Weiter geht's ind er Journalismus-Diskussion auf der L-IZ. Und zwar mit einer Frage, die uns von breitbrüstigen Kommentatoren immer wieder um die Ohren gehauen wird so nach dem Motto: "Dürft ihr nicht!" - Die Frage lautet: Dürfen Journalisten parteiisch sein? - Die Antwort lautet ganz einfach: Sie dürfen nicht nur, sie müssen. Der Journalismus ist nun einmal ein Kind der Aufklärung. Und das Anliegen seiner besten Vertreter war immer, im Namen der Wahrheit parteiisch zu sein.

Nicht DER WAHRHEIT. Oder gar DER WAHRHEITEN. Sondern dessen, was sie mit all ihrer Neugier, ihrem Sachverstand und ihrem Fleiß als wahr herausgefunden haben. Darin sind sie den Wissenschaftlern verwandt. Übrigens mit denselben Folgen: Ihre Arbeit verdammt sie dazu, die Fakten immer wieder zu überprüfen und die Thesen erst recht.

Journalisten sind, wenn sie fleißig sind, Bergleute in den Tiefen der Gesellschaft, versuchen zu ergründen, wie alles funktioniert.

Auch der Mensch – im Allgemeinen und im Speziellen.

Kann man den Menschen begreifen?

Vielleicht nie ganz. In manchen Handlungsweisen aber schon.

Nehmen wir den 11. September 2001. Von dem eine Menge Leute glauben, er habe die Welt verändert.

Wir glauben das nicht.

Erschrocken waren wir auch. Ich stand damals auf dem Querbahnsteig im Hauptbahnhof. Da hingen noch die großen Videotafeln, auf denen die Bahn tatsächlich die Reisenden mit Nachrichten bespielte. Und da wurden auch die Bilder aus New York übertragen. Und mit Dutzenden Anderen stand ich stocksteif davor und hab mir gesagt: “Jetzt werden sie verrückt. Jetzt drehen sie durch. Jetzt haben sie einen Grund.”

Sie – dass waren nicht die Attentäter in den Flugzeugen. Oder Osama bin Laden, der an diesem Tag seinen Triumph feierte, weil er der ganzen Welt bewies, wie wenig eine zum Äußersten bereite Terrorgruppe braucht, um das mächtigste Land der Erde in Angst und Schrecken (lateinisch: Terror) zu versetzen. Mit Angst und Schrecken kann man Politik machen. Erfolgreich, wie die letzten 13 Jahre bewiesen haben.

Sie – das war die arrogante Regierungsmannschaft um George W. Bush, die gerade an die Macht gekommen war und schon seit Monaten zündelte und nach einem Kriegsziel suchte. Und nach einem Grund, irgendeinem schäbigen Vorwand, eins der Länder aus der von ihnen definierten “Achse des Bösen” anzugreifen. Der 11. September lieferte ihnen den Vorwand. Und zwar nicht nur für einen Krieg in Afghanistan und Irak, sondern für einen noch viel größeren Krieg, mit dem sie alles, was sie taten, legitimierten: den “Krieg gegen den Terror”. Sie stampften neue Sicherheitsgesetze aus dem Boden, gaben CIA und NSA neue Spielräume und schufen nicht nur in den USA die Hysterie, die den Terror erst zum gefährlichsten Gespenst des 21. Jahrhunderts aufblies.

Den Terror gab es schon vorher. Doch noch nie zuvor hatte sich auch nur eines der Länder der westlichen Welt davon derart in öffentliche Hysterie versetzen lassen. Wobei die Hysterie ja gemacht war – vorproduziert in den Regierungsbüros und durchgedrückt bis in die Medien der USA. Aber auch in die Politik der Partnerländer. 2001 fragten noch ein paar kluge Kommentatoren in deutschen Zeitungen, wozu das führen würde, ob sich jetzt das politische Klima auch in Europa ändern würde. Das tat dann bald schon keiner mehr, auch wenn man sich von der Paranoia der Bush-Administration nicht gar so sehr beeindrucken ließ. In den Kommentaren zumindest.

