Mit dem Buch sei seinem Großonkel Martin Kober ein virtueller Grabstein gesetzt, sagt der Journalist Jochen Leibel, Jahrgang 1940. Gemeinsam mit seiner Mutter überlebte er die Shoah, weil mutige Leipziger beide versteckten. Das nun erschienene Buch "Der Brief" rekonstruiert das Leben Martin Kobers, der in Auschwitz ermordet wurde. "In der jüdischen Tradition hat ein Grabstein eine noch größere Bedeutung als im Christentum", sagt ein sichtlich ergriffener Jochen Leibel in dieser Woche im Leipziger Neuen Rathaus.

“Martin Kober hat nun einen Grabstein, in Schwarz auf Weiß geschrieben”, so der 1940 in Leipzig geborene Leibel weiter.

Dieser virtuelle Grabstein ist das Buch “Der Brief”, das Schüler des Leipziger Anton-Philipp-Reclam-Gymnasiums gemeinsam mit den Projektbeteiligten vom Erich-Zeigner-Haus-Verein nun vorlegen. Erschienen ist es in der Leipziger Edition Hamouda.

Das Buch ist ein deutsch-französisches Gemeinschaftswerk, geschrieben in beiden Sprachen. Seit 2009 rekonstruierten Schülerinnen und Schüler des Leipziger Reclam-Gymnasiums und des Lycee Ampere Saxe in Leipzigs Partnerstadt Lyon das Leben des gebürtigen Oberschlesiers und späteren Leipzigers Martin Kober (1890 – 1942).

Nun liegt es vor. Gewidmet ist das Buch der am 3. Juni 2012 gestorbenen Leipzigerin Johanna Landgraf. Sie versteckte die Leipziger Jüdin Käthe Leibel und deren Sohn Jochen während der NS-Zeit. So überlebten beide die Shoah.

Jochen Leibels Großonkel Martin Kober entkam der NS-Mordmaschine trotz mehrfacher Flucht nicht. Sein letzter frei gewählter Wohnsitz befand sich in der heutigen Friedrich-Ebert-Straße/ Ecke Mendelssohnstraße. Dort erinnert seit dem Oktober 2008 ein Stolperstein an sein Schicksal. Im Ranstädter Steinweg betrieb die Familie ein Textilgeschäft.

Am 9. Januar 1940 floh Martin Kober aus Leipzig. Aus der Stadt, in die seine Familie aus dem östlichen Oberschlesien gekommen war. Geboren wurde Martin Kober am 12. März 1890 in dem Dorf Jaratschewo. Mark Tippmann hat die Fakten über die geografischen Wurzeln der Familie zusammengetragen. Bei der Präsentation ruft er die blutigen Wirren in der Gegend in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in Erinnerung, als dort die Grenzen zwischen Deutschland und dem wiedererstandenen Polen neu gezogen wurden.Ein Exkurs über eine verfehlte Asylpolitik

Leipzig konnte während der NS-Zeit kein sicherer Platz mehr für jüdische Mitbürger sein. Martin Kobers Fluchtziel war die Schweiz: geografisch und sprachlich nah, wirtschaftlich potent, demokratisch und politisch neutral. Diese Neutralität gegenüber dem übermächtigen Nachbarn im Norden wollten die Eidgenossen auch dadurch gewahrt wissen, dass sie in diesen Jahren ihre Einreise-, Visums- und Asylpolitik beständig verschärften. Insbesondere von Deutschland “rassisch” verfolgte Juden traf der Bann.

Die Schülerin Henriette Pracht hat das Kapitel “Martin Kober und die Schweiz” verfasst. Sie trägt es bei der Präsentation vor. Ebenso wie den “Exkurs/ Hintergrundwissen: Schweiz”. Dort wird akribisch erläutert, wie sich die Schweiz gegen nicht genehme Zufluchtsuchende zusehends abschottete.

