Die Forscher rätseln ja, warum die Zahl der Allergien in den letzten Jahren so drastisch zugenommen hat. Einer der wesentlichen Gründe könnte natürlich sein, dass unsere unmittelbare Umwelt mit immer mehr Chemie vollgestopft ist. In der Nahrung steckt sie, im Spielzeug, in der Kleidung und auch in sämtlichen Reinigungsprodukten im Bad.

Schon in ihrem ersten Buch hat Heidi Thaler fürs Selbermachen plädiert: “Alles selbst gemacht. Butter, Käse, Öl & mehr”. Denn wer sich die Dinge, die auf den Tisch kommen, wieder in Eigenregie herstellt, der hat nicht nur die Hoheit über alles, was reinkommt und über den Geschmack, der schafft sich auch wieder Alltagsfreuden, die der ganze moderne elektronische Klimbim nicht zu schaffen vermag.

In diesem Buch nun geht es um all die Mittelchen, die wir uns für gewöhnlich in bunten Packungen für teuer (oder billig) Geld in Drogerie und Supermarkt besorgen, in der Regel völlig überfordert von der Zutatenliste (in der Vieles gar nicht steht, was drin ist – da muss man erst mal einen Code-Check machen. Der Code ist aufgedruckt). Verraten müssen die Hersteller schon so ungefähr, was sie alles in die Lotion mixen. Aber auf der Packung steht es zumeist nur summarisch und nichtssagend.

Dass man den meisten Gesundheitsversprechen (oder Wohltuh-, Energie-, Schönheits- und sonstigen -versprechen) auf der Packung nie glauben sollte, hat sich ja auch schon herumgesprochen. Nicht herumgesprochen hat sich bis jetzt, dass man die meisten Dinge, die man zu Haut-, Haar- und Körperpflege braucht, selbst herstellen kann. Und zwar aus ganz natürlichen Produkten. Mit komplettem Verzicht auf alle aus Erdöl hergestellten Beimengungen, alle chemischen Düfte und Aromen, alle künstlichen Vitamine und was die Werbung sonst noch so verspricht.

Und damit natürlich auch mit völligem Verzicht auf fast alles, was im Verdacht steht, Allergien auszulösen oder allein schon wegen seiner hohen Konzentration und Aggressivität den Körper zu schädigen. Und besonders wichtig ist das natürlich bei Babys, Kindern, werdenden Müttern. Bei Männern wahrscheinlich auch. Aber die Autorin und junge Mutter beschäftigt sich lieber mit dem, was ihr gerade am wichtigsten ist und wie sie von Anfang an auf die selbstbereiteten Pflegeprodukte gesetzt hat. Denn eine neue Erfindung ist das ja nicht. Sie kennt es noch von ihrer Großmutter, in deren Jugend es in vielen Haushalten noch normal war, dass Frauen auch die wichtigsten Pflegeprodukte selbst herstellen konnten. In Urgroßmutters Zeiten war die Liste noch viel länger. Solche Kenntnisse verlieren sich natürlich mit jeder neuen Generation, die mit dem immer unüberschaubareren Angeboten in den Märkten und Drogerien aufwächst.

Aber Heidi Thaler erklärt nicht nur, wie man Cremes, Seife, Haarwäsche, Salben selbst herstellen kann und wo man die zu Grunde liegenden Produkte bekommt, wenn man sie nicht wie Milch oder gutes Schweinefleisch im Laden kriegt. Sie erklärt auch, worauf man achten sollte – beim Sammeln der richtigen Kräuter, beim Besorgen des richtigen Öls, aber auch beim Kauf des richtigen Salzes. Sie erklärt auch die wichtigsten Wirkstoffe in den Naturprodukten – und spätestens da wird sich jede Hausfrau und jeder Hausmann sehr, sehr neugierig in der eigenen Küche umschauen, denn die meisten Dinge, mit denen man selbst Haut- und Haarprobleme lösen kann, sind in der Regel da. Man muss nur wissen, wie man sie richtig verarbeitet.

Aber auch das erklärt die Autorin – bis hin zu der Achtsamkeit, die notwendig ist, die richtige Mischung für die jeweile Haut oder den jeweiligen Haartyp zu finden. Nicht alles ist für alle gut. Dabei widmet sie einige längere Kapitel ganz speziell werdenden Müttern und all den Pflegemitteln, die nicht nur die Schwangerschaft erleichtern, sondern am Ende wohl auch die Geburt. Denn dass so viele Frauen “komplizierte” Geburten haben, könnte durchaus damit zusammenhängen, dass sie den Stress unserer Zeit bis zum letzten Tag nicht los werden.

Und danach gibt’s logischerweise ein eigenes Kapitel für die Babys, die natürlich eine besondere Pflege brauchen. Und denen man mit der modernen Chemie eigentlich gar nicht kommen darf. Dieses Kapitel ist also eigentlich ein echter Ratgeberteil für junge Mütter und Väter, der ihnen viele Tipps gibt, wie sie mit den Knirpsen besonders schonend umgehen können. Schon das Aufschlagbild ist herzerwärmend mit dem kleinen Fläschchen “Bauchwehöl” in der Mitte. Die kleinen Menschlein können ja noch nicht sagen, was ihnen warum gerade weh tut. Mütter, so verrät Heidi Thaler, erkennen es an der Tonlage. Wahrscheinlich ist das wirklich eine nur Frauen geschenkte Gabe.

Es gibt auch etliche Tabellen im Buch, die auch auf die Inhaltsstoffe und Wirkungen der verwendeten natürlichen Produkte eingehen. Denn die zeichnen sich ja auch deshalb aus, weil sie meist viele Eigenschaften in sich vereinen, die sich in der Pflege dann auch gegenseitig ergänzen. Da merkt man dann erst recht, dass man auf die Ganz-Viel-Versprechungen der Werbung tatsächlich verzichten kann.

Zu jedem Pflegemittel gibt es verschiedene Rezepturen. Naturkosmetik ist tatsächlich keine Einheitsapotheke. Eher muss man sich wieder ein bisschen umgewöhnen, denn weil es ja alles Naturprodukte sind, ist natürlich auch die Haltbarkeit deutlich kürzer als für Kunstprodukte. Was andererseits auch dazu anregt, tatsächlich mit dem Kreislauf der Jahreszeiten zu gehen und die Saisonerzeugnisse in seine Pflegeserien einzurühren. Kräuter spielen – wie könnte es anders sein – eine wichtige Rolle. Und am Ende gibt es ein ganzes Kapitel zum Abenteuer Seifenherstellung. Das könnte durchaus auch ein echtes Zukunftsthema werden, denn aktuell beobachtet man ja in den Drogeriemärkten die seltsame Verdrängung der Seifen (die den Konzernen wahrscheinlich nicht so viel Umsatz bringen) durch immer neue Waschlotions und ähnlichen chemischen Unfug.

Insgesamt also doch nicht nur ein Buch “für Mutter und Kind”, sondern ein Plädoyer für einen bewussteren Umgang mit dem eigenen Körper und die Neugier auf eine natürliche Pflege. Mit besonderem Augenmerk auf Mutter und Kind. Denn da beginnt ja alles – das gesunde Leben oder – wenn man den Verführungen der Chemie nicht widersteht – ein Leben mit allerlei Unverträglichkeiten.

Heidi Thaler “Natürliche Pflege selbst gemacht. Alles für Mutter und Kind, Buchverlag für die Frau, Leipzig 2015, 16,95 Euro

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