Nachdenken über ... Ja-aber-Sager

Leo Leu stößt verblüfft auf zwei herzlose Leipziger Nachwuchs-Politiker

Für alle LeserManchmal verblüfft es mich noch. Obwohl es mich nicht mehr verblüffen sollte nach all den eiskalten Gnadenlosigkeiten der Herren de Maizière und Ulbig und wie die Brüder alle heißen, die in unserem Land ein Klima verbreiten, das mit „verkniffen“ noch sehr harmlos umschrieben ist. Was mich aber verblüfft, ist, dass selbst der Nachwuchs der Union schon so gnadenlos ist wie der Herr Bundesabschiebemeister.

In Leipzig sorgt ja gerade die geplante Abschiebung für den 18-jährigen Luan in den Kosovo für Aufregung. Morgen, am 23. Februar 2017 könnte sich die Härtefallkommission noch dazwischenwerfen. Eine Petition hat schon tausende Unterschriften gesammelt. Das kann man unterstützen, sollte man auch, weil schon lange nicht mehr alles mit rechten Dingen zugeht in der deutschen Abschiebemeisterei. Der Bundesminister für Abschiebeangelegenheiten rüffelt ja mittlerweile die Bundesländer öffentlich, die nicht einsehen wollen, dass man in ein Bürgerkriegsland wie Afghanistan unbedingt abschieben muss.

Afghanistan! Merkt der Mann noch was?

Aber er arbeitet ja nun seit Monaten mit seinen Hardliner-Kollegen daran, immer mehr Länder zu „sicheren Herkunftsländern“ zu machen. Der Balkan ist irgendwie schon durch. Das haben die Herren der bürokratischen Menschensortierung schon hinter sich. Damit ist auch das Kosovo irgendwie ein sicheres Herkunftsland, obwohl die meisten Menschen von dort nicht unbedingt vor Bomben fliehen, wenn sie in Deutschland Asyl beantragen, sondern vor schierer Armut.

Das Land steckt auch Jahre nach dem Kosovo-Krieg tief in der wirtschaftlichen Krise, es herrscht Korruption, etliche Mafias haben das Sagen. Die Menschen gehen da weg, weil sie keine Arbeit finden und die gesundheitliche Betreuung nicht zu bezahlen ist. Was auch Luans Eltern getan haben.

Nur dummerweise passen sie mit dieser Flucht vor dem Elend nicht ins Genehmigungsraster des deutschen BAMF. Die Leipziger, die die Petition gegen diese rücksichtslose Abschiebung unterschrieben haben, haben einfach ihr Herz sprechen lassen. Das muss man nicht unterstützen, wenn man meint, bei uns sollte ordentliche Bürokratie herrschen. Aber richtig. Ohne Abstriche. Sonst.

Aber was unsere jungen Unions-Nachwüchsler gestern dazu erklärt haben, das lässt mich frieren.

Da spricht die emotionslose deutsche Bürokratie. In Reinform. Das, was in diesem von Ordnungssinn regierten Land so brandgefährlich ist, weil es so gnadenlos nüchtern denkt wie der Beamte in Kafkas „Strafkolonie“.

Christoph Leonhardt, Vorsitzender der Schüler Union Leipzig, lässt sich mit den Worten zitieren: „Es ist mir unbegreiflich, warum diese Petition solche Wellen schlägt. Bei aller Sympathie für den Einzelfall ist doch klar: Der Asyl-Antrag wurde rechtstaatlich geprüft und abgelehnt. Luans Eltern halten sich illegal in Deutschland auf.“ Oh ja. Das ist der deutsche Rechtsstaat. Wer an sein Herz appelliert, hat ihn nicht verstanden. Er hat keins.

