Nachdenken über ... radikas Geschwurbel

Der Fall Sieferle und das intellektuelle Besäufnis an Mythen und Weltenbränden

Für alle LeserIn den "großen" Zeitungen unseres Landes wird derzeit recht emsig diskutiert über den Fall „Finis Germania“, jenes „rechtslastige Buch“ (Zeit), das zum Erschrecken gerade beim NDR auf der Juni-Liste der „Sachbücher des Monats“ auftauchte. Platziert, wie man nun erfuhr, von einem „Spiegel“-Redakteur, der diese Platzierung doch sehr eigenwillig interpretiert.

Er habe „bewusst ein sehr provokantes Buch der Geschichts- und Gegenwartsdeutung zur Diskussion bringen wollen“, schreibt der studierte Germanist und „Spiegel“-Autor Johannes Saltzwedel, der das Buch mit vollen 20 Punkten bewertete und damit durch sein Einzelvotum dafür sorgte, dass das Buch auf die Empfehlungsliste kam.

Schon der Verlag hätte alarmieren müssen, denn der Verlag Antaios, wo Rolf Peter Sieferles posthumer Essayband erschien, gehört zur Welt des neurechten Publizisten Götz Kubitschek. Was in Sieferles nachgelassenen Essays zu lesen steht, beurteilen die Zeitungen, die über den Vorfall jetzt berichten, recht drastisch. Einige Aussagen im Buch seien womöglich sogar strafwürdig. Und so recht mag man Saltzwedel die Entschuldung, Sieferles Aufzeichnungen seien „die eines final Erbitterten, gewollt riskant formuliert in aphoristischer Zuspitzung“, nicht glauben.

Aber da wird es schon spannend. Denn nach Sieferles Freitod 2016 äußerten sich die großen Zeitungen über den Heidelberger Historiker in ganz ähnlichem Ton. Obwohl seit 1995 deutlich war, dass Sieferle seine Position und seine Schriften auch dazu nutzte, „den Nazi-Schatten, der auf den geschätzten präfaschistischen Autoren lastet, zu verwischen.“ So zitiert auch Wikipedia die beiden Autoren Dirk Kretschmer und Siegfried Jäger, die sich schon 1995 mit dem Aufkommen der neuen Rechten in Deutschland beschäftigten und dem massiven Versuch, die völkisch-nationalistischen Autoren der Vor-Nazi-Zeit wieder hoffähig zu machen.

Und zu deren Postulaten dieser Vor-Denker gehörte eindeutig auch das apokalyptische Weltbild, das auch Sieferle zeichnete und in der Flüchtlingsdebatte auch mehrfach öffentlich vertrat. Man hätte also auch in den Redaktionen alarmiert sein müssen. Wie weit rechts er war, macht Jan Grossarth in der FAZ deutlich, wenn er Sieferle aus dem Jahr 2016 zitiert: „Ultima ratio der Politik ist der Krieg: die Bereitschaft zur Selbsthingabe des Individuums für eine höhere Sache, für eine Gemeinschaft, zum Opfertod.“

Das ist der Humus, aus dem der Faschismus wächst

Seltsamerweise war man aber nicht alarmiert und behandelte den Mann so, als sei er am Ende nur ein verzweifelter Geist gewesen. Vielleicht war er das auch. „Das späte Denken dieses alten, kranken Mannes, der als Student im linksradikalen SDS wirkte, war durch und durch antifreiheitlich und ressentimenterfüllt. Es wurzelt in Ideen der völkischen Rechten, die dem Nationalsozialismus vorangingen“, schreibt Grossarth.

Und das wirft ein Licht auf eine Garde solcher Schwergewichte der westdeutschen Geisteswissenschaften, die irgendwie alle mal „links“ angefangen haben. Linksradikal, wie Grossarth schreibt. Und dann augenscheinlich völlig ans andere Ende der politischen Skala durchgerauscht sind.

