Bessere Lebensmittelqualität: Was Verbraucher tun könnten
Redaktion
07.08.2011
Verbraucher haben durchaus Einfluss ...
Foto: Ralf Julke
„Nur sechs Prozent der Bevölkerung sind davon überzeugt, dass sie gar keinen Einfluss auf die Lebensmittelqualität als Verbraucher haben. Die Mehrheit weiß somit um ihre Macht", sagt Dr. Christian Hummert, Divisionmanager Lebensmittel beim SGS Institut Fresenius. Die Zahl stammt aus der jüngsten Verbraucherbefragung des Instituts. Hummert: "Das ist auch ein klares Statement an die Lebensmittelindustrie, die Verbrauchermeinung weiterhin ernst zu nehmen."
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Das Institut ließ das Institut für Demoskopie Allensbach über 1.800 Konsumenten befragen zu ihrem Kaufverhalten und ihren Möglichkeiten, die Produzenten und Anbieter von Lebensmitteln zu mehr Transparenz und mehr Lebensmittelqualität zu zwingen. Und es gibt - wie es aussieht - eine ganze Reihe Möglichkeiten, mit denen Konsumenten ihren Einfluss geltend machen können.
Kaufverweigerung ist das stärkste Einflussmittel
Kaufverweigerung halten die Verbraucher für die effektivste Möglichkeit, zu einer besseren Lebensmittelqualität beizutragen. 82 Prozent gaben an, dass es am besten ist, Produkte nicht mehr zu kaufen, wenn sie selbst schlechte Erfahrungen damit gemacht haben. Und weitere 69 Prozent empfehlen Produkte von Unternehmen zu meiden, die in Lebensmittelskandale verwickelt waren.
Immerhin 65 Prozent sind der Meinung, dass es hilft, sich beim Händler zu beschweren, und knapp die Hälfte findet die Reklamation beim Lebensmittelhersteller als gute Möglichkeit.
Weniger Zuspruch finden Maßnahmen, die vom Verbraucher deutlich mehr Engagement verlangen. So ist es für nur 39 Prozent eine Option, sich aktiv in Testzeitschriften zu informieren. Den Unternehmen Verbesserungsvorschläge per Webseiteneintrag, Mail oder Brief zu machen, halten nur 14 Prozent für sinnvoll.
Manchmal hindert Bequemlichkeit am klugen Kaufverhalten ...
Foto: Ralf Julke
Sind Verbraucher zu bequem – oder überfordert?
Doch Verbrauchereinfluss wird aus Bequemlichkeit noch nicht ausreichend genutzt. 53 Prozent derjenigen, die ihre Möglichkeiten nach eigener Einschätzung nicht ausreichend nutzen, geben zu, dass es ihnen zu viel Aufwand ist, sich stärker einzubringen.
Das Überraschende: Insbesondere in den höheren Einkommensschichten scheitert mehr Engagement überdurchschnittlich häufig an einem zu hoch empfundenen Aufwand.
31 Prozent glauben dagegen gar nicht erst daran, dass der Einzelne etwas bewirken kann. Diese Meinung wird überdurchschnittlich häufig von Personen mit einem niedrigen Haushaltseinkommen vertreten. Am Wissen, was man tun könnte, mangelt es dagegen 16 Prozent.
Die Verbraucher kennen ihre Einflussmöglichkeiten, nutzen sie aber noch selten. Das wird auch deutlich in der Diskrepanz zwischen den Angaben, was Verbraucher grundsätzlich als sinnvoll erachten und dem, was sie tatsächlich unternommen haben.
Die Kaufverweigerung haben nur 47 Prozent ausprobiert, obwohl 82 Prozent das als stärkste Waffe sehen. Sich bei Verbraucherschutzorganisationen oder den Medien zu beschweren, geben 53 bzw. 29 Prozent als erfolgsversprechende Maßnahmen an, aber nur drei Prozent, bzw. ein Prozent haben das schon einmal umgesetzt.
„Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Verbraucher ihre Einflussmöglichkeiten für bessere Lebensmittelqualität kennen, jedoch ein Großteil den inneren Schweinehund noch nicht überwunden hat, um selber aktiv zu werden. Die Verbraucher müssen noch stärker zum Handeln motiviert werden, das kann z. B. durch leichtere Feedbackelemente von Unternehmen erreicht werden. Und ganz wichtig ist, dass die Verbraucher auch ein Ergebnis ihrer Bemühung sehen“, so Dr. Christian Hummert.
Kritische Berichte bringen Umdenken zustande
Ostdeutsche sehen ihre Rolle als Konsumenten durchaus mit Skepsis - auch beim Einkaufen zählt das Geld in der Börse.
Montage: L-IZ
Ein wichtiger Faktor zur Aktivierung der Verbraucher sind die Medien. Die kritische Berichterstattung über Lebensmittelqualität erreicht die Bevölkerung: 52 Prozent haben solche Berichte in den letzten Monaten häufiger gelesen oder gesehen, weitere 34 Prozent ab und zu. Die Berichterstattung erreicht alle Bevölkerungsgruppen, praktisch unabhängig von Geschlecht, Bildung oder Einkommen. Und sie bleiben nicht ohne Wirkung.
66 Prozent geben an, ihr Einkaufsverhalten aufgrund von kritischen Berichten schon mal geändert zu haben. In besonders hohem Anteil verändern Verbraucher ihr Einkaufsverhalten, die häufig solche Meldungen gelesen oder gesehen hatten (77 Prozent). Und es sind nicht nur kurzfristige Reaktionen, die schnell wieder verpuffen. Bei der Mehrheit derjenigen, die ihr Einkaufsverhalten aufgrund der Berichterstattung geändert haben, waren dies auch dauerhafte Änderungen (57 Prozent).
Eine Voraussetzung, um den Verbrauchereinfluss für bessere Lebensmittelqualität zu nutzen, ist diese erst einmal zu erkennen. Wie gut Verbraucher dies beim Einkaufen können, hängt stark von der Art der Lebensmittel ab. Unverarbeitete, frische Ware wie Obst und Gemüse zu beurteilen, trauen sich 86 Prozent der Bevölkerung zu. Bei Backwaren beim Bäcker sind es 82 Prozent, beim Fleisch von der Fleischtheke 69 Prozent und beim Käse von der Käsetheke immer noch 67 Prozent.
Verpacktes wird kritischer beurteilt
Je verarbeiteter und komplexer ein Lebensmittel jedoch ist, desto schwieriger wird es für die Verbraucher, die Qualität einzuschätzen. So glauben nur 35 Prozent, dass sie die Qualität eines Fruchtsaftes erkennen können. Ganz schwierig wird es bei Fertigprodukten – seien sie ungekühlt (14 Prozent trauen sich ein Urteil zu) oder tiefgekühlt (17 Prozent).
„Bemerkenswert sind die großen Unterschiede zwischen verpackten und unverpackten Waren. Ist das Fleisch verpackt, trauen sich nur noch 20 Prozent eine Qualitätseinschätzung zu, bei Käse sind es nur 24 Prozent und bei Backwaren 28 Prozent. Das ist bedeutend weniger als bei den unverpackten Produkten. Bei verpackten und verarbeiteten Produkten fehlt es den Verbrauchern an Transparenz, um die Waren zu beurteilen. Hier ist noch Verbesserungspotential bei den Produkten vorhanden“, so Dr. Christian Hummert.
Bei den Faktoren, die die Qualität von Lebensmitteln bestimmen, steht für den Verbraucher die Frische der Produkte mit 88 Prozent an erster Stelle. 81 Prozent sehen eine starke Abhängigkeit der Qualität von regelmäßigen Kontrollen, jeweils 70 Prozent von der Qualität der einzelnen Zutaten sowie von richtiger Lagerung und Transport. Bemerkenswert ist, dass das Tierwohl als sehr wichtiger Qualitätsfaktor angesehen wird, 69 Prozent sind dieser Meinung.
Damit messen die Verbraucher einer artgerechten Tierhaltung größere Bedeutung bei als der regionalen Herkunft (58 Prozent), den enthaltenen Zusatzstoffen (55 Prozent) und ob es sich um ein Bio-Produkt handelt (37 Prozent). Insbesondere in Süddeutschland gilt das Tierwohl mit 80 Prozent sehr häufig als Qualitätsfaktor.
Die Studienergebnisse zeigen, dass die Verbraucher ihre wichtige Rolle kennen, um die Lebensmittelqualität in Deutschland zu verbessern. Für 71 Prozent sind die Verbraucher selber eine der wichtigsten Instanzen, wenn es darum geht, für eine bessere Lebensmittelqualität zu sorgen. Nur den staatlichen Kontrollbehörden wie z.B. Ämtern für Lebensmittelüberwachung räumen sie geringfügig mehr Einfluss ein (73 Prozent).
Bei der Einschätzung, wie groß ihr Einfluss für eine bessere Lebensmittelqualität tatsächlich ist, sind die Verbraucher aber vorsichtiger. Die Hälfte sieht einen sehr großen oder eher großen Verbrauchereinfluss. Die andere Hälfte spricht den Verbrauchern einen eher geringen oder sehr geringen Einfluss zu.
Insbesondere die Ostdeutschen zeigen sich pessimistisch: 61 Prozent glauben nicht, dass sie selbst großen Einfluss auf die Qualität von Lebensmitteln haben. Was eigentlich den Kreis schließt - denn wenn das Kaufverhalten den größten Einfluss hat, haben all jene, die weniger Geld einsetzen können, schlechtere Karten. Und das Kaufkraftniveau im Osten liegt nach wie vor zwischen 20 und 30 Prozent niedriger als im Westen - was logischerweise Folgen hat bis in die Auswahl der Produkte im Einkaufskorb hinein.
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