Band 2 des von Tobias Hollitzer und Sven Sachenbacher unter Mitarbeit von Tina Langner zusammengetragenen Mammutwerkes zur Friedlichen Revolution in Leipzig beginnt logischerweise mit dem 9. Oktober 1989, dem "Tag der Entscheidung". Und dass es eine Entscheidung gab, lag ja unter anderem mit daran, dass es an diesem Tag keine Entscheidung gab.

Denn der Leipziger Einsatzleiter Helmut Hackenberg wollte für einen gewalttätigen Einsatz gegen 70.000 friedliche Demonstranten nicht die Verantwortung übernehmen. Und Egon Krenz, der zuständige Mann im ZK der SED, rief nicht zurück, so lange das noch Sinn machte.

Noch am 7. Oktober, als die SED in Berlin pompös den 40. Jahrestag der DDR feierte, ließ die Leipziger Einsatzleitung Hunde, Schlagstöcke und Wasserwerfer gegen die rund 5.000 Demonstranten einsetzen, die an diesem Tag demonstrierten. Es war wie ein Vorspiel für den 9. Oktober, an dem das nächste Friedensgebet in der Nikolaikirche stattfand und mit der nächsten größeren Demonstration zu rechnen war.

Schon die amtlichen Dokumente rund um diesen Tag zeigten, wie die Mächtigen auch in ihrer Kommunikationspolitik aufgerüstet hatten. Sie ließen Gerüchte streuen, ließen in Schulen und Betrieben davor warnen, an diesem Tag in die Leipziger Innenstadt zu gehen. Berichte über den 7. Oktober und die Verhaftungen von “Rowdys” zündelten auch in den Zeitungen. Und selbst die Fernschreiben von SED, Stasi und Polizei sprachen eine martialische Sprache. Der “Spuk” sollte beendet werden. Die Vorbereitungen für die Internierung von “Rädelsführern” waren getroffen.
Wer die alten vergilbten Dokumente liest, fühlt sich an so manchen markigen Spruch aus jüngeren Tagen erinnert. Funktionäre, die sich panisch vor Veränderungen fürchten, greifen augenscheinlich immer wieder zum selben Wortmaterial – und dämonisieren das, was sie nicht begreifen wollen. Noch am 9. Oktober hatten sie alle medialen Kanäle und die öffentliche Deutungshoheit für sich. Am 11. Oktober schon nicht mehr. Denn über 70.000 friedliche Demonstranten, deren Hauptrufe “Wir sind das Volk” und “Keine Gewalt” waren, kann man nicht mehr in gedruckte Tobsuchtsanfälle verfallen.

Dass der Kommentar “Von Besonnenheit geprägt” am 11. Oktober in der LVZ vom Leipziger Einsatzleiter Helmut Hackenberg vorgegeben war, konnte freilich erst nach Sondierung der Archive ermittelt werden. Hier im Buch steht es zu lesen. Auch der 2. Band lebt von der direkten Gegenüberstellung der Fotos, Reportagen und Aufrufe, die im Herbst 1989 allen bekannt wurden – und den danebengestellten Fernschreiben und Protokollen von Polizei, Stasi und SED. Und letztere zeigen, dass die Mächtigen auch nach dem 9. Oktober noch lange versuchten, die Proteste zu ersticken oder wenigstens zu instrumentalisieren. Die Stasi arbeitete weiter an ihren Feindbildern und auch an den nächsten Montagen wurden aufgerüstete Einsatztruppen in Bereitschaft gehalten.

Viel zu spät wurde Erich Honecker entmachtet. Mit der Wahl von Erich Krenz schickte die SED seinen “Kronprinzen” ins Rennen, der mit seiner Erklärung vom 11. Oktober zwar das bis heute so oft missverstandene und gedankenlos gebrauchte Wort “Wende” in die Geschichte warf – aber nicht einmal innerhalb der SED als Reformer galt. Das waren in diesem Herbst eher die Dresdner Funktionäre Modrow und Berghofer.

Der 2. Band umfasst den kompletten Zeitabschnitt vom Oktober 1989 bis zum Oktober 1990, bis zum Inkrafttreten des deutschen Einigungsvertrages. Auch das eine Zeit, die schwindlig macht beim durchblättern. Das Tempo, das das Jahr 1989 vorgegeben hatte, wurde ja tatsächlich noch überboten. Jede einzelne der immer mehr anwachsenden Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 brachte die angeschlagene DDR und ihre Führung immer mehr ins Rutschen. Eine halbe Million Menschen demonstrierte am 4. November in Berlin, eine halbe Million am 6. November in Leipzig. Die Bürger des Landes waren mittlerweile so sensibilisiert, dass am 9. November ein einziger Versprecher von Günther Schabowski zum neuen Reisegesetz genügte, um Tausende schnurstracks zur Grenze eilen zu lassen: Ist sie offen? Die Grenzschützer hatten gar keine Wahl mehr: Sie mussten die Grenze öffnen.
Was die mediale Auseinandersetzung um die Macht im Land natürlich noch nicht beendete. Auch Hans Modrow setzte, nachdem er nach dem Rücktritt der alten Regierung eine neue gebildet hatte, den Versuch fort, die alte Stasi als “Amt für Nationale Sicherheit” zu retten. Was fast umgehend die Besetzung der diversen MfS-Verwaltungen durch Bürgerkomitees zur Folge hatte, die jetzt vielerorts begannen, das Geschehen vor Ort zu bestimmen.

