Nicht nur das neu gestaltete Kindermuseum des Stadtgeschichtlichen Museums wird am heutigen Dienstag, 28. Juli, eröffnet. Es gibt auch eine neue Ausstellung im Studio des Böttchergässchens. Die Ausstellung zu 850 Jahren Nikolaikirche wird abgelöst durch die Ausstellung "Immer wieder neu. 850 Jahre Leipziger Messen". Um 18 Uhr ist die Eröffnung. Auf den ersten Blick ist es wieder so eine Die-Leipziger-lieben-ihre-Messe-Ausstellung.

Mit Messemännchen, Anstecker und Teddybär. Auch die berühmten Messefotos aus der Leipziger Innenstadt der 1920er Jahre fehlen nicht, die Modenschau in den 1970ern und Franz Josef Strauß und Erich Honecker beim Verhandlungsgespräch am Rand der Leipziger Messe.

Die modernen Sofa-Geschichten dominieren über die alten. Und ein Problem hat das Leipziger Stadtmuseum natürlich: Über die Frühzeit der Märkte und Messen in Leipzig gibt es kaum Material, schon gar kein “tolles”, wie es sich Museumsdirektor Dr. Volker Rodekamp immer wünscht für solche Ausstellungen. Museum funktioniert vor allem durch frappierende Exponate. Aber wie presst man 850 Jahre in ein kleines Studio?

Das geht nur, indem man sich auf einige wenige eindrucksvolle Exponate beschränkt. Zum Beispiel einen riesigen Koffer, mit dem Handelsreisende früher unterwegs waren, Musterproben von Plauener Spitzenfabrikanten, fetten Messe-Büchern, als die Messen noch riesige Gesamtschauen der Wirtschaft waren, Pelzen aus einer Zeit, als Leipzigs Brühl die Pelzhauptstadt auf Erden war, oder ein paar eindrucksvollen Urkundenmappen der einst reichen Leipziger Kürschnerinnung. Alles Ausstellungsstücke, die wie der Anfang einer ganzen Kette von Erzählungen wirken.

Genauso übrigens wie die Urkunden, Fotos und Grafiken an der Wand, die zumindest 500 Jahre Messegeschichte bebildern. Das älteste Stück ist das 1497 ausgestellte Messeprivileg Kaiser Maximilian I., das für Leipzig wie die erste Raketenstufe war beim Aufstieg zur führenden Messestadt Deutschlands, die sie im 19. Jahrhundert und im frühen 20. Jahrhundert noch war. Den ältesten sächsischen Händler sieht man auf einem Kostümblatt von 1550. Es gibt die bekannten Karten zu den Einzugsbereichen und Stapelbezirken der Leipziger Messen, die immer mehr wuchsen. Es gibt die romantischen Wimmelbilder der Messen auf dem Markt im 18. Jahrhundert und die der überfüllten Innenstadtstraßen von 1905.

Im Grunde sind Leipzig-Besucher gut beraten, mal in die Studio-Ausstellung hineinzuspähen, denn hier bekommt man so ein Gefühl, warum die Leipziger zu ihrer Messe so eine romantische Beziehung haben. Der Mini-Rundgang endet natürlich nicht mit dem Modell der Neuen Messe von 1993. Denn dahinter lädt das Studio ein zum Filme-Gucken. Denn bei dieser Messeausstellung hat das Stadtgeschichtliche Museum direkt mit dem Sammlungsbestand der Leipziger Messe arbeiten können. Und die Messe hat die Gelegenheit genutzt, auch mal etwas zu zeigen, was sonst in Ausstellungen nicht zu sehen ist: zwei Video-Clips mit Archivaufnahmen der Leipziger Messe.

In einer Ausstellung zur Leipziger Messegeschichte darf das Messemännchen nicht fehlen. Foto: Ralf Julke
In einer Ausstellung zur Leipziger Messegeschichte darf das Messemännchen nicht fehlen. Foto: Ralf Julke

Dazu betritt der Besucher extra eine abgeteilte Filmkammer und kann sich dort aussuchen, welchen Clip er sehen will – auf jeder Seite wird ein anderer gezeigt. Das ist dann quasi so eine Art Zeitkapsel, mit der man noch einmal ins tiefe 20. Jahrhundert taucht – die giftigen Stellen nicht ausgelassen. Und am Ende kommt man dann irgendwie wieder in der Gegenwart an und hat das beunruhigende Gefühl, dass die Vergangenheit irgendwie griffiger und stofflicher war.

Aber die Reise in die Geschichte macht auch klüger, meint Martin Buhl-Wagner, Sprecher der Geschäftsführung der Leipziger Messe. “Man sieht zum Beispiel Fehler, die gemacht wurden, und die man doch lieber heute vermeiden möchte.”

Denn eine Messe zu machen, hing auch immer von der Fähigkeit der Macher ab, sich den neuen Zeiten anzupassen, die Messe also zu modernisieren und möglichst der Konkurrenz auch noch einen Schritt voraus zu sein. Was dann dieses leichte Gefühl der Unbehaglichkeit mit sich bringt. Denn glücklicherweise hatten die Leipziger Messemacher zum Messegeschäft meistens eine ganz und gar nicht romantische Beziehung – anders als die Leipziger, die sich gar nicht mehr einkriegen können, wenn sie einer nach Messeonkels, Messemuddis oder der Jagd nach Hochglanzprospekten westdeutscher Messeaussteller in DDR-Zeiten fragt.

Die Ausstellung “Immer wieder neu. 850 Jahre Leipziger Messen”, wird am heutigen Dienstag, 28. Juli, um 18 Uhr eröffnet. Im Studio des Stadtgeschichtlichen Museums im Böttchergässchen wird sie bis zum 15. November zu sehen sein.

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