Nachdenken über ... harte Kerle

Warum man türkische Regierungspolitiker derzeit tatsächlich nur vor die Tür setzen kann

Für alle LeserEtwas Positives kann man ja dem Auftreten Donald Trumps abgewinnen: Vor aller Welt zeigt er, wie sich ein Mann mit angeknackstem Selbstbewusstsein benimmt, wenn er den starken Macker heraushängen lässt. Viele Frauen werden das Muster erkennen: Wo das Wissen fehlt und die Kompromissbereitschaft, da tritt dann die ganze Palette des Macho-Getues in Aktion. Andere können das auch. Ein gewisser Mevlüt Çavuşoğlu zum Beispiel, türkischer Außenminister.

„Die Türkei untersteht Ihnen nicht. Sie sind nicht der Chef der Türkei. Sie sind nicht erste Klasse und die Türkei zweite Klasse“, zitiert die „Zeit“ den Mann, nachdem zwei Städte der Bundesrepublik den türkischen Justizminister Bekir Bozdağ (teils aus Sicherheitsgründen) „ausgeladen“ haben, weil er in der Bundesrepublik Wahlkampf für Erdogans umstrittene Verfassungsreform machen wollte. „Wenn Sie mit uns arbeiten wollen, müssen Sie lernen, wie Sie sich uns gegenüber zu verhalten haben“, zitiert die „Zeit“ Çavuşoğlu. „Die Türkei werde die Behandlung ansonsten ‚ohne Zögern mit allen Mitteln‘ erwidern. ‚Dann müssen Sie an die Folgen denken.‘“

Welche Folgen das sein könnten, sagte er nicht.

Das ist Macho-Sprech in Reinkultur. Familientherapeuten kennen diese ganzen Worthülsen von überforderten Eltern, die oft genug tatsächlich in Schlägen für die Kinder enden. Man beherrscht die Situation nicht, flüchtet sich in Drohungen, die das – nicht parierende – Kind dazu bringen sollen, zu tun, was die Eltern befehlen. Und weil das Kind dann meist mit Verweigerung reagiert, werden die Drohungen in der Regel immer weiter gesteigert, bis sich die Androhung unverhofft in ein Ultimatum verwandelt hat: „Wenn du nicht sofort, dann …“

Ja, und dann knallt es in der Regel

Eltern, die sich noch einen Rest Empathie bewahrt haben, sind dann in der Regel selbst verwirrt, wie sie sich wieder haben so weit treiben lassen. Und sie versuchen das Dilemma tatsächlich mit dem Familientherapeuten zu klären. Denn in der Regel haben sie es bei ihren eigenen Eltern auch nicht gelernt, wie man in der Erziehung der Kinder souverän bleibt – auch ohne Drohungen, Lärm und Schläge.

Der Blick auf Erdogan und Kollegen zeigt natürlich, dass diese Art schwarze Erziehung auch in der Politik noch immer virulent ist. Sie beherrschte einst ganze Zeitalter. Die Geschichte der menschlichen Zivilisation ist auch eine Geschichte der mühsamen Überwindung alter, unbewusster Herrschaftsstile und gewaltbasierter politischer Lösungsmodelle. Denn bis in die frühe Neuzeit galt zumeist das Modell: „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt …“

Wenn der politische Gegner der Aufforderung zu parieren nicht genügte, wurden die Truppen in Gang gesetzt. 90 Prozent der Menschheitsgeschichte sind wilde Prügeleien zwischen mächtigen Männern, die ihre Macht damit demonstrierten, dass sie ihre Gegner bedrohten, bekriegten und (wo sie es schafften) komplett vernichteten. Oft genug entstanden kurze Phasen des Friedens nur durch ein Gleichgewicht der Waffen. Zuletzt für die ganze Welt erlebbar im Kalten Krieg und dem Gleichgewicht des Schreckens.

Kurzzeitig durfte die Welt darauf hoffen …

… dass die einschlägigen Politiker etwas draus gelernt hätten und das System der friedlichen Koexistenz weiter ausbauen würden. Aber einige der jüngeren Machos auf Präsidentenstühlen zeigen auch etwas anderes: Dass ganze Gesellschaften wieder rückfällig werden können und die Muster ihrer Kindheit zum Maßstab ihrer Wahlentscheidung machen. Gerade weil sie eingeschüchtert sind von resoluten Männern, die sich mit Drohungen und eigener Unantastbarkeit in Szene setzen, sind sie auch beeindruckt von ihnen.

Das ist das Muster, das sie oft genug nur zu gut von daheim kennen. (Oh ja, schöne Heimat!) Denn es pflanzt sich ja fort, wenn es gesellschaftlich nicht diskutiert wird.

Und patriarchale Gesellschaften diskutieren die Rolle der strengen Familienväter und was sie damit anrichten ja nicht. Im Gegenteil: Wer sie infrage stellt – und sei es gerade aus der Position der Schwäche – der muss mit Bestrafung rechnen. Denn Kritik duldet dieses System nicht, können auch die betroffenen Männer nicht dulden, weil das gesellschaftliche Understatement eben auch bedeutet, dass Männer ihre „Ehre“ verlieren, wenn sie den rigiden Regeln nicht genügen.

