Es passt in die Zeit, und die Stadt Leipzig hätte ein richtiges Achtungszeichen setzen können, als die sächsische Regierung den zunehmenden rechtsradikalen Krawallen vor sächsischen Asylbewerberunterkünften immer ratloser gegenüber stand. Mit Blitzlichtgewitter hätte die Stadt ihren Beitritt zur "Charta der Vielfalt" verkünden können. Denn seit August ist Leipzig da Mitglied. Und keiner hat's gemerkt.

Doch: die Grünen. Denn das Thema liegt ja seit einem Jahr auf dem Tisch. In der Ratsversammlung vom Juli 2014 hat der Stadtrat einstimmig den Beitritt der Stadt Leipzig zur “Charta der Vielfalt” beschlossen und beauftragte damit den Oberbürgermeister, diese zu unterzeichnen. Und einstimmig will im Leipziger Stadtrat was heißen. Da steht ein ganzes Kommunalparlament in all seinen politischen Farben dazu, dass die Stadt in der Vielfalt der Kulturen ihre Identität hat. In der ganzen Vielfalt, und das ist eine Menge. Das muss man erst mal aushalten, wenn man’s vorher nicht gelernt hat.

Aber Leipzig als weltoffene und Handelsstadt hat es gelernt. Hier weiß man, dass in der Vielfalt alle Chancen stecken für eine Stadt, die erfolgeich sein will.

Die Definition: Die Umsetzung der „Charta der Vielfalt“ hat zum Ziel, in Unternehmen oder Organisationen ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das frei von Vorurteilen ist. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen Wertschätzung erfahren. Diversität (Vielfalt und Unterschiedlichkeit) von Beschäftigten, Kunden und Kooperationspartnern soll für ein erfolgreiches unternehmerisches Handeln nutzbar gemacht werden. Diversitätsmanagement bezieht sich nicht nur auf Migration/ethnische Herkunft/Religion, sondern auch auf Geschlecht (Gender Mainstreaming), Alter, Behinderung, Weltanschauung, sexuelle Orientierung und Identität.

Aber wie gesagt: Die Unterschriftsleistung des OBM fand nicht im Blitzlichtgewitter statt.

Auf der Website des Vereins fanden die Grünen die frohe Kunde und freuen sich entsprechend: “Der Verein Charta der Vielfalt e. V. informiert zur Freude der Stadtratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen auf seinem Internetportal , dass die Stadt Leipzig seit August 2015 Mitglied ist. Dies wurde bislang allerdings nicht von der Stadt Leipzig nach außen kommuniziert.”

Da hätte man doch eigentlich was draus machen können, findet Tim Elschner, verwaltungspolitischer Sprecher der Stadtratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen: „Seit 2010 gibt es den Verein Charta der Vielfalt e.V. Die ‘Charta der Vielfalt’ ist eine Unternehmensinitiative zur Förderung von Vielfalt in Unternehmen und Institutionen. Schirmherrin der Initiative ist Bundeskanzlerin Angela Merkel. Immer mehr Unternehmen in Deutschland unterzeichnen die Charta. Für den öffentlichen Dienst haben auch Großstädte wie Köln, München, Stuttgart oder Frankfurt/Main die Charta mittlerweile unterzeichnet. Deshalb freut sich meine Fraktion, dass nachdem der Stadtrat bereits im Juli 2014 die Weichen für die Mitgliedschaft gestellt hat, es offensichtlich nach mehr als einem Jahr nun endlich auch zur Unterzeichnung der ‘Charta der Vielfalt’ durch den Oberbürgermeister gekommen ist.”

Aber statt das Ganze medienwirksam zu zelebrieren, gibt es noch nicht einmal eine Meldung aus dem Rathaus. Sind dort tatsächlich noch alle außer dem Leiter des Referats für Migration und Integration, Stojan Gugutschkow, der nun auch Ansprechpartner für die Vielfalt ist, im Urlaub?

“Allerdings ist für uns irritierend, dass die Stadt Leipzig weder die Öffentlichkeit noch den Stadtrat über dieses Ereignis bislang informiert hat”, sagt Elsschner. “Wir würden es begrüßen, wenn es zeitnah weitere Informationen etwa zur Übergabe der Urkunde seitens der Stadtverwaltung gibt. Wir sind der Auffassung, dass diese dem Anlass entsprechend in einem öffentlichen Rahmen stattfinden sollte.”

Und Wünsche hat er natürlich auch. Die Urkunde soll nicht nur im Urkundenzimmer herumhängen.

“Die ‘Charta der Vielfalt’ ist künftig konsequent mit Leben auszufüllen. Deshalb hat meine Stadtratsfraktion nun eine umfassende Anfrage zum Thema eingereicht, die in der nächsten Ratsversammlung von der Stadtverwaltung beantwortet werden soll”, merkt Elschner an. “Gleichzeitig regen wir an, dass sich die Stadt Leipzig im nächsten Jahr erstmals am sogenannten Deutschen Diversity-Tag, einen bundesweiten Aktionstag, beteiligen sollte, an dem Unternehmen und Institutionen den Vielfaltsgedanken in den Fokus rücken.“

Und in der Anfrage wollen die Grünen jetzt natürlich konkret wissen, was die Verwaltung tun will, damit die Vielfalt auch gelebte Praxis im Rathaus wird.
So lauten denn die Fragen: “Gibt es eine Übersicht, aus der ersichtlich ist, in welchen Tätigkeitsfeldern die Stadt Leipzig den Geist der ‘Charta der Vielfalt’ erfüllt und wo noch innerstädtischer Handlungsbedarf besteht? Welche Bemühungen gibt es derzeit, die ‘Charta der Vielfalt’ insbesondere im öffentlichen Dienst und in den kommunalen Eigenbetrieben umzusetzen? Wie sehen diese Bemühungen konkret aus? Welche nächsten Schritte zur Umsetzung der ‘Charta der Vielfalt’ sind seitens der Stadt Leipzig geplant? Wie werden insbesondere die Beschäftigten (künftig) miteinbezogen?”

Wenn die Verwaltung die Aufgabe ernst nimmt, könnte es auch in der Leipziger Verwaltung künftig wesentlich bunter zugehen, wie in einer richtigen Weltstadt eben.

Die Anfrage der Grünen zur “Charta der Vielfalt”.

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Keine Kommentare bisher

“Charta der Vielfalt”.Leipzig? Ist da Mitglied?

Da müssen die in der Leipziger Verwaltung aber noch mächtig gewaltig üben.

Leipzig soll seit 2011(?) auch Mitglied der LUCI-Charta sein, die sich gegen die nächtliche Lichtverschmutzung wendet. Merkt man auch nicht so sehr…

Und leiser ist es auch nicht geworden.

Alles nur ein ziemlicher Marketing-Gag?

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