In der Berichterstattung aber hängen fast alle sogenannten deutschen Leitmedien – vom Fernsehen bis zu den großen Tageszeitungen – am Tropf just jener Nachrichtenagenturen, die ihr gut Teil Material direkt aus amerikanischen Quellen bekommen. Nachrichten sind nicht neutral. Sie beinhalten immer die Position des Beobachters. Das Ergebnis: In der Auswahl der Nachrichten, die in den letzten 13 Jahren auch in Deutschland die Schlagzeilen beherrschten, tauchte die Fokussierung auf den Terror weltweit unübersehbar auf.

Es verging eigentlich kein Tag, an dem nicht über ein neues Attentat, Blutbad, Gemetzel, neue Gräueltaten, Drohungen, Ankündigungen oder gar Triumphmärsche finsterer Terroristen berichtet wurde. Das ist bis heute so. So bläst man ein Thema auf – und kommt dann nicht mehr davon los.

Und wer nur solche “News”-Medien konsumiert, sollte schon ein dickes Fell haben, um heute nicht von dieser Hysterie angesteckt zu sein. Die meisten Deutschen sind es. Auch da, wo sie eigentlich nie mit Muslimen in Kontakt kommen – im ahnungslosen Dresden zum Beispiel. Wie just in dieser Woche eine Studie der Bertelsmann-Stiftung wieder zeigte, der neueste “Religions-Monitor”.

“So äußern 61 Prozent der Bundesbürger die Meinung, der Islam passe nicht in die westliche Welt. Im Jahr 2012 hatten das 52 Prozent gesagt. 40 Prozent der Befragten fühlen sich zudem durch Muslime wie Fremde im eigenen Land. Jeder Vierte will Muslimen sogar die Zuwanderung nach Deutschland verbieten”, heißt es da. Und weiter: “Von den über 54-Jährigen fühlen sich 61 Prozent durch den Islam bedroht, von den unter 25-Jährigen hingegen nur 39 Prozent. Die Angst ist zudem am stärksten dort, wo die wenigsten Muslime leben. In Nordrhein-Westfalen, wo ein Drittel von ihnen wohnt, fühlen sich 46 Prozent der Bürger bedroht. In Thüringen und Sachsen, wo kaum Muslime leben, äußern das 70 Prozent. Obwohl die große Mehrheit von 85 Prozent der Deutschen sagt, sie stehe anderen Religionen sehr tolerant gegenüber, scheint dies nicht für den Islam zu gelten.”

Man hat zwar keine Erfahrungen und Begegnungen mit Muslimen. Aber man hat ein Bild. Woher nur, fragt man sich, wenn man die Ahnungslosen da mit Schildern von der “Lügenpresse” herumlaufen sieht?

Wir haben “Pegida” und “AfD” an dieser Stelle schon gründlich untersucht. Das müssen wir nicht wiederholen. Wir haben nicht nur das Gedankengut unter die Lupe genommen, das in Reden, Parolen, Papieren sichtbar wurde. Wir haben auch nach den Gründen gesucht, warum heute wieder so viele Menschen in Panik sind und in der Islamisierung der Welt die größte Gefahr sehen.

Und natürlich haben wir auch darüber nachgedacht, warum seit dem Auftauchen des IS so viele junge Leute aus Deutschland “sich radikalisiert” haben, wie das so schön heißt, und “in den Dschihad gezogen sind”. Waren die alle schon vorher vom Islamismus infiziert?

Waren sie nicht. Waren auch die drei Attentäter nicht, die jetzt drei Tage lang Frankreich in Angst und Schrecken versetzt haben. Es ist wirklich so: Nicht der Islam(ismus) ist die Gefahr, die Europa bedroht.

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Es ist die Erosion unserer eigenen Gesellschaft, die den Extremisten in die Hand spielt, die mittelalterliche Menschen zu seltsamen Spaziergängen in seltsamer Begleitung treibt und junge Menschen zu extremen Taten. Wie viele junge Leute aus Deutschland sind nach Syrien und Irak gereist, um als “Dschihadist” irgend sowas wie einen Sinn in ihr Leben zu bringen?

