Das "Regjo"-Magazin, dessen 41. Ausgabe dieser Tage erschienen ist, ist so eine Art Appetizer: Die Mannschaft um Herausgeber Claus-Peter Paulus bringt es tatsächlich fertig, für jedes einzelne Heft dieses Mitteldeutschland-Magazins ein Mega-Thema zu setzen, das den Nerv der Region trifft - und dann ist es wie in der Eulenspiegelgeschichte mit dem Wirt, der für den reinen Duft aus der Küche bezahlt werden möchte.

Was nicht daran liegt, dass Mitteldeutschland zu groß ist und sich die Geschichten und Projekte drängen, die unbedingt ins Heft müssten. Das ist eher ein Vorteil, denn dadurch könnte man die großen Themen in all ihren Facetten zeigen, könnte Themen auch vertiefen und die Funktionsweise der ganzen Region sichtbar machen.

Denn gerade der viel beschworene demografische Wandel verändert die Region ja. Wobei auch die befragten Großkopferten im Heft fast nur die zunehmende Überalterung darunter verstehen. Eigentlich kann man es nicht mehr hören. Es ist nur ein Teilaspekt und nicht mal der wichtigste, den die Verantwortlichen in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt auch nur fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Unterstützung und Belastungsfähigkeit betrachten. Als wäre das nun ausgerechnet die hilfloseste Seniorengeneration, die es jemals gab.

Zumindest Fritz Jaeckel, Chef der Sächsischen Staatskanzlei, merkt in seinem Statement an, dass es nicht die Alten sind, die die größten Lasten zu schultern haben, sondern die Jungen. Auch wenn die Allheilrezepte der sächsischen CDU wieder nur die alten sind, die in Wirklichkeit nicht viel bewirken (wie das unsinnige Schlagwort “weniger Bürokratie”) oder die nicht ausreichend finanziell unterfüttert sind (wie “Bildung von klein auf”).

Das Schöne an den Statements

Sie bieten eigentlich genug Stichworte, aus denen man richtig große Geschichten machen kann. Das Sommerliche am Heft: die Artikel tauchen nicht ein in die wirklich spannenden Materien, sondern bleiben wieder an der Oberfläche. Egal, ob das ein Beitrag zur Gründerszene in Mitteldeutschland ist, der durchaus wohlwollend feststellt, dass Menschen mit Migrationshintergrund viel fleißiger gründen als die jungen Leute, die hier geboren wurden. Aber das Nachfragen fehlt, die Analyse: Warum ist das so?

Eine mögliche Antwort steckt auch in diesem Heft, in dem es wieder viele, sehr fluffige Artikel gibt zu den üblichen Akteuren dessen, was man so als mitteldeutsche Wirtschaftsszene bezeichnen könnte: Verbände, Wirtschaftsfördereinrichtungen. Selbst die eigentlichen Entwicklungen in der Wanderbewegung werden eher nur konstatiert und – wie in “Die neue Stadtlust” – abgehandelt, als ginge es nur um einen wissenschaftlichen Streit über Sub- und Reurbanisierung. Womit dann wieder die üblichen Schlagworte “Leerstandswelle” und “dünn besiedelte Gebiete” auftauchen.

Die Bilder, die mittlerweile nur noch politischer Jargon sind, nerven nur noch. Und ein Besuch in der Altmark (“Landschaft mit Science-Fiction-Perspektive”) schafft auch keine Klarheit. Dass die Landwirtschaft heute so hoch technisiert ist, dass sie nur noch für 2 Prozent der Bewohner eine Beschäftigung bietet, ist ja so neu nicht. Aber wo sind die Perspektiven? Oder stecken die wirklich einfach im geduldigen Ausharren?

Es ist schade, dass die “Regjo”-Redakteure übers reine Konstatieren nicht hinauskommen. Zwar besuchen sie fleißig allerlei Workshops und Ideenquartiere, aus denen sie dann flotte Veranstaltungsberichte mitbringen. Aber wo bündelt sich das? Wo fließt das zusammen? Und wo bitteschön ist die Analyse: Warum “entvölkern sich ganze Landstriche”? Da spätestens müsste man über Infrastrukturen reden.

Dass die diversen Verbände, Berater und Ministerien dazu keine Antworten haben, ist nicht neu. Aber wenn man sich diesen “Umbruch” zum Thema macht, dann zwingt das zu journalistischer Trüffelsuche. Dann reicht es nicht, die üblichen Statistiken zu referieren und dann die üblichen Werbeartikel für die Urlaubsanbieter dazwischen zu schalten.

Da fehlt doch was

Natürlich ist es die durch das Thema “Umbruch” so hoch gelegte Latte, die dann beim Blättern durch die vielen – mit geradezu knatterndem Optimismus geschriebenen –  Artikel zu einem komischen Gefühl führen. Das sind doch nur die Plakatwände. Aber wo sind die gründlichen Recherchen, die die Zusammenhänge und Probleme dieser Region zeigen? (Mal ganz davon zu schweigen, dass die Überalterung und die forcierte Wanderbewegung der Jungen schon längst kein rein ostdeutsches Thema mehr sind – aber genau das suggeriert das Heft leider.)

Es ist wie eine große Wundertüte, in der sich die Leipziger Galopprennbahn auf einmal als Wirtschaftsthema wiederfindet und die Arbeitsagentur sich dafür feiert, wieder ein paar über 50-Jährige in einen Job vermittelt zu haben. Als wenn das etwas Besonderes wäre. Natürlich ist es das, nachdem auch der Osten 25 Jahre lang den flexiblen Jugendwahn in der Beschäftigung gefeiert hat. Junge Arbeitnehmer waren flexibler, mobiler und in der Regel auch noch billiger. Aber das tut keiner Region gut, wenn sich alle nur die billigen Rosinen herauspicken, die Familienstrukturen aber dabei flöten gehen.

Und da wäre man natürlich bei einer anderen Perspektive, nämlich der überegionalen, ohne die die Vorgänge im Osten gar nicht zu verstehen sind. Seit 1990 gehört Mitteldeutschland nun einmal zu einer Welt, in der die Globalisierung ihre Freudentänze feiert. Da ist man dann auch beim Thema nachhaltige Strukturen, um die sich alle drei Landesregierungen herumdrücken. Da freuen sich zwar mittlerweile auch Städte wie Chemnitz und Halle wieder über Bevölkerungswachstum – aber das wird genauso wenig Teil einer wirklich auf Zukunft gedachten Landespolitik wie das schon länger anhaltende Städtewachstum in Dresden und Leipzig.

Was eben – und da schließt sich der Bogen – auch daran liegt, dass die jeweiligen Landesregierungen beim Thema demografische Entwicklung immer nur an Senioren denken, Pflegebedarf, Überalterung, Renten und Facelifting. Als wäre die ganze Region in Schockstarre verfallen, besessen vom Bild einer nur noch von Greisen bevölkerten Landschaft. Was dazu führt, dass diese überbordende Sorge um die Alten und vor allem um die schreckliche Zukunft auch die Politikschwerpunkte bestimmt – vom panischen Horten von Geld bis hin zum ebenso panischen Kampf um überalterte Kohlekraftwerke. Das Geld aber, das heute in nachhaltige Strukturen fließen müsste, wird zäh zurückgehalten.

Das Verwalten dominiert über das Gestalten

Wobei wir da jetzt aber ein Wort gesagt haben: Welche Landesregierung gestaltet eigentlich noch? Ist es nicht eher so, dass man dem “Umbruch” zusieht mit der Ratlosigkeit von Leuten, die erst mal einen Arbeitskreis bilden müssen, um sich zu vergewissern, dass man ja vielleicht was tun könnte – wenn man sich traute. Aber traut man sich?

Nicht wirklich. Es ist ein Umbruch in Mutlosigkeit. Schön ausbalanciert zwischen netten Clubgesprächen, Existenzgründerinitiativen mit EU-Mitteln und altbackenen Förderstrukturen. Was nimmt man als Fazit mit? – Von diesen ganzen hilflosen Alten mag man eigentlich nicht mehr lesen. Das verdammt eine ganze Bevölkerungsgruppe zum Hätschelkind einer ratlosen Politik. Wo sind die toughen Alten, die, die nicht mit 60 alles fallen lassen, um dann 30 Jahre lang versorgt zu werden? Wenn wir alle älter werden, dann müssen wir auch als Alte unseren Beitrag leisten. Dann haben wir überhaupt nicht das Recht, mit 60 oder 65 die Verantwortung abzugeben.

Vielleicht sagt das ja mal einer diesen alten Leuten, die uns regieren? Und die die Welt noch immer in der Versorgungsmentalität der 1960er Jahre denken. Die Zeiten sind vorbei. Und eigentlich ist es eine politische Unverschämtheit, die Lasten nur den Jungen aufzubürden.

Habe ich jetzt Unverschämtheit geschrieben? Habe ich. Die Variante der Aussage wäre politische Unfähigkeit. Denn die viel beschworenen Generationenverträge funktionieren nur, wenn alle ihren Teil tragen und alle Teil haben. Nur ist das – und das benennt das Heft überhaupt nicht – längst aus dem Lot: Die gesellschaftlichen Lasten tragen die jungen Jahrgänge. Aber die politische Mehrheit haben die Alten. Auch das ist eine Art Gerontokratie. Und es bestimmt die Politik in allen drei Bundesländern. Und das ist zutiefst tragisch.

Wenn das mal in “Regjo” diskutiert wird, könnte es mal ein wirksames Magazin werden.

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