Runde Tische wurden erzwungen, um endlich eine legitime Teilhabe der Bürger an den Verwaltungsentscheidungen zu ermöglichen. Im Januar 1990 trat der durch die gefälschten Wahlen im Frühjahr 1989 delegitimierte Leipziger Stadtrat zurück und der Runde Tisch musste praktisch in die politische Verantwortung gehen. Die ursprünglich geplante OBM-Wahl wurde ausgesetzt. Die neue würde schon unter ganz anderen Vorzeichen stattfinden, genauso wie die erste freie Volkskammerwahl. Das Jahr 1990 war ein Jahr voller Premieren.

Auf einigen Bildern im Buch sieht man den jungen Tobias Hollitzer agieren, wie er als Mitglied des Bürgerkomitees an der Sicherung der Akten des MfS mitwirkt und – wenig später – auch denen der SED-Bezirksleitung. Man begegnet noch einmal mittlerweile fast vergessenen Gestalten wie dem kurzzeitigen DA-Vorsitzenden Wolfgang Schnur und dem kurzzeitigen SDP-Vorsitzenden Ibrahim Böhme – beide wenig später als Informelle Mitarbeiter des MfS enttarnt.

Noch einmal wird die Kontroverse lesbar zwischen denen, die die DDR reformieren wollten und jenen, die schnellstmöglich die deutsche Einheit herstellen wollten, ein Diskurs, der im Grunde entschieden war, als Helmut Kohl am 28. November 1989 sein 10-Punkte-Programm vorstellte. Die Volkskammerwahl im März 1990 konnte nur noch eine Entscheidung über diese Frage sein – und haushoch gewann natürlich Helmut Kohl. Oder genauer: die von ihm geschmiedete Allianz für Deutschland.

Nur kurz angedeutet wird das Kapitel Treuhand. Man spürt, das Vieles, was 1990 noch im Kontext der Friedlichen Revolution geschah, schon über diesen Umbruch hinauswies und eine eigene Dokumentation verlangt. Die es wahrscheinlich nicht geben wird, denn in der panischen Angst, die Dokumente der Treuhand könnten zu viel Entlarvendes enthalten, hat die weise Bundesregierung beschlossen, sie für 30 Jahre wegzuschließen. Was nicht heißt, dass sie dann noch existieren oder freigegeben werden, wenn die 30 Jahre um sind. Transparenz ist ein Wort, das Entscheidungsträger immer wieder fürchten.

Auch das zeigt der Band: Wie eine Kommunikationsstrategie gründlich scheitern kann, wenn der mächtige Kommunikator den Zugriff auf die Medien verliert und sich seine Informationsstrategie öffentlich entlarvt.

Die Zeit war reif – nicht nur für den späten Schritt der SED-Zeitung “LVZ”, sich von der SED unabhängig zu machen, sondern auch für neue Medien, wie sie die Stadt noch nicht kannte: Am 1. Februar 1990 erschien die erste Ausgabe der “DAZ”, eigentlich initiiert und bestritten von namhaften Akteuren des Neuen Forum. Doch das wollten sie so nicht auf dem Titelkopf stehen haben. Vier Tage vorher war erstmals die deutsch-deutsche Zeitung “Wir in Leipzig” erschienen. Am 3. März wurde das erste Buch des jungen Forum Verlages auf dem Karl-Marx-Platz verkauft: “Jetzt oder nie – Demokratie”. Da war die “Friedliche Revolution” noch nicht mal vollendet – und schon hatte sie ihren Bestseller. Am 4. April bekam der Hannoveraner Stadtkämmerer Hinrich Lehmann-Grube seine Einbürgerungsurkunde, denn nur als DDR-Bürger durfte er an den Wahlen im Mai 1990 teilnehmen – und holte (gegen den sachsenweiten Trend) in Leipzig den Sieg für die SPD.

Man kann hier gar nicht alle Themen auflisten, die die Leipziger im Jahr 1990 in Atem hielten. Selbst die, die Hollitzer und Sachenbacher für den Band ausgewählt haben, sind in ihrer Fülle erschlagend. Und man sieht auch, wie Themen, die den Bürgern im Herbst 1989 noch auf den Nägeln brannten, im politischen Tagesgeschäft wieder verschwanden. Aber verschwunden sind sie nie wirklich ganz.

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Die Friedliche
Revolution in Leipzig

Tobias Hollitzer; Sven Sachenbacher, Leipziger Uni-Verlag 2012, 39,90 Euro

Gerade die heillose Diskussion um die Piratenpartei zeigt jetzt wieder, dass die Forderung nach einer transparenten, ehrlichen und für die Bürger nachvollziehbaren Politik nie wirklich verschwunden ist. Er ist nur von einigen Megathemen fast 20 Jahre lang überschattet worden – Themen, die sich bei genauerem Hinschauen aber auch als direkte Folge intransparenter Politik erweisen. Von der Finanzkrise bis zu den sinnlosen Kriegen in Irak und Afghanistan, vom Lohndumping, das die gesellschaftlichen Grundlagen zerfrisst, bis hin zu einer gesellschaftlichen Verschuldungspolitik, die geradezu hanebüchen ist.

Man kann was lernen aus dem Herbst 1989. Was Hollitzer, Sachenbacher und Langner zusammengetragen haben, ist das Quellenmaterial zu einem Umbruch, der in seiner Art eigentlich klassisch ist. Denn nicht der Umbruch ist ja das Wunder – der drängte sich nach all den Vorereignissen ja geradezu auf – das Wunder war, dass er friedlich blieb. Über das, was draus wurde, müsste erst einmal genauso gründlich geforscht werden.

Tobias Hollitzer; Sven Sachenbacher “Die Friedliche Revolution in Leipzig”, Leipziger Uni-Verlag 2012, 39,90 Euro

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