Geht das überhaupt? Wenn man links mit links verwechselt, geht das. Aber vielleicht müssen das auch die Linken erst wieder lernen, nachdem ihnen die SPD verloren gegangen ist, und die radikalen Weltverbesserungsideen allesamt in Katastrophen geendet sind. Statt wirklich linke Ideen und Weltvorstellungen zu leben, sich mit ihnen zu identifizieren und sich damit als (progressiver) Teil einer Gesellschaft zu artikulieren, zu deren Wesen die Vielfalt der Haltungen und Wertvorstellungen gehört, passiert etwas Unerhörtes, wenn man den „linken“ Inhalt eigentlich nicht teilt, aber sich die „Sache“ zu eigen macht.

Radikale reden gern von „der Sache“

Und das Wichtigste, was man aus Stefan Austs Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ lernen kann, ist, was passiert, wenn (junge) Menschen aufhören, ihre Mitwelt zu respektieren und die Veränderung nicht mehr im Diskurs, dem friedlichen Streit und dem friedlichen Tun suchen.

Dass all ihre schönen Botschaften sofort inhaltsleer werden, wenn sie anfangen zu Gewalt zu greifen und Gewalt als (einzig) legitimes Mittel betrachten, anderen ihre Vorstellungen davon, wie die Welt zu sein hat, aufzuzwingen, macht diese radikalisierten Bewegungen so unfassbar: Ihre Botschaften werden zu Parolen, denen die Bilder, die sie produzieren, völlig widersprechen.

Sie sind nicht mehr geerdet. Und damit fehlen die Rückkopplungen, die Korrekturen, die jeder Mensch immer wieder erlebt, wenn er mit Mitmenschen versucht, seine „Sicht auf die Dinge“ zu befragen. Die meisten Menschen tun das nicht. Stimmt. Die brabbeln vor sich hin und sind auf ihre Weise rechthaberisch, beratungsresistent und einsam. Denn wer anderen fortwährend seine Meinung aufs Auge drückt, der ist einsam. Der führt einen lebenslangen Monolog und erlebt die Kraft des Dialogs nicht.

So, wie die Neuen Rechten auch heute noch einsam sind

Denn ihr Ideen-Gebäude hat wenig bis nichts mit der realen Welt zu tun. Es ist eine mythische Überhöhung. So wie einst die maoistischen oder leninistischen und anderen „linken“ Ideen-Gebäude eine Überhöhung waren, der gnadenlose Entwurf eines Utopia, einer anderen Welt mit „neuen Menschen“, die nur auf eine Weise zu verwirklichen ist: mit blutiger Gewalt, Auslese und Indoktrination.

Darum sind sich die hermetischen Ideologien alle gleich – und sie führen alle zum selben Ergebnis, zu dem, was man unter Stalin in der Sowjetunion erlebte, oder zum Spiegelbild in braun, wie es die deutschen Nationalsozialisten mit ihren rechten Vordenkern in Deutschland verwirklichten. In beiden Regimen kamen die humanistischen Werte unter die Räder, riskierte jeder, der Menschenwürde und Respekt einklagte, den Tod.

Das Tragische an diesen Weltsichten aber ist, dass sie keine „Erlösung“ kennen. Das alles bedrückende Ideal kennt keine menschliche Erfüllung für den einzelnen Menschen. „Die Partei hat immer Recht“, die Sache ist wichtiger als der Einzelne, und immer geht es um einen großen, gigantischen Showdown, ein „letztes Gefecht“, wie einst auch mal die Arbeiter sangen. Und dann?

Da ist die neurechte Ideologie genauso trunken von Blut wie die linksradikale Welteroberung

Es gibt kein greifbares Danach. Es gibt auch kein Rettungsangebot für die Wirklichkeit. Man kann sich besaufen an diesen übersteigerten Bildern von Kampf und Krieg und Sieg. Aber zwei blutige Kriege im 20. Jahrhundert haben eigentlich gezeigt, was am Ende übrig bleibt: ein kaputtes Land, eine kaputte Wirtschaft, hoffnungslose Menschen. Und die Aufgabe, alles wieder mit unendlicher Mühe aufzubauen.