Am Ende geht es immer um den Sinn des Lebens. Und eigentlich wissen das alle, die in Europas Gesellschaften in Verantwortung stehen. Sie wissen auch alle, was sich da seit Jahren zusammengebraut hat – nicht nur in Frankreich. Die Jugendarbeitslosigkeit ist nicht nur dort mit 20 Prozent extrem hoch.

Raniah Salloum hat es auf “Spiegel Online” kurz auf den Punkt gebracht, aus welchen Problemlagen die drei Attentäter kamen. Es geht immer wieder um dieselben Fragen: Welche Chancen bietet eine Gesellschaft? Wie können (junge) Menschen Teilhabe an einer demokratischen Gesellschaft erleben und ausleben? Wie können sie – durch ihrer eigenen Hände Arbeit – eine eigene, selbstbewusste Existenz aufbauen?

Und was passiert mit jungen Generationen, wenn man sie ausgrenzt? Ihnen mit schlechten Bildungschancen, fehlenden Arbeitsplätzen, fehlenden Aufstiegschancen im Grunde zeigt: Wir brauchen euch nicht?

Das ist die Kehrseite einer Gesellschaft, die bei ihrer Fixierung auf den reinen, rücksichtslosen Wettbewerb vergisst, dass Gesellschaften nicht für den Markt oder die Rendite einiger Cleverles da sind, sondern für alle ihre Mitglieder – auch die jungen und die schwachen, die ahnungslosen und die frustrierten, die gehandicapten und die … anderen.

In den Extremismen spiegelt sich die eigentliche Seele unserer Gesellschaft. Die Extremen tragen nur in aller Hässlichkeit auf die Straße, was sie im eigenen Leben empfinden: selbst nicht mehr teil zu haben, dazuzugehören oder auch nur mitwirken zu können. Eine Gesellschaft, die Auslese und Ausgrenzung zu Grundprinzipien erhoben hat, füttert die Extreme.

Und das betrifft ganz Europa und die Frage: Wie will unser Lebensmodell (wieder) Vorbild sein, wenn es kein Gegenentwurf ist, keiner, der überzeugt, weil auch die Verantwortlichen nicht überzeugen?

Der in den letzten Tagen in der Bundesrepublik heißt diskutierte gewünschte Rausschmiss Griechenlands aus dem Euro war wieder deutlich und typisch. Die Botschaft unüberhörbar: Wer nicht spurt, fliegt raus. Die Griechen sollen bitteschön keine Sozialisten wählen, sondern die alten Technokraten. Sonst …

Die Fähigkeit, Europa als gemeinsames und gemeinsam verantwortetes Projekt zu betrachten, ist zumindest den aktuellen Eliten in unserem Land sichtlich verloren gegangen. Aber es gilt für Europa genauso wie für Sachsen: Wer keine integrative Gesellschaft schafft, stärkt die Extreme und die Extremisten. Und dazu gehören auch Leute, die am liebsten alle Türen zurammeln wollen, damit ja kein Lüftchen mehr von draußen herankommt.

Und was heißt das für uns?

Grimmige Parteilichkeit natürlich für das, was wir als richtig und notwendig erkannt haben: eine offene, demokratische Gesellschaft, die Menschen nicht ausgrenzt, sondern integriert. Das, was dabei herauskommt, wenn eine Gesellschaft nicht so ist, wollen wir nicht. Das hatten wir schon. Und das hat uns überhaupt nicht gefallen.

Eine kleine Ursachen-Analyse von Raniah Salloum auf “Spiegel Online”:

www.spiegel.de/politik/ausland/charlie-hebdo-frankreich-diskutiert-wie-es-so-weit-kommen-konnte-a-1012339.html

Zum neuen “Bertelsmann-Religionsmonitor”:

www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2015/religionsmonitor/

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