Und das gilt nicht nur für die Türkei

Die beklopptesten Filme aus den USA vertreten genau diesen fadenscheinigen Ehrbegriff. So erweist sich das lange Zögern, auch der türkischen Gesellschaft, sich mit ihren patriarchalischen Strukturen zu beschäftigen, in der Gegenwart als höchst fatal. Denn es sind unübersehbar Männer mit solchen patriarchalischen Haltungen, die mit Erdogans Präsidentschaft an die Macht gekommen sind.

Sie können mit Kritik oder Widerstand nicht umgehen und reagieren genauso wie der überforderte Vater, wenn das Kind nicht stillsitzen will: Mit den eingeübten Floskeln.

Ob sie mit Inhalt gefüllt werden, ist eigentlich völlig beiläufig. Denn das Grundproblem ist, dass diese Haltung unfähig macht, einen politischen Dialog auf Augenhöhe zu führen. Die eigene Position ist sakrosankt, darf nicht hinterfragt werden. In der öffentlich gezeigten Kompromisslosigkeit zeigt sich die eigentliche Schwäche. Was wie Härte aussieht, ist die eigentlich fehlende Fähigkeit zum Dialog, zum Kompromiss, zur Empathie. Man gibt sich steif und starr – aber Kinder, die solche Väter erlebt haben, wissen, dass man am Ende vor einem riesigen Loch steht: Außer Gewalt und Drohungen ist da nichts, keine Gesprächsbasis, kein Gefühl von Vertrautheit, keine Erinnerung an gemeinsam Erreichtes.

Und das wollen wir auch nicht nur bei Erdogan und seinen traurigen Amtsträgern lassen, die in ihrem wilden Drohen eigentlich erst sichtbar machen, dass sich hinter der „männlichen Härte“ tatsächlich nur menschliche Schwäche verbirgt: die eigentliche Verzweiflung der Allmächtigen darüber, dass ihr Gegenüber nicht einfach pariert und gehorcht. Nur wirkt das ziemlich lächerlich, wenn dabei gleich noch die Wirtschaft des Landes in Schieflage gerät.

Denn dass die Türkei in den vergangenen zehn Jahren eine Art kleiner Panther am Bosporus wurde, hatte ja mit der Erwartung von Unternehmern und Investoren zu tun, dass das Land die Bedingungen schafft, um Mitglied der EU werden zu können. Doch genau diesen Prozess hat Erdogan unterbrochen – und lamentiert seitdem, dass die Europäer den Beitritt verzögern würden.

Da will ein eitler Mann den Beitritt quasi geschenkt

Obwohl er die Bedingungen nicht erfüllt und sein Land mittlerweile in eine patriarchale Tyrannei verwandelt, irgendwie hinterlegt mit dem Traum vom Sultanat. Es verblüfft eigentlich nicht, dass gerade diese polternden schwachen Männer ihre Zukunft allesamt in der Vergangenheit sehen – Donald Trump ja genauso, Nigel Farrage, Victor Orban und wie diese ganzen seltsamen Männer alle heißen. Dass sie so auftrumpfen können, zeigt natürlich, wie leicht verführbar Menschen für die „Magie“ der schwarzen Erziehung noch immer sind. Immerhin ist es gerade für die Schwachen und Überforderten ein Angebot, mit dem sie sich gegenüber noch Schwächeren wieder stark fühlen können.

Nicht mal ahnend, dass dieses Starksein gegen Schwache ihre eigentliche Schwäche verrät …

… ihre Hilflosigkeit und ihre Angst vor Verantwortung. Aber auch ihre tatsächliche Angst vor den Schwächeren. Frauen und Kinder, die sich gegen solche Typen schon mal zur Wehr gesetzt haben, wissen es. Wenn man ihnen die Befehlsgewalt nimmt, werden sie hilflos wie Babys und wissen nicht, wie ihnen passiert. Und dann ist das Gejammer groß: „Aber ich wollte doch bloß …“

Çavuşoğlu forderte eine Behandlung „auf Augenhöhe“. Aber wer droht, um so eine Behandlung zu erzwingen, der hat die Augenhöhe selbst verlassen, der steht schon kurz vorm Ausrasten.

Entgegensetzen kann man dem eigentlich kein freundliches Gespräch mehr, auch wenn es Bundeskanzlerin Angela Merkel wieder versucht. Eigentlich kann man solchen Männern nur noch eine Liste vorlegen mit allen Forderungen, die sie erst mal erfüllen müssen, bevor ein gleichberechtigtes Gespräch wieder möglich ist. Denn wenn sich diese Männer nicht ändern, hören sie ja auch nicht zu. Frauen wissen ja davon ein Lied zu singen. Selbst wenn sie – sichtlich wütend – „Ja, ja!“ gesagt haben, gehen sie hinterher in die Kneipe, besaufen sich und kommen dann mit denselben ausgeleierten Drohungen zurück.

Man muss diesen Typen nicht drohen. Aber man muss ihnen klare Regeln setzen. Sonst kapieren sie es einfach nicht.

In eigener Sache: Lokaler Journalismus in Leipzig sucht Unterstützer

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