Es ist egal, in welcher Farbe man die radikalen Ideen anmalt, ob rot, braun, schwarz oder blau. Sie existieren jenseits unserer Wirklichkeit. Und nur dort. Sie bieten keine Lösungen, nur lauter farbenprächtige Weltuntergänge für junge Menschen, die sich in jede Schlacht stürzen, die irgendwie glorreich aussieht. Vorher.

Tatsächlich sind es Fata Morganas (oft von reichen alten Herren finanziert, die sehr wohl wissen, wie man mit diesen verlogenen Welten Politik macht und den eigenen Reichtum mehrt).

Dass man mit so einer Fata Morgana im Kopf Geschichtsprofessor an einer deutschen Universität werden kann, ist vielleicht nicht verblüffend. Denn es wirkt irgendwie „provokant“, wie Saltzwedel meint. Man hat eine „Gegenwartsdeutung“ vor sich, die irgendwie „interessant“ aussieht, mal etwas anders, ein bisschen mythisch, kriegerisch, fatalistisch. Das müffelt regelrecht.

Nur kommt es nirgendwo zum Punkt. Es dreht sich im Kreis, fabuliert eine romantische Bedeutsamkeit, klingt groß und bühnenreif.

Weshalb auch der eigentlich längst tote Ernst Jünger pünktlich zum Ersten-Weltkriegs-Jubiläum wieder ausgegraben wurde. Es ist geballte Endzeitstimmung. Und wer mit prophetischer Bedeutsamkeit immerfort den „Untergang des Abendlandes“ beschwört, der gibt sich natürlich nicht mit dem ach so kleinformatigen Leben ab.

Glücklich aber wird er auch nicht. Er bleibt einsam. Denn so eine Sicht auf die Welt macht eigentlich trostlos. Hilflos sowieso, wenn immerfort andere Menschen(massen) das Heiligtum bedrohen.

Richtig gelöst von der romantischen Überhöhung von Reich und Volk und Krieg, wie sie die deutschen „Dichter und Denker“ im späten 19. Jahrhundert zusammengedichtet haben, hat sich ein Großteil der westdeutschen Intellektuellen bis heute nicht. Deswegen sind die Grenzen so fließend und man wundert sich nur, dass ein Mann wie Sieferle noch in Nachrufen beweihräuchert wurde.

Ich habe bewusst westdeutsche Intellektuelle geschrieben

Denn die ostdeutschen Intellektuellen sind seit 27 Jahren praktisch verstummt. Wenn man von Journalisten wie Jens Bisky absieht, der als erster und einziger in der Sachbuch-Jury konsequent gehandelt und diese Jury verlassen hat.

Radikalismus fängt mit falschen Mythen an, mit (Groß-)Denkern, die glauben, die Menschheit (oder auch nur „das Volk“) erlösen zu müssen und aufstacheln zu großen (Helden-)Taten. Solange diese geistige Kraftprotzerei tatsächlich als ernst zu nehmende wissenschaftliche Grundlage in einigen Forschungsfeldern akzeptiert wird, solange sind auch unsere gesellschaftliche Debatten ziemlich verworren, weltfremd und (im Subtext) eben auch gefühllos und menschenfeindlich.

Denn da sind sich die radikalen Denker immer einig, egal, welcher Partei sie angehören: in der Verachtung des irdischen, sorgenden, ums Leben kämpfenden Menschen.

Überall da, wo diese Verachtung sichtbar wird, da sollten auch in deutschen Redaktionsstuben die Alarmglocken schrillen. So etwas hofiert man nicht, sondern kritisiert es. Auch und gerade im Namen einer humanistischen Gesellschaft.

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