Verschiedentlich ist diskutiert worden, inwieweit sich für junge Deutsche mit zunehmender zeitlicher Distanz zur NS-Diktatur die Betrachtungsperspektiven ändern könnten oder sogar sollten. So gesehen könnte für jene, die die Bundesrepublik für hinreichend NS-resistent halten, die Beschäftigung mit der Schweizer Ausländer- und Asylpolitik jener Jahre die Sinne schärfen. Schärfen für die Asyldebatten, die derzeit in Deutschland und Leipzig geführt werden.
Da Martin Kober in der Schweiz dauerhaft keine Zuflucht findet, schlägt er sich nach Belgien durch. Für den Mai 1940 ist er in Brüssel registriert, bei den Meldeunterlagen findet sich ein Foto. Beides förderten erstmals die Nachforschungen der Lyoner und Leipziger Schüler hervor.

Über die belgischen Atlantikhäfen in den “safe haven” USA, das war Kobers Plan. Doch in der belgischen Metropole holt ihn die vorrückende Wehrmacht ein. Es folgt die Deportation in den NS-Satellitenstaat Vichy-Frankreich.

An die Torturen in den Lagern Gurs und des Milles schließt sich dann die Deportation mit dem Zug via Paris und Leipzig in die Todesfabrik Auschwitz an. Auf dem ihm gewidmeten Stolperstein ist der 17. August 1942 als Todestag von Martin Kober vermerkt. “Da Martin Kober zu diesem Zeitpunkt 52 Jahre alt war und nicht in den Todeslisten zu finden ist, müssen wir davon ausgehen, dass er, wenn er den Transport überlebt hat, unmittelbar nach seiner Ankunft vergast worden ist”, schreiben die Schüler in dem Buch.

Ein hervorragendes Buch, ohne jeden SchnörkelSeinen Namen hat das Buch nach dem Brief, den Martin Kober bei dem Zwischenstopp in Leipzig auf die Gleise warf. Er sollte seine Verwandten in seiner Heimatstadt erreichen. Und in der Tat kam “Der Brief” auf verschlungenen Wegen bei Käthe Leibel an. Ein Geschehen, auf das sonst nicht einmal Autoren kommen, wenn sie Menschheitsgeschichte als kompakte Familiensaga erzählen wollen.

Vieles ist in dem Buch ausgesprochen und niedergeschrieben. Manches nicht. Victoria Ebert zitiert bei der Präsentation aus ihrem Tagebucheintrag “Der letzte Tag” über den gemeinsamen Besuch der jungen Lyoner und Leipziger in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald. “Das meiste der Gedanken ließe sich ohnehin nicht in Worte fassen”, schreibt die Gymnasiastin über die Eindrücke vom Ettersberg.

“Ein hervorragendes Buch, ohne jeden Schnörkel”, lobt der Journalist Jochen Leibel am Ende das Gemeinschaftswerk der Schüler aus Leipzig und Lyon. Apropos Lyon. Hier steht 1987 (!) mit Klaus Barbie der deutsche Polizeichef der Region wegen seiner Verbrechen während der NS-Zeit vor Gericht.

Jochen Leibel ist als Reporter vor Ort. In den Todeslisten Barbies stößt er auf den Namen seines Großonkels Martin Kober. Er beginnt mit den Nachforschungen nach dem Verwandten. Nun, ein Vierteljahrhundert später, hält er die von Schülern rekonstruierte Biografie seines Großonkels gebunden in der Hand.

“Der Brief. La lettre”. Eine deutsch-französische Zeitreise von Jugendlichen auf der Suche nach dem Briefverfasser Martin Kober. Vorwort von Günter Wallraff. Herausgegeben von Erich-Zeigner-Haus e.V., 224 Seiten, ISBN: 978-3-940075-70-3, 10 Euro, Edition Hamouda, Leipzig 2012.

www.hamouda.de

www.erich-zeigner-haus-ev.de

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