Ein Fall für Leo Leu

Was braucht man eigentlich alles für so einen richtigen Fortschritt?

Für alle LeserAus dem Herzen gesprochen und trotzdem daneben. Es gibt ja immer Zeitgenossen, die gern ihre Botschaften an Mauern und Wänden hinterlassen. Selten ohne Ausrufezeichen. Das Ausrufezeichen ist ganz wichtig. Denn irgendwie glauben sie wohl, dass ihre Botschaft sich dann auch gleich in Handlung umsetzt. Quasi wie bei Wuffi: „Sitz! Bell! Spring!“ Oder eben: „There is no progress without struggle!“

Dass auch gleich noch die Autorschaft aus dem autonomen Sprudel dahinter markiert ist, hat mich nicht überrascht. Viel weniger jedenfalls als das Ausrufezeichen. Denn was will der Autor mir damit sagen?

Ist es eine verkappte Abwandlung des alten Spruchs „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“?

Sichtlich nicht. Es fehlt ja die konkrete Aktivität, zu der hier aufgerufen wird. Wofür soll gekämpft werden? Um den Heiligen Gral vielleicht?

Oder ist das Ausrufezeichen nur ein Hinweis auf die Klugheit des Autors, der etwas Wesentliches erkannt hat und das jetzt an hell getünchter Hauswand allen Arbeitsamen im Haus der Demokratie gegenüber ans Herz legt? Zumindest denen, die Englisch können. Warum gibt es solche Sprüche eigentlich nicht mal auf Latein?

Was dann ungefähr so aussehen würde: „Nec proficere sine certamen.“ Jedenfalls schlägt mir das Google als Übersetzung vor. Abgekürzt: ACA… Quatsch … NPSC.

Das klingt doch nach was. Und ums Klingen geht es doch, oder?

Denn dass man kämpfen muss, wenn man etwas erreichen will, das wissen nicht nur unsre ach so braven Straßenbummler und Schlachtenbummler, das wissen auch Sportprofis, Künstler, Politiker und Unternehmensgründer.

Aber.

Aber ist das schon alles? Was kommt nach dem Ausrufezeichen?

Fehlt da nicht etwas? Mir fehlt jedenfalls etwas. Das Ausrufezeichen kommt mir sowieso zu früh. Das ist wie bei einem dieser hemdsärmeligen Motivationstrainer, die ihr Belegschafts-Motivationstraining mit einem lauten und gemeinsamen „Tschakka!“ anfangen, alle sind so richtig motiviert – und dann?

Dann kommt nichts weiter. Da hängt dann das „Tschakka!“ in der Luft, die Leute, deren Arbeitsalltag eh schon aus lauter „Tschakka“ und Raucheroase besteht, sind begeistert. Und die anderen schauen ratlos aus der Wäsche. Weil damit kein einziges ihrer Probleme gelöst wird.

Denn dazu braucht man in der Regel andere Dinge, die nicht so toll klingen wie „Struggle!“ oder „Tschakka“. Ist jedenfalls meine Erfahrung.

Mal für die Leute unter uns als Vorschlag, die mit Englisch durch die Raucherpause müssen:

There is no progress without brain.

There is no progress without a vision.

There is no progress without knowledge.

There is no progress without work.

Oder etwas zugespitzt für die, die das auch in der Schule nicht gelernt haben:

There is no progress without hard work. Very hard work.

Hat übrigens auch ein Bursche namens Marx so gesehen. Der hatte nach Band 1 seines kapitalen Kapitals Furunkel am Hintern und die Luft ging ihm aus, weil er merkte, dass dieses lausige Kapital in einem Band nicht fertig zu machen war und zwei auch nicht reichen würden. Das ist so eine Stelle, an der die meisten Benutzer von Ausrufezeichen den Bettel hinschmeißen und lieber bei einer Firma anheuern, wo sie fürs Stundenabsitzen bezahlt werden. In schönen geordneten Büros zu Beispiel.

Und in der Schule lernen das die Meisten definitiv nicht, jedenfalls nicht in unserer Häppchengesellschaft.

Denn das hier gehört auch noch dazu:

There ist no progress without many lousy days.

Und wir sind ja auch noch in Sachsen. Deswegen fällt natürlich auf, dass das Allerwichtigste fehlt. Deswegen würde ich persönlich ja hinschreiben:

There is no progress without good coffee.

Da fehlt bestimmt noch was. Aber wenn man das alles hat, dann stimmt der Spruch ja: Wer nicht kämpft für seine Vision, der bekommt gar nichts. Oder um meinen freundlichen Großvater zu zitieren: „Geschenkt wird dir hier nichts, mein Junge. Lass dir nichts gefallen.“

War zwar kein guter Ratschlag, denn das haben mir eine Menge Leute krumm genommen und ich hab jede Menge blaue Flecken bekommen, bis ich begriffen habe, dass da immer noch was fehlt. Denn wenn du allein kämpfen musst für deine Vision, dann geht dir ganz schnell die Luft aus.

Also brauchst du noch das hier:

There is no progress without good friends.

Und die bekommt man nicht, indem man sie einfach nur zu irgendeinem Struggle einlädt. Denn diese Art Klopperei ist, wie man ja leider sehen kann, zu einer Art Selbstzweck geraten. Einem Kreislauf des Immergleichen, ohne ein Lichtlein am Horizont, ohne ein greifbares Ziel (und jetzt kommt mir nicht mit leeren Worthülsen mit Ausrufezeichen dahinter). (!!!)

There is no progress without a very good idea.

Und die muss man erst mal haben. Und dann muss man Leute dafür begeistern. Und dann muss man hart dafür arbeiten. Und wenn ihr dann denkt, dass ihr es geschafft habt, dann erinnere ich euch an den Spruch mit dem Kaffee. Und an den wichtigsten, den man sich immer dann sagen muss, wenn alle Welt dir Knüppel zwischen die Beine schmeißt:

There ist no progress without many lousy days.

Aber man kann es sich auch ganz einfach machen und die ganze lausige Arbeit meiden und einfach an die Wände schreiben: „There is no progress without struggle!“ Mit Ausrufezeichen. Ganz wichtig. Hauptsache kämpfen. Wofür auch immer. Nur ja nicht die ganze Kärrnerarbeit machen und Ideen wirklich zur Umsetzung verhelfen. Das müsste man ja, nicht wahr?

Aber wie kämt ihr dazu? Ihr seid ja Kämpfer.

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