Irgendwie ist der Teubner-Verlag typisch für das, was mit der deutschen Einheit los ist. 1945 auseinandergerissen wie das Land. Wie andere Verlage auch. Neu gegründet im Westen mit den alten Machern, eine Weile im Clinch mit dem im Osten zurückgebliebenen Verlagsteil. Wiedervereinigung. Auch für Teubner. Doppelstart in Stuttgart und Leipzig. Anknüpfen an alte Erfolge. Bis 1999. Und dann ließen die Erben die Luft raus. Ein Weltverlag löste sich in Luft auf.

Die besten Stücke wurden erst einmal an Bertelsmann verkauft und dann weiter an andere Wissenschaftsverlage. Die Marke Teubner, die selbst Kriege und Trennung überlebt hatte, ist Geschichte. Was 1992 so euphorisch auch als Verlags-Wiedervereinigung gefeiert wurde, existiert nicht mehr. Der Tod von Siegfried Otto, der den Teubner Verlag in Union mit dem ebenfalls aus Leipzig stammenden Verlagshaus Giesecke & Devrient bewahrt und fortgeführt hatte, bedeutete auch das Ende eines über fünf Generationen geführten Verlages.

Natürlich ist Heinrich Krämers Gedenkrede für Siegfried Otto in diesem Band auch enthalten. Heinrich Krämer war der letzte von Siegfried Otto berufene Geschäftsführer der Firma B. G. Teubner. Ab 1969 für den Stuttgarter Verlag, ab 1992 auch für den Leipziger. Bis 1999, bis man sich im Hause Giesecke & Devrient zu dem entschloss, was man in modernen Wirtschaftslandschaften gern mit der Formel “Konzentration auf das Kerngeschäft” beschreibt. 1999 verkauften die Töchter von Siegfried Otto den Verlag B. G. Teubner an Bertelsmann. Zwei Jahre später verkaufte Bertelsmann wieder einzelne Filetstücke.

Die Feier zum 200jährigen der Firma B. G. Teubner 2011 fand ohne existierenden Verlag statt. Eine Stiftung wurde 2003 aus der Taufe gehoben. Die Teubner-Stiftung hält das Andenken an das Wirken des erfolgreichen sächsischen Verlagsbuchhändlers, Buchdruckers, Typographen, Firmengründers und Leipziger Stadtrates Benedictus Gotthelf Teubner (1784-1856) im öffentlichen Bewusstsein wach. Zweck der Stiftung ist die Förderung von Wissenschaft und Forschung im Sinne B. G. Teubners. Sie vergibt Förderpreise. Und sie unterstützt die Arbeit der ebenfalls vor zehn Jahren – am 21. Februar 2003 – gegründeten Edition am Gutenbergplatz Leipzig (EAGLE), die in Leipzig mit modernen Publikationsmitteln das Renommé eines Wissenschaftsverlages aufrecht erhält.

Nicht mit dem enormen Aufwand, den einst Benedictus Teubner und seine Nachfolger aufgewandt haben, um den Teubner-Verlag zur ersten Adresse für ganze Wissenschaftszweige von der Kulturgeschichte über die Mathematik bis hin zur Byzantinistik zu machen. Das erforderte engsten Kontakt zu allen führenden Vertretern der jeweiligen Wissenschaft. Die Publikationen vereinten stets das aktuelle Wissen der Zeit. Zahlreiche Werke wurden zu immer wieder aufgelegten Standardwerken. Und mit dem “Thesaurus Linguae Latinae” erschien seit 1897 das maßstabsetzende Wörterbuch zur gesamten lateinischen Sprache bei Teubner. Die Vergangenheitsform deshalb, weil der Verlag ja verschwunden ist. Das Wörterbuch ist noch lange nicht beendet. Dass es ein Mammutwerk werden würde, war allen Beteiligten klar – auch den fünf Akademien, mit denen Teubner einen Kooperationsvertrag aufsetzte, der bis heute funktioniert. Ursprünglich dachte man, in etwa 20 Jahren fertig zu werden.Aktuell wird an den Buchstaben O, P, N und R gearbeitet. Über140 Bände sind erschienen. Über 70 werden noch erwartet. Ungefähr um 2040, 2050, so hoffen die beteiligten Wissenschaftler, kommt der letzte Band. Dann gibt es zum ersten Mal für eine historische Sprache ein komplettes Wörterbuch.

Natürlich geht Krämer auch auf dieses Thema ein. Für diesen Band, der pünktlich zum zehnjährigen Geburtstag von Stiftung und Edition am Gutenbergplatz erschien, hat er seine Vorträge und Aufsätze aus den letzten Jahren gesammelt. Darunter die Einführungsvorträge zu den Veranstaltungen in Leipzig, die fast schon anheimelnd wirken, weil hier noch einmal eine fast verschollene Welt lebendig wird – eine des gebildeten Verlegertums, die auch beim Publikum Kenntnis der antiken Literaturen und humanistische Bildung voraussetzen konnte.

Es ist auch die Jubiläumsrede von 1986 zum 175jährigen Jubiläum des Teubner-Verlages drin – eine Rede, in der noch der Groll gegen die deutsche Teilung mitschwingt – aber auch die felsenfeste Überzeugung, dass ein Wissenschaftsverlag wie Teubner noch Generationen lang seinen Platz im Wissenschaftsbetrieb behaupten wird. Es sind mehrere Texte drin, die auf die große Geschichte des Verlages und der Verlagsinhaber eingehen. Und es sind auch zwei Nachrufe enthalten, die Krämer auf wichtige Kollegen schrieb – 2003 zum Beispiel auf den verstorbenen Verleger Richard Meiner (Meiner Verlag) und 2006 auf den Altertumskundler Reinhold Merkelbach, einen der wichtigsten Autoren des Teubner-Verlages. Aber auch diese beiden Nachrufe machen deutlich, dass in der Bundesrepublik ein ganzes Zeitalter zu Ende ging.

Die Welt der Wissenschaften und auch die des Lesens hat sich in den vergangenen 20 Jahren gewaltig verändert. Vielleicht ist das Zeitalter der großen Verlegerpersönlichkeiten tatsächlich zu Ende. Und auch die Zeit der Verlage, die sich mit großem Atem solchen Mammutwerken wie der Teubner-Bibliothek widmen. Die klassischen Lexika der Meyer und Brockhaus hat es ja genauso erwischt. Die digitale Verfügbarkeit von Daten und Texten hat auch wissenschaftliches Arbeiten verändert. Es ist natürlich auch eine Art Abschiedsbuch für eine zu Ende gegangene Zeit.

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Teubnerianae
Heinrich Krämer, Edition am Gutenbergplatz Leipzig 2013, 18,50 Euro

Auch das haben Aufstieg und Ende des Teubner-Verlages ja mit der deutschen Einheit gemeinsam: Auch die führte nicht einfach in eine Wiederherstellung der alten Zustände. Im Gegenteil – sie brachte einige Prozesse, die erst im Keim schlummerten, erst so richtig in Schwung. Thematisch wird man das bestimmt in manchem Buch wiederfinden, das künftig in der Edition am Gutenbergplatz erscheint. Als kleines ABC zu einem großen Thema etwa wie Klima und Radioaktivität oder als Lehr- oder Übungsbuch für Leute, die gern ihren Kopf anstrengen. Es gibt viele verlegerische Wege, Bildung im Geiste Teubners zu fördern. Jedem Ende wohnt ein Anfang inne. Oder, um Bendedictus Gotthelf Teubner selbst zu zitieren: “Was gemacht werden kann, wird gemacht.”

www.eagle-leipzig.de

www.teubner-stiftung.eu

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