Müll als Indiz für Wohlstand? - Maren Müller hinterfragt die Leipziger Papier-Werbeflut
Gernot Borriss
06.10.2011
Maren Müller mit Papier-Ernte.
Foto: Gernot Borriss
Seit einer Woche sind wir für 2011 ökologisch überschuldet. Denn mit dem 270. Tag des Jahres haben wir bereits alle Ressourcen, die uns für das gesamte Jahr zur Verfügung stehen, verbraucht, mahnt Maren Müller im L-IZ-Gespräch. Ein besonderer Dorn im Auge sind dem „Hobby-Ökofreak“, so Müller über Müller, Werbeprospekte und Anzeigenblätter.
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Ein Jahr hat 365 Tage. Und noch einen viertel Tag obendrauf, den wir alle vier Jahre als 29. Februar geschenkt bekommen. Nun gehört es seit alters her zum Kern bürgerlicher Wohlanständigkeit, über die Zeit mit dem auszukommen, was man zur Verfügung hat.
Doch die Dynamik des modernen, gleichwohl auch bürgerlichen Kapitalismus kommt erst dadurch richtig in Fahrt, wenn man beim Ressourceneinsatz seiner Zeit immer ein Stück voraus ist. Auf Kredit sozusagen. Die alten sächsischen Forstwirte setzten das Prinzip der Nachhaltigkeit dagegen: Dem Wald dürfe in einer Periode immer nur so viel Holz entnommen werden, wie zugleich nachwachsen könne.
Nun wollen heutzutage irgendwie alle nachhaltig sein, doch schaffen tun wir es leider nicht so ganz. Am 27. September war in diesem Jahr der „Tag der ökologischen Überschuldung“, erinnert Maren Müller im L-IZ-Gespräch, „das heißt, dass wir mit dem 270. Tag des Jahres bereits alle Ressourcen, die uns für das gesamte Jahr zur Verfügung stehen, verbraucht haben.“
Demnach wirtschaften wir das ganze vierte Quartal des Jahres, und ein paar Tage mehr, mit Ressourcen, die uns bei nachhaltiger Betrachtung noch gar nicht zur Verfügung stünden. Das nahm der „Hobby-Ökofreak“ Maren Müller, zum Anlass, auf die Vermüllung von Briefkästen, Treppen, Höfen und Hausfluren mit gedruckten Werbebotschaften hinzuweisen. In unverschämter Weise würde gerade sonntäglich die gewohnte Ordnung durch Anzeigenblätter und Werbebeilagen „verschandelt“, stößt Müller auf.
Bei ihrer Kritik beruft sich die Reudnitzerin auf die Agenda 21, in der alle guten Regeln eines nachhaltigen Wirtschaftens zusammengefasst sind. „Besondere Aufmerksamkeit gebührt der durch nicht nachhaltige Verbrauchsgewohnheiten und übermäßigen Konsum bedingten Inanspruchnahme natürlicher Ressourcen und der schonenden bzw. effizienten Ressourcennutzung im Einklang mit dem Ziel, ihrer Verknappung soweit wie möglich entgegenzuwirken und Umweltbelastungen zu reduzieren“, zitiert Maren Müller Kapitel 4 der Agenda.
Maren Müller mit der unerwünschten Papierflut aus dem Briefkasten.
Foto: Gernot Borriss
Besonders empört die Betriebswirtin, dass es offenbar nichts nutze, am heimischen Briefkasten dringliche Hinweise gegen nicht erwünschte Papierfluten in Form von Werbeprospekten zu platzieren. „Im Internet gibt es einen Spamschutz gegen unerwünschte E-Mails, doch am Briefkasten gibt es keinen wirksamen Schutz“, kritisiert Maren Müller.
„Meine Beobachtungen und auch der Selbstversuch haben ergeben, dass ein Großteil der Haushalte dieser massiven Verschwendung von Ressourcen ungehalten bis ablehnend gegenüber steht“, so Maren Müller, die sich bei den Leipziger Linken umweltpolitisch engagiert, weiter. Ist „Produzieren für den Müll“ etwa ein Indiz für Wohlstand, fragt sie. „Ein Wirtschaftskreislauf, in dessen Konsequenz eine beispiellose Verschwendung von Ressourcen ohne adäquate Ausgleichsmaßnahmen einhergeht, sollte ordnungspolitisch trocken gelegt werden“, fordert die Grüne unter den Roten kategorisch. Die Natur würde es sicher begrüßen und den Umweltzielen wären wir wieder ein Stück näher, ist sich Maren Müller sicher.
Für das Schwergewicht unter Leipzigs Anzeigenblättern, den im Hause LVZ herausgegebenen "Sachsen Sonntag", geht Maren Müller „bei einer Gesamtauflage von 257.500 Exemplaren“ von „hoch gerechnet 85 Tonnen unbestelltem Papier, welches zumeist ungelesen im Abfall landet“ aus.
Im neuesten Anzeigeblattpaket fand sie allein 330 Gramm Werbematerial - Prospekte diverser Discounter und Billigketten. Das heißt: Allein die beigelegten Prospekte brachten die errechnete Tonnage zusammen. Die ebenfalls mit Anzeigen gespickte Zeitung erhöht die Tonnage logischerweise noch weiter.
„Und das nur an einem einzigen Tag“, wie sie betont. „Selbst wenn es sich im günstigsten Falle um Recyclingpapier handelte, würden dafür 95 Tonnen Altpapier, 1.742.500 Liter Wasser und 356.490 Kilowattstunden Energie verbraucht, sowie um die 75.310 Kilogramm Kohlendioxid in die Luft geblasen“, hat die Betriebswirtin errechnet.
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