Die Welt ist zweigeteilt. In die, die das Geld verwalten - und in die, die das Konfetti verteilen. Es wird ja viel diskutiert über die ach so miese Lage der Medien im Land und das böse Internet und die Vergütungsmodelle. Ich bin alt und dick genug, um noch die Zeiten zu kennen, als Presseabteilungen noch Presseabteilungen waren und keine Ramschläden.

Das ist lange her. Aus den Journalistenlehrstühlen an den Universitäten sind erst Kommunikationswissenschaftslehrstühle geworden – so wissenschaftlich wie die Horoskopabteilung eines Bezahlsenders. Dann wurde – siehe Leipzig – ein PR-Lehrstuhl drangepappt. Und jetzt wird die Welt mit smarten jungen Leuten geschwemmt, die alles gelernt haben über Durchdringungseffekte und Kampagnenerfolgsmessung – nur nicht zu fragen, nachzudenken und hinzuschauen.

Denn sie sind ja nicht doof. Wer seinen Darwin begriffen hat, der weiß: Es ist viel besser, ein kichernder Wüstenfuchs zu werden als ein müder Karrengaul, der Tag für Tag gute Geschichten durch die Welt zieht.

Braucht noch jemand gute Geschichten? Will noch jemand wissen, wie es hinter der schönen Fassade aussieht?

Wenn man die schöne neue Welt des Marketing so betrachtet, wohl nicht. Die alten Presseabteilungen gibt es so nicht mehr. Man hat sie amputiert. Sie dürfen nur noch mit den Karrengäulen sprechen, schön Wetter machen und so tun, als dürften sie irgendwas verraten über den Laden, für den sie arbeiten.

In homoöpathischen Portionen, das schon. Dann und wenn, wenn der Karrengaul sowas wie Ungeduld zeigt.

Für die Medien- und Marketingkampagnen, wie das heute heißt, sind sie schon lange nicht mehr zuständig. Dafür wurden überall neue Abteilungen gegründet. Marketingabteilungen. Sie verwalten die Budgets. Wer nicht brav ist, bekommt nix, klare Faustregel. Und weil sie im Studium alle gelernt haben, dass man im Journalismus strikt auf Trennung von Werbung und Inhalt achten muss, haben sie zwar die Mauern hochgezogen. Aber nur zum Teil. Hintenrum gibt’s immer Trampelpfade.

Sie suchen sich ihre Wege zu den verkappten “richtigen Journalisten” aus.

Sie rufen an.
Lauter fröhliche Leute. Gestern erst wieder erfreute ein Anruf aus Düsseldorf oder Fürth unsere Redaktion. Irgendwo da hinten in der Provinz der ewigen Fröhlichkeit wird eine neue Werbekampagne für ein hübsches Automobil vorbereitet. Man hat dafür einen “durch Fernsehen und andere Medien” bekannten Spaßvogel gefunden – in diesem Fall den Frontmann von Fanta Vier. Und die schöne Einladung am Telefon lautete:

“Ich hab da eine schöne Geschichte für sie.”

So fängt das immer an.

Ich hab da eine schöne Geschichte für Sie. Eine schöne Geschichte wäre: Wir bekommen eine Liste mit sächsischen Steuersündern geschickt, die ihr Konto jüngst noch bei der UBS hatten. Oder die Kollegen haben rausgefunden, dass derselbe Mann, der die Planungen für den Leipziger City-Tunnel gemacht hat, auch für “Stuttgart 21” verantwortlich war. Irgendwie sowas.

Schöne Geschichten eben. Aber diese schöne Geschichte ging so: Wer hat Lust mit dem Frontsänger einer medienbekannten Sängertruppe in einem neuen Auto ein Stück durch die Gegend zu fahren? Ist natürlich ein Problem in einer eher von Männern besetzten Tagesredaktion: Willst du, fragt mich der Chefredakteur und grinst auch noch.

Bei den Mädels von “Pussy Riot” hätte ich sofort zugesagt. Da bin ich ehrlich. Da hätte ich auch noch mein Schulrussisch reaktiviert. Aber mit dem Sängerknaben von Fanta Vier? Tut mir leid. Auch unsereiner hat eine Schmerzgrenze. Hätte der Cheffe nicht schon aufgelegt mit einem knurrigen “Nein, danke”, ich hätte der Dame aus Wiebelskirchen oder Lörrach, wo sie nun herkam, schon was erzählt. Nicht viel.

Vielleicht auch nur das, was mir die letzte fröhliche PR-Maus am Telefon entlockt hat. Oder die davor. “Wir haben hier ein tolles Haus, das auf dem Kopf steht. Ist doch eine tolle Geschichte für Sie?”

Öh?

“Wir wollen das in Leipzig da in ihr wirklich tolles Einkaufscenter stellen – wie heißt es doch gleich?”

“In die Innenstadt auf den Markt.”

“Ich hab’s gleich. Ja, hier steht’s: nova eventis …”

Öh.

Da haben wir uns nur alle angeguckt. Ist da drüben das ganze Jahr über Karneval?

Natürlich kommen wir jetzt für die scharfe Werbekampagne mit Sängerknaben und schnittigem Auto überhaupt nicht mehr in Frage. Wir sind im PR-Test durchgerasselt.

Aber – und jetzt dürfen alle Leipziger gespitzt sein – jetzt dürfen Sie aufpassen, in welchem Leipziger Medium diese Geschichte auftauchen wird. Und Sie dürfen dort lesen, mit welcher Begeisterung der oder die Reaktionsmaus darüber schreiben wird – mit großem breiten Seitenfoto von einem stadtbekannten Fotografen. Und wenn Sie die Geschichte irgendwann in nächster Zeit gefunden haben, dürfen Sie uns erzählen, wie Sie sich dabei gefühlt haben.

Darauf sind wir gespannt.

Ich besonders,

Ihr Leo Leu

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