Vor 78 Jahren. Im Gedenken an die Opfer der Pogrome vom 7. bis 13. November 1938

Ein kleiner Exkurs durch jüdische Sportgeschichte (4): Die Zäsur 1935 und das Ende Bar Kochbas + Video

Für alle LeserDie Nürnberger Rassegesetze, welche am 15. September 1935 formell auf dem Reichsparteitag der NSDAP beschlossen werden, erschüttern die Überzeugungen im „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ (RjF) in eine Vereinbarkeit von jüdischem Glauben und dem nationalsozialistischen Führerstaat endgültig. Und verengen gleichzeitig die Möglichkeiten der Makkabi-Bewegung wie auch des Bar Kochba Vereins, in Deutschland zu wirken, deutlich. Was die Nazis von den Bemühungen des RjF halten, zeigt sich im unmittelbar folgenden Verbot jeglicher politischen Tätigkeit bereits 1936 und die Auflösung des Bundes 1938.
Artikelserie "Jüdische Geschichte Bar Kochba" - Teil 4 von 5

Mit den seit 1935 geltenden Heirats­verboten und wei­teren Diskriminie­rungen stellen die Nationalsozialisten damit abschließend die Rassenideolo­gie ins Zentrum ih­rer Politik, jüdische Mitbürger werden nun offiziell als minderwertige Menschen eingestuft. Die jahrelange Hetze und Diskriminierung gegen die Juden zeigt zudem eine weitere Wirkung: Widerspruch gibt es in der deutschen Bevölkerung gegen die Stigmatisierung und Herabsetzung kaum. Das Unrecht wird zunehmend als neue Normalität anerkannt.

Damit sind Juden auch im vormals gern als liberal und weltgewandt gese­henen Leipzig vom öffentlichen Leben nahezu vollständig ausgeschlossen. Zwar bleibt Bar Kochba als eine der wenigen Freizeitbeschäftigungen erhal­ten, doch die Auswanderung setzt nun den Mitgliederzahlen zunehmend zu. Auch wenn man den Spielbetrieb mit hohem Engagement aufrecht halten kann und deutsche Sportler zumindest an der 2. Makkabiade 1935 in Tel Aviv oder bei der Wintermakkabiade in Banská Bystrica (Slowakei) teilneh­men, entsteht durch die antisemitischen Verschärfungen des Nazi-Regimes ein seltsames Paradox.

1937. Der Flurplan der Stadt Leipzig zeigt noch den Sportplatz Bar Kochbas an der Delitzscher Straße. Quelle: d10853 Ausschnitt / Tüpfelhausen e.V.

1937. Der Flurplan der Stadt Leipzig zeigt noch den Sportplatz Bar Kochbas an der Delitzscher Straße. Quelle: d10853 Ausschnitt / Tüpfelhausen e.V.

Die Bemühungen der Makkabi-Bewegung, einer ei­genen Staatsgründung Israels näherzukommen, werden dadurch verstärkt. Der RjF ist gescheitert und schließt sich selbst zunehmend der Bewegung an.

Zwischen 1933 und 1938 emigrieren 11.500 Mitglieder der Makkabi-Sport­vereine aus Deutschland, etwa die Hälfte nach Palästina. Besonders groß ist dabei der Zuzug aus Leipzig, Bar Kochba-Vereinsmitglieder zieht es ins gelobte Land und weg von den ständig mehr werdenden Repressalien. Die restliche Fußballmannschaft muss in den Hauptverein integriert werden, das Grundstück des ehemaligen SK Bar Kochba geht endgültig an den Bar Kochba Leipzig e.V.

Der Terror beendet alles

Ab dem 7. November 1938 setzt in Deutschland eine koordinierte Terrorwelle gegen jüdische Mitbürger ein. Allein bis zum 13. November, mit dem Höhepunkt in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, der zynisch „Reichskristallnacht“ genannten Novemberpogrome fallen in ganz Deutsch­land über 1.400 Synagogen, Betstuben und Vereinsräume, tausende Ge­schäfte, jüdische Friedhöfe und Wohnungen einer bislang nie dagewesenen Terrorwelle zum Opfer. Die Deportation der ersten 30.000 Menschen in Konzentrationslager folgt auf dem Fuße. Nach Jahren der gesetzlichen und gesellschaftlichen Ausgrenzung sowie der geistigen Brandstiftung folgt die grausame Umsetzung in die Tat.

Eine der letzten Zeitungsmeldungen über Bar Kochba im Jahr 1937. Quelle: Tüpfelhausen e.V.

Eine der letzten Zeitungsmeldungen über Bar Kochba im Jahr 1937. Quelle: Tüpfelhausen e.V.

In Leipzig brennt unter anderem die große Synagoge an der Gottschedstra­ße, auch die Geschäftsstelle Bar Kochba Leipzigs wird heimgesucht, durch­wühlt und anschließend zerstört. Bis heute ist das Vereinsarchiv nach diesem Ereignis nicht wieder aufgetaucht, eine Verhaftungswelle rollt auch durch Leipzig. Viele Adressen kommen ausgerechnet aus eben jenen Registern jüdischer Vereine und Unter­nehmen, nun zu einer sogenannten „Judenkartei“ zusammengefasst. Diese wird nun zum Aufspüren von Mitbürgern durch Polizei und Geheimdienste missbraucht.

Diesem Terror hat auch der Bar Kochba Leipzig e.V. nichts mehr entgegen­zusetzen, am 29. März 1939 beschließen die letzten Verbliebenen in einer Generalversammlung die Auflösung des Vereins. Ab jetzt geht es nur noch ums nackte Überleben, während in Deutschland und bald in ganz Europa die systematische Verfolgung und Vernichtung der Juden begonnen hat. Die Bar­barei ersetzt für sieben lange Jahre endgültig die Humanität, der Holocaust wird sich unauslöschlich in das Gewissen der Welt einprä­gen.

Am 14. Mai 1948 verliest Ben Gurion die israelische Unabhängigkeits­erklärung. Der Staat Israel ist geboren.

Vielen Dank für die inhaltliche Unterstützung und Freigabe des Textes/der Bilder an den Verein Tüpfelhausen e.V.. Informationen zum jährlichen Fußball-Begegnungsfest finden sich unter www.fussballbegegnungsfest2016.de

Zeitreise Artikelserien auf der L-IZ.de

www.l-iz.de/artikelserien/oestlich-von-leipzig-1886

www.l-iz.de/artikelserien/westlich-von-leipzig-1886

www.l-iz.de/artikelserien/leipzig-1914

Kirmes in Leipzig 1938 (Video) – Youtube Karl Hoeffkes

Video aus dem Fundus (bei Youtube)
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Eröffnung des Kräutergartens. Foto: Stadtverwaltung Eilenburg

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Nun ja, Ritter trifft man auf dem Burgberg zu Eilenburg nicht mehr an. Die Burg kann auch nicht mehr belagert werden, denn das Schmuckstück existiert ja nur noch in Rudimenten. Aber die Stadt Eilenburg gibt sich einige Mühe, diese einstige Wiege der sächsischen Wettiner wieder erlebbar zu machen. Samt Heinzelmännchen und Kräutergarten.
Leipzig und Dresden haben beim Schaffen neuer Arbeitsplätze die Nase vorn
Beschäftigungsentwicklung 2016 in Sachsen. Grafik: Sächsisches Landesamt für Statistik

Grafik: Sächsisches Landesamt für Statistik

Vielleicht lebt der studierte Maschinenbauer Georg Unland ja wirklich in einem anderen Land. Einem, in dem wirklich keiner leben will, die jungen Menschen fliehen, keiner investiert und Zukunft eine Frage verödeter Landschaften ist. Wenn der Mann sich öffentlich äußert, beschreibt er so das Sachsen der Zukunft. Während das andere Sachsen nicht nur Kinder bekommt und Zuwanderung erhält. Es schafft auch fleißig Arbeitsplätze, wie das Statistische Landesamt am Mittwoch, 21. Juni, meldete.