Oha, hätte Sherlock Holmes gesagt, das hätte ich mir doch denken können. Denn der berühmte Detektiv ging ja an seine Kriminalfälle, wie es Wissenschaftler mit ihren Forschungsgegenständen auch tun. Und Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie haben sich jetzt 1,5 Millionen Jahre alte menschliche Fußspuren vorgenommen. Wer es getan hat, wussten sie ja schon. Jetzt ging es um die Frage: Wie ging er? Und mit wem?

Denn das konnte man bislang aus den diversen Knochenfunden nicht einfach so rekonstruieren. Auch nicht für den Homo erectus, der vor 1,5 Millionen Jahren lebte. Auch wenn man mit dem Namen schon mal die Vermutung ausgesprochen hat, dass es schon ein „aufgerichteter“ Mensch war. Also nichts da mit dem zuweilen in kitschigen TV-Filmen zu sehenden affenartigen Hüpfen und Schleichen. Diese menschlichen Vorfahren gingen schon aufgerichtet.

Ganz wie wir, könnte man vermuten.

Und das in mehrfachem Sinn, wie jetzt ein Forscherteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und der University of Washington anhand von im Norden Kenias gefundenen Fußspuren von Homo erectus nachweisen konnte.

Die Fußspuren: Fast hundert Abdrücke von 20 Frühmenschen

Im Jahre 2009 entdeckten Wissenschaftler nahe der Stadt Ileret in Kenia eine Ansammlung 1,5 Millionen Jahre alter menschlicher Fußabdrücke. Bei weiteren Grabungen in der Region stießen Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und Kollegen dann auf weitere menschliche Spurenfossilien in einem für diese Zeitperiode beispiellosem Umfang. Die Forscher identifizierten fünf verschiedene Gruppen von Fußspuren, insgesamt 97 Fußabdrücke von mindestens 20 verschiedenen menschlichen Individuen, bei denen es sich sehr wahrscheinlich um Homo erectus handelte.

Der fossile Fußabdruck ist von dem einen modernen Menschen kaum zu unterscheiden. Foto: MPI für evolutionäre Anthropologie, Kevin Hatala
Der fossile Fußabdruck ist von dem eines modernen Menschen kaum zu unterscheiden. Foto: MPI für evolutionäre Anthropologie, Kevin Hatala

Die Fortbewegung auf zwei Beinen ist eine für den Menschen typische Eigenschaft, deren Entstehung tiefgreifende Auswirkungen auf die biologische Beschaffenheit unserer fossilen Vorfahren und Verwandten gehabt hatte. Bisher war jedoch umstritten, wann und auf welche Art und Weise die zweibeinige Gangart des Menschen entstanden ist. Vor allem waren sich die Forscher uneins, ob und wie biomechanische Eigenschaften von der Beschaffenheit des Skeletts abgeleitet werden können. Auch dazu, wie man mithilfe von Fossilien und anderen archäologischen Funden Rückschlüsse auf die Gruppenstrukturen und das Sozialverhalten unserer Vorfahren treffen kann – Eigenschaften also, in denen sich Menschen von anderen Primaten unterscheiden und die wahrscheinlich durch große evolutionäre Ereignisse ausgelöst wurden – gab es bisher keinen Konsens.

Durch experimentelle Untersuchungen fanden die Forscher heraus, dass die Fußabdrücke hinsichtlich ihrer Form von denen moderner barfüßiger Menschen nicht zu unterscheiden sind. Das legt die Vermutung nahe, dass Homo erectus bereits über eine moderne Fußanatomie und Fußmechanik verfügte.

„Unsere Untersuchung der Fußabdrücke belegt nun erstmals die Vermutung, dass unsere fossilen Vorfahren bereits vor 1,5 Millionen Jahren so gegangen sind wie wir heutzutage“, sagt dazu Kevin Hatala vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und der University of Washington.

Und nicht nur den Gang dieser im Pleistozän ausgestorbenen Vorfahren des Menschen, aus denen sich sowohl der Neanderthaler wie auch der moderne Mensch selbst entwickelten, war unserem heutigen Gang augenscheinlich schon sehr ähnlich.

Leben in sozialer Gruppe

Diese Vorfahren lebten augenscheinlich auch schon in einem stabilen sozialen Verband. Sherlock Holmes hätte wieder wissend genickt. Denn wenn man eine Fußspur hat, kann man eine ganze Menge über die Gestalt des Verursachers herausbekommen. In diesem Fall: mehrerer Verursacher.

Von den Fußabdrücken ausgehend schätzten die Forscher anschließend nämlich (man lese bei Arthur Conan Doyle) das Gewicht der „Spaziergänger“ und trafen so Rückschlüsse auf das Geschlecht der Menschen, die diese Spuren vor so langer Zeit hinterlassen haben. Anhand der zwei am umfangreichsten untersuchten Stätten konnten die Forscher dann Hypothesen zur Zusammensetzung der Homo erectus Gruppen aufstellen.

Und das ist jetzt ganz mutig interpretiert, wenn man so an das Verhalten einiger modernen Menschenmännchen denkt. Aber vielleicht muss man das nicht. Vielleicht denkt man lieber an Männer, die tatsächlich kooperieren – eine Jagdgemeinschaft zum Beispiel.

An beiden Stätten fanden die Forscher Belege, dass mehrere erwachsene Männer der Gruppe angehörten, was auf eine gewisse Toleranz hindeute, möglicherweise sogar auf eine Kooperation. Die Kooperation unter Männern liegt vielen sozialen Verhaltensweisen zugrunde, die moderne Menschen von anderen Primaten unterscheiden, betonen die Forscher.

„Wir konnten zum ersten Mal einen direkten Blick auf das Verhalten unser Vorfahren werfen“, sagt Hatala.

Was dann die Leipziger Forscher zu der Aussage animiert, dass die Fußabdrücke wohl ein Sozialverhalten belegen, das mit dem moderner Menschen vergleichbar ist.

Berichtet haben die Forscher darüber übrigens im „Scientific Reports“ vom 12. Juli 2016.

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