Und Eric Buchmann, Stadtbezirksbeirat Leipzig-Altwest und Lehrer von Beruf: „Seit einigen Jahren haben wir einen enormen Anstieg von Asylanträgen aus Ländern, die tatsächlich Kriegsgebiete sind. Die Menschen von dort fliehen vor dem Tod und nicht selten vor politischer Verfolgung. Doch der Kosovo ist weder ein Krisen- noch ein Kriegsgebiet.“

Doch. Das Kosovo ist ein Krisengebiet.

Es wird nur wenig darüber berichtet, weil die meisten Redaktionen keine Berichterstattung aus diesem armen Winkel Europas bringen. Was man nicht sieht, ist scheinbar nicht existent. Christoph Leonhardt bringt die Effektivität deutscher Bürokratieentscheidungen auf den Punkt: „Es gab ein rechtsstaatliches Verfahren, in dem die Gründe für ein Bleiberecht sorgfältig abgewogen wurden. Das Ergebnis war jedoch die Ablehnung des Antrags.“

Und dann?

Dann kommt etwas, was ich ziemlich erschreckend finde, weil es schon ahnen lässt, was für einen Beruf der Bursche später ergreift und wie er dann mit Menschen umspringen wird: „Ich schätze Luan als Mitschüler, aber der Fall ist schwierig. (…) Das allein genügt aber doch nicht, um die Asylregelungen außer Kraft zu setzen. Wo kommen wir denn da hin? (…) Sicher sind die Kinder immer die Leidtragenden. Ihre Eltern stellen aussichtslose Asylanträge und weigern sich dann bei Ablehnung, das Land wieder zu verlassen. Insofern kann auch Luan einem nur leidtun. Auch wenn es schwer ist, müssen er und seine Mitschüler den rechtskräftigen Beschluss akzeptieren.“

Ja, wo kämen wir da hin?

Vielleicht in ein Land, in dem der Spruch einer Bundeskanzlerin „Wir schaffen das!“ auch ernst gemeint ist und in dem Menschen geholfen wird, die hier um Hilfe anklopfen, egal, ob sie im Sinne deutscher Bürokratie alles richtig gemacht haben. Ein Land, das Menschen, die nicht ins amtliche Raster passen, nicht so unverblümt ins Gesicht sagt: „Verpiss dich.“

Denn genau das haben Sie gesagt, Herr Leonhardt, Herr Buchmann, Herr de Maizière sowieso. Und am schlimmsten, sehr geehrter Herr Leonhardt, fand ich Ihren Spruch: „Ich schätze Luan als Mitschüler, aber …“

Das ist feige und verlogen. Denn wenn sie Luan wirklich schätzen, dann gesellen Sie sich zu denen, die Luan und seinen Eltern zu einer menschlichen Lösung helfen wollen. Dann hängen Sie nicht so ein „aber“ dran, das ein verstecktes „Verpiss dich!“ ist.

Der Fall ist schwierig? Oh ja, den Spruch kennen wir auch von freundlichen deutschen Behörden, die einem erklären, dass Antrag X wegen eines kleinen Fehlers beim Ausfüllen leider, leider abgelehnt werden muss. Das jetzt mal schnell noch korrigieren? „Gaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanz schwierig.“

Das ist das, was unser Land mit Eiseskälte überzogen hat und immer mehr Menschen das Gefühl gibt, dass sie einem riesigen, abweisenden Apparat hilflos gegenüberstehen. Sie kennen das Gefühl vielleicht nicht, vielleicht auch nur noch nicht? Sie sind ja noch so jung … Vielleicht aber glauben Sie auch, das müsse so sein. Ordnung muss sein, nicht war? „Wo kommen wir denn da hin?“

Wenn Sie ahnen würden, wie entlarvend Ihre Entschuldigungen sind, Sie würden ganz schnell nach Hause laufen und sich unter der Bettdecke verkriechen. Vor Scham. Aber vielleicht kennen Sie dieses Gefühl auch nicht. Es würde mich irgendwie nicht überraschen. Wo kämen wir da hin …

Die Petition „Luan soll bleiben“ im Netz

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Leipzig von oben um 1927. Bild: Pro Leipzig Verlag

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