Gebt den Kindern Geschichten! Lasst sie ihre Phantasie entwickeln! Erst wenn sie gelernt haben, dass wir richtig gute Geschichten brauchen, um die Welt und uns selbst zu verstehen, werden es richtig kluge, pfiffige Menschen. Intelligenz braucht Zeit, Phantasie und die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen. Das darf auch mal Quatsch sein, sagt eine Leipziger Gedankenforscherin.

Denn das ist ja das Arbeitsfeld des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Da versuchen Neurowissenschaftler mit klugen Experimenten herauszufinden, wie unser Denken funktioniert, wie unsere Persönlichkeit entsteht und wie Lernprozesse ablaufen. Denn das alles passiert nicht von allein. Unser Selbst, dieses manchmal verwirrende Ego, entsteht in einer Vielzahl von Interaktionen, die gleich beginnen, gleich nach der Geburt, wenn das kleine Wesen versucht, die unfassbar große Welt hier draußen zu erfassen und Muster zu entdecken. Das kleine Köpfchen lernt, sich als Geschichte in einer Welt der Geschichten zu begreifen.

Deswegen ist es schon eine sehr große Frage, die sich Dr. Stefanie Höhl da gestellt hat: Wie kommt es, dass ein Wesen, das unmittelbar nach der Geburt kaum sehen, geschweige denn sprechen kann, fünf Jahre später Geschichten erzählt, Bilder malt und Fahrrad fährt?

Unser Gehirn ist zwar schon bei unserer Geburt mit unglaublich vielen Schaltkreisen vollgepackt. Dennoch muss uns unsere Umgebung helfen, damit wir diese Schaltungen gut vernetzen können. Das Gehirn eines Kleinkinds ist damit eine mächtige Lernmaschine – sofern es richtig gefördert wird.

„Gerade für die Intelligenzentwicklung ist es die entscheidende Zeit. Hier werden die Weichen für die Zukunft gestellt, in positiver wie negativer Richtung“, weiß auch Stefanie Höhl, frischgebackene Leiterin der Forschungsgruppe „Entwicklung sozialer Kognition“ am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Zum Auftakt ihrer Arbeit am Leipziger Institut hat ihr Verena Müller, Wissenschaftsredakteurin am MPI, ein paar Fragen gestellt zum „Gedankenlesen“ bei Babys, ihren Forschungsvorhaben für die kommenden Jahre und die Anwendung der neugewonnenen Erkenntnisse auf die eigenen Kinder.

Frau Höhl, Sie untersuchen, was Babys denken noch bevor sie in der Lage sind, selbst darüber zu sprechen. Wie lesen Sie die Gedanken der Kleinen?

(Lacht) Mit Hilfe des EEGs. Dazu nutzen wir EEG-Hauben im Miniaturformat, die wir den Kleinen aufsetzen. Wir präsentieren ihnen beispielsweise nacheinander Objekte einer bestimmten Sorte, zum Beispiel Tiere, und streuen dazwischen hin und wieder solche einer anderen Kategorie ein, Möbelstücke beispielsweise. Von außen erkennen wir tatsächlich nicht, dass die Kinder sich wundern und bereits in Kategorien denken, denn sie schauen jedes Bild gleichermaßen an, das nur kurz gezeigt wird. Doch das EEG gibt uns hier einen aufschlussreichen Einblick in das Gehirn der Kleinen.

Wie erkennt denn ein EEG, ob sich ein Baby wundert?

Schauen wir uns per EEG die Hirnaktivitäten der Kleinen an, so sehen wir, dass sich beispielsweise jeweils im Moment der unerwarteten Möbelstücke die Hirnströme verändern weil Neurone in einem bestimmten Areal anfangen zu „feuern“. Dadurch kommt es zu einer Spannungsänderung zwischen dem Inneren und der unmittelbaren Umgebung jeder einzelnen dieser Nervenzellen. Wenn nun ein großer Verbund von mehreren zehntausend Neuronen gleichzeitig feuert, kann man die Spannungsänderung an der Kopfoberfläche der Kleinen messen. Tatsächlich ist es aber immer wieder eine kleine Herausforderung, ihren Gedanken so auf die Schliche zu kommen… (lacht)

Warum?

Babys kann man natürlich nicht instruieren, während des Experiments still zu sitzen und aufmerksam die Bilder auf einem Monitor zu betrachten. Bei den ganz Kleinen ist häufig das Problem, dass sie sehr schnell einschlafen, selbst während des Versuchs. Das Gute ist jedoch, dass ihre Ärmchen noch so kurz sind, dass sie nicht an ihren großen Kopf kommen, um sich das Mützchen runterzuziehen. Die Einjährigen sind dann wiederum oft zu aktiv und wollen weglaufen um neugierig alles auszukundschaften. Da muss man sie dann manchmal mit einer Reiswaffel ködern.

Was fesselt Sie besonders an Ihrem Forschungsthema, der frühkindlichen Kognition?

Dass in dieser Phase einfach so unglaublich viel, unglaublich schnell passiert. Das menschliche Gehirn verändert sich während der ersten zwei Lebensjahre stärker als in jedem anderen Zeitraum. Gerade für die Intelligenzentwicklung ist es die entscheidende Zeit, in der die Kinder extrem neugierig sind und ein großes Interesse an Menschen haben. Also eine hohe soziale Motivation, die uns letztlich auch von anderen Tieren unterscheidet. Hier werden die Weichen für die Zukunft gestellt – in positiver wie negativer Richtung.

Gerade weil diese Phase so sensibel ist, lässt sich hier aber zum einen noch eingreifen, wenn etwas nicht in die richtige Richtung läuft. Zum anderen sind hier aber auch die Risiken für Fehlentwicklungen besonders groß, wie man aus Extrembeispielen in rumänischen Waisenhäusern weiß.

Welchen Fragen wollen Sie in diesem Bereich besonders auf den Grund gehen?

Grundsätzlich interessiert uns, wie Kleinkinder andere Menschen wahrnehmen und von ihnen lernen. Soziales Lernen also. Denn es ist für sie besonders essentiell, Kontakt zu den umgebenden Personen aufzunehmen, deren Zuwendungsbereitschaft zu erlangen und mit ihnen zu kooperieren. Wie nehmen Babys Gesichter oder Emotionsausdrücke wahr? Wie lernen sie die ersten Worte? Wie beobachten und interpretieren sie Handlungen? Dabei ist beispielsweise das Lernen durch Imitation ein besonders spannendes Feld. Wie lernen sie also beispielsweise die Funktionen bestimmter Handlungen kennen, indem sie sie imitieren?

Das Besondere an unserer Forschung wird dabei sein, dass wir die Gehirnaktivitäten nicht, wie bisher, während einer Reaktion auf künstliche Reize untersuchen. Etwa während sie vor einem Bildschirm sitzen oder ihnen eine Handlung gezeigt wird. Vielmehr wollen wir die Kinder während einer Live-Interaktion mit Erwachsenen beobachten. So wollen wir vorhersagen können, was in einer Interaktion dazu führt, dass Kind und Erwachsener auf einer Wellenlänge schwingen und das Kind etwas lernt.

Am Ende des Interviews geht die Forscherin auch noch auf folgende Fragen ein:

Was könnten diese Ergebnisse für die Praxis bedeuten?

Auch wenn wir hier in erster Linie Grundlagenforschung betreiben, können die Ergebnisse dazu dienen, für die Kleinen optimale Lernumgebungen zu schaffen. Was macht eine Situation aus, in der ein Kleinkind erfolgreich von einer Bezugsperson oder auch einem anderen, fremden Erwachsenen lernt? Wie lässt sich das wiederum nutzen, um das soziale Lernen zu fördern?

Und natürlich können unsere Erkenntnisse bei schwierigen sozialen Lernsituationen helfen: Kinder mit Lernschwierigkeiten, beispielsweise mit Autismus-Spektrum-Störung, könnten noch gezielter gefördert werden. Und auch Eltern oder Mütter mit postnataler Depression, die nur schwer eine soziale Beziehung zu ihrem Kind aufbauen können, könnten so besser unterstützt werden.

Sie beschäftigen sich den ganzen Tag mit den Fähigkeiten von Kleinkindern. Wenden Sie Ihre Erkenntnisse auch direkt auf Ihre eigenen Kinder an?

(Lacht) Durch dieses Grundlagenwissen ist man auf jeden Fall sicherer im Umgang mit den eigenen Kindern. Man kann viel eher einschätzen, ob die Entwicklung noch im „normalen“ Rahmen ist. Ganz häufig bekommen wir diese Fragen von besorgten Eltern: Mein Kind ist 18 Monate und spricht noch nicht so richtig echte Wörter, ist das denn normal? Als Entwicklungspsychologin weiß ich, dass es hier einfach unterschiedliche Geschwindigkeiten für die verschiedenen Meilensteine gibt.

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