Gut Ding will Weile haben. Eine Verwaltung ist zwar ein Amtsschimmel, aber kein Rennpferd. Deswegen dauert es manchmal Generationen, bis alte Beschlüsse endlich umgesetzt sind. Wie auf dem Leipziger Südfriedhof, wo vor über 20 Jahren der Rückbau der sozialistischen Paradestrecke beschlossen wurde, der in Teilen erfolgt ist. Dafür fristen die Opfer des 17. Juni 1953 ein Mauerblümchendasein. Das soll sich ändern.

Zumindest sehen das die Fraktionen von Bündnis 90/Die Grünen, SPD und CDU und die beiden FDP-Stadträte René Hobusch und Sven Morlok so, die jetzt einen gemeinsamen Antrag geschrieben haben, die Gedenkstätte endlich aus ihrem Dornröschendasein herauszuholen und zu einem würdigen Gedenkort zu machen.

Einen richtigen Gedenkort für den 17. Juni hat Leipzig nicht, wenn man von den symbolischen Panzerketten im Salzgässchen und der Gedenktafel für den erschossenen Dieter Teich in der Straße des 17. Juni absieht.

Dabei gibt es eine kleine Grabanlage auf dem Südfriedhof, sehr abgelegen, weil die Machthaber 1953 kein Interesse daran hatten, dass das Urnengrab eines im Zusammenhang mit dem 17. Juni zu Tode Gekommenen überhaupt auffindbar war. Nach 1990 konnte die Anlage dann in freiwilligem Engagement hergerichtet und die Toten konnten mit kleinen Gedenkplatten gewürdigt werden. Nicht alle Namen sind so nachweisbar. Aber die Botschaft ist eindeutig: „Den Opfern der Gewaltherrschaft 1945-1989“.

Die Stadträte greifen nun eine Anregung auf, die Roland Mey schon 2012 in der L-IZ äußerte: Die Anlage aus ihrer Abgeschiedenheit herauszuholen und den Toten an zentralerer Stelle einen würdigen Gedenkort zu schaffen.

„Seit 1945 gab es Widerstand gegen die Errichtung einer kommunistischen Diktatur im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands, der seinen vorläufigen Höhepunkt auch in Leipzig in den Protesten vom 17. Juni 1953 fand. Mit dem Einsatz von Schusswaffen und der Verhängung des Ausnahmezustandes wurden alle Hoffnungen auf Veränderungen zerstört. Neun Tote und mindestens 95 Verletzte waren allein im Bezirk Leipzig zu beklagen“, schreiben die Stadträte in ihrem Antrag. „Auf dem Leipziger Südfriedhof befindet sich seit 1994 eine Grab- und Gedenkanlage ‚Opfer der Gewaltherrschaft von 1945 bis 1989‘, auf dem unter anderem auf kleinen Granitplatten auch die Namen von Toten des 17. Juni 1953 verzeichnet sind. Der Gedenkort für die Opfer des 17. Juni 1953 liegt völlig unscheinbar am äußeren Rand der Friedhofsanlage im Urnengarten Nord. Hingegen wird an zentraler Stelle, direkt an der Hauptachse des Südfriedhofs, im ehemaligen sozialistischen Ehrenhain unter anderem an SED-Funktionäre erinnert.“

Diese Gedenkplatten für die alten SED-Größen scheinen regelrecht Denkmalschutz zu genießen. Dabei hat der Ehrenhain das Potenzial, tatsächlich mal zu einem Gedenkort für die Opfer der Gewalt im 20. Jahrhundert zu werden – dazu gehören auch die Opfer der NS-Zeit. Die letzten Opfer des NS-Regimes bilden ja im Grunde den Auftakt der Reihe.

„Die Etablierung eines erkennbaren Gedenkortes für die Toten des 17. Juni 1953 ist gerade in der Stadt der Friedlichen Revolution wichtig. Kurzfristig sollte dazu die bestehende Gräberanlage erneuert und durch Wegweisung besser auffindbar werden“, machen die beantragenden Stadträte ihren Vorschlag, wie man die Sache anpacken könnte. Perspektivisch aber sollte mehr passieren: „Zur Mahnung und Erinnerung an die erste Demokratiebewegung der DDR sollte außerdem an zentraler Stelle ein Gedenkort geschaffen werden. Dieser kann entlang der Hauptachse eingeordnet werden, die Anlage in der Abteilung VII nachgenutzt und durch eine künstlerische Bearbeitung erkennbar werden. Da auch eine Informationstafel fehlt, wo sämtliche Informationen zu diesem wichtigen Thema enthalten sind, sollte diese an zentraler Stelle angebracht werden. Mit diesem Antrag soll erreicht werden, dass neben der Erinnerung an die Ereignisse des 17. Juni 1953 durch die Panzerspur im Salzgäßchen sowie die Straßenbenennung und die Gedenktafel in der Straße des 17. Juni auch der Opfer des Volksaufstandes würdig gedacht werden kann.“

Wenn die Ratsversammlung den Antrag beschließt, bekommen Leipzigs Friedhofsgärtner wieder ordentlich was zu tun.

Der Antrag: „Der Gedenkort der Opfer der Gewaltherrschaft von 1945-1989 wird bis zum 17. Juni 2017 im Erscheinungsbild erneuert und, wie auch die Grabanlagen einzelner Opfer des 17. Juni 1953, in das Leit- und Wegesystem des Südfriedhofes eingebunden. Auf der vormaligen Anlage neben der Hauptachse des Südfriedhofs mit dem sozialistischen Ehrenhain wird eine künstlerische Würdigung der Opfer der ersten Demokratiebewegung der DDR eingefügt und durch eine Informationstafel mit Erläuterungen zum 17. Juni 1953 im Bezirk Leipzig ergänzt.“

Der Antrag „Würdigung der Opfer des 17. Juni 1953 im Bezirk Leipzig auf dem Südfriedhof“.

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