Kann man eigentlich Gefahren durch Extremwetterereignisse minimieren? Kann man, zumindest zum Teil. Vernunft hilft immer. Wer im Überschwemmungsgebiet baut, muss sich nicht darüber wundern, wenn der Fluss mal zu Besuch kommt. Aber nicht nur nach Naturkatastrophen fragte das Umweltdezernat die Leipziger 2014 - und verteilte gleich mal Katastrophenbroschüren an die Journalisten.

Das ist der Umfrageteil, der mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt. Denn der Klimawandel muss nicht unbedingt in katastrophale Zustände münden. Aber die eigene Politikbeobachtung sagt einem leider auch: Wenn die Narren in Ämtern, Behörden und Parlamenten so weitermachen, wird es ohne Katastrophen nicht abgehen. Denn den Allerwenigsten, auch den Allerwenigsten in den verantwortlichen Ministerien, ist es bewusst, wie sehr unsere hochtechnisierte europäische Infrastruktur auf die Rahmenwerte eines gemäßigten Klimas zugeschnitten ist.

Man braucht nur die diversen Hinguckergeschichten der letzten Wochen lesen über das, was eine längere Trockenheit mit Temperaturen deutlich über 30 Grad anrichtet: Stauseen entleeren sich in einem atemberaubenden Tempo, Autobahnen werden durch die Hitze regelrecht gesprengt, Kraftwerke müssen heruntergefahren werden, weil es keine Speicher gibt, die die gewaltigen Mengen an Solarstrom aufnehmen können, Unwetter sorgen für Strom- und Bahnausfälle usw. Aber das ist nur das Wetter.

Viele Katastrophen sind ja menschgemacht oder resultieren aus dem Verschleiß menschlicher Technik.

Deswegen ist die Broschüre “Ratgeber für Notfallversorgung und richtiges Handeln in Notsituationen” eher ein Leitfaden für Menschen, die sich auf alles, was nur passieren kann, einrichten wollen: Versorgungsengpässe bei Nahrungsmitteln, explodierende Chemiefabriken, Wald- und Hausbrände, Hochwasser und Unwetter sowieso. Das Heft ist 62 Seiten dick und enthält auch Tipps, wie man seine Bevorratung so einrichtet, dass man mit der ganzen Familie für mindestens zwei Wochen voll versorgt ist.

Greta Taubert hat sich in ihrem Buch “Apokalypse jetzt” mit dem Thema auch recht intensiv beschäftigt und auch mal versucht, das Leben von echten Apokalyptikern zu leben. Erstrebenswert war ihr das am Ende doch nicht.

Und wer hat eigentlich noch die große Speisekammer, in der man 28 Liter Getränke unterbringen kann (denn auch die Wasserversorgung kann ja mal versagen, oder?), 5 Kilo Kartoffeln, Mehl, Reis, Nudeln, 5,6 Kilogramm Gemüse und Hülsenfrüchte (wobei getrocknete Hülsenfrüchte sich eindeutig länger halten), Obst und Nüsse (3,6 Kilogramm), Milch und Milchprodukte (3,7 kg), Fette und Öle, Schokolade (zwar nach  Belieben – aber warum nicht gleich im Pfund?), Trockenprodukte aller Art …

Und das ist nur die Grundversorgung für zwei Wochen für eine Person nach den Empfehlungen des Bundesverbraucherministeriums. Das hat auch extra eine Website aufgelegt, mit der man den Vorrat kalkulieren kann. Man hört regelrecht die Sirene: “Dabei gibt es neben einem zum Glück heutzutage bei uns sehr unwahrscheinlichen Kriegsszenario auch zahlreiche friedenszeitliche Krisensituationen, die zu einer Verknappung von Lebensmitteln und damit zu Versorgungsengpässen führen können. Hierzu zählen z.B. Naturkatastrophen (z.B. Hochwasser), Tierseuchen (z.B. MKS) oder schwere Unglücksfälle in großtechnischen Anlagen (z.B. Kernreaktorunfälle).”

Da hat man auch gleich noch einen amtlichen Grund, warum Kernkraftwerke abgeschaltet werden müssen. Mal ganz davon zu schweigen, dass einem die Vorräte in diesem Fall gar nichts nützen, denn das Gebiet um ein havariertes Kernkraftwerk wird in der Regel sofort weiträumig evakuiert. Den Vorrat fressen dann also die Mäuse.

Aber nicht nur das Verbraucherministerium macht sich Sorgen um die Vorsorge der Bürger.

Im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat man alles gesammelt, was man eigentlich braucht, um für jede Art Katastrophe vorbereitet zu sein