen. Auf dieser Grundlage werde dann über die zukünftige Art der Sitzausstattung in den Straßenbahnen der LVB entschieden.
Die Ansage ist eigentlich klar: In dieser Bahn wird augenscheinlich entschieden, worauf die LVB-Fahrgäste künftig sitzen: "Wenn sich unsere Fahrgäste mehrheitlich für einen neuen Sitztyp entscheiden, wird dieser bei den nächsten anstehenden Hauptuntersuchungen der Fahrzeuge vom Typ XXL und Leoliner ab Mitte 2013 zum Einsatz kommen, ebenso beim Beiwagen vom Typ NB4. Bei zukünftigen Fahrzeugneubeschaffungen werden die Ergebnisse des Sitztests ebenso einfließen", so die LVB.
Aber an Schönheits-Wettbewerbe glauben wir nicht wirklich. Auch nicht bei den LVB. Dazu geht es längst viel zu sehr ums Geld. So eine Aktion, die sich auf die komplette Bestuhlung der neuen Straßenbahnen auswirkt, kann nur wirtschaftlich einen Sinn machen: Entweder spart man mit neuen Sitzmodellen deutlich Geld beim Austausch, bei Reparatur und Reinigung. Oder es ist - ein weiterer Marketing-Gag.
Haben wir also gefragt. Geantwortet hat uns der Marketing-Chef der LVB Peter Nebe. Die erste Frage gleich mal zu den mysteriösen Hinweisen diverser Fahrgäste. Muss es ja Zahlen geben über Art und Umfang der Beschwerden.
Was bedeutet die Aussage zu “Hinweisen von Fahrgästen und eigenen Erfahrungen”? Geht es hier um die regelmäßige Verschmutzung der Sitze und die Schwierigkeit, sie zu säubern?
Sitzvariante D: Plastik.
Foto: LVB
Peter Nebe: Wir wollen Erkenntnisse zu folgenden Punkten gewinnen:
Fahrgäste: - Komfort, wie Bequemlichkeit, Sitzempfinden; - Anmutung, z. B. optischer Eindruck, Hygiene; - Verhalten bei unterschiedlichen klimatischen Bedingungen (Sommer/Winter); - Wohlfühlfaktor
Wenn ja, wäre natürlich interessant: Wie viele “Hinweise” – also eigentlich Beschwerden von Fahrgästen gab es/gibt es dazu?
Direkte Beschwerden bezüglich den Sitzen sind nicht das Problem. Sie halten sich in Grenzen. Aber unsere regelmäßige Imageuntersuchung hat ergeben, dass die gegenwärtigen Sitze als wichtiger Kritikpunkt angeführt werden, den wir nicht vernachlässigen dürfen.
Welcher Mehraufwand entsteht? Wird die Reinigung teurer? Wenn ja, wie teuer?
Die Auswahl der Sitze erfolgte nach wirtschaftlichen Kriterien, wie Anschaffungspreis, Reinigung und Instandhaltung. Da die gegenwärtigen Sitze einen hohen Reinigungs- und Wartungsaufwand verursachen, liegen die neuen Sitze diesbezüglich darunter. Die Anschaffungskosten entsprechen denen der Polstersitze. Ein Mehraufwand ist bis jetzt nicht zu erkennen. Nach dem Testzeitraum sind wir jedoch klüger.
Oder müssen die Sitze sogar ganz ausgetauscht werden? Wenn ja: Wie viele? Und was kostet das im Jahr?
Sitze müssen immer dann ausgetauscht werden, wenn sich eine Reparatur nicht mehr lohnt. Das gehört zur allgemeinen Instandhaltung. Die Einführung eines neuen Sitzes wird fahrzeugweise geschehen. Das heißt, immer zu einer Hauptuntersuchung, die aller 8 Jahre stattfindet, wo alle Sitze erneuert werden oder bei Neubeschaffungen. Folglich werden die ersten Ausstattungen im zweiten Halbjahr 2013 erfolgen, wenn die ersten Leoliner in die Hauptuntersuchung gehen.
Worin besteht der Vorteil der neuen Sitze: Sind sie leichter zu reinigen? Schlechter zu verschmutzen? Billiger im Austausch?
Das hoffen wir mit dem Test in Erfahrung zu bringen.
Wird sich die Sitzqualität nicht verschlechtern, wenn die Fahrgäste wieder auf Holz und Kunststoff sitzen müssen? Und: Entscheidet am Ende nicht doch das finanzielle Argument?
Das finanzielle Argument spielt keine Rolle. Sollten sich die Fahrgäste für den alten Sitz entscheiden, dann wird es so sein. Wählen sie mehrheitlich einen anderen, dann wird das zu keiner Mehrbelastung führen. Bisher liegen jedoch noch keine auswertbaren Ergebnisse vor, aber wir haben Stimmen, die Holz oder Kunststoff als hygienischer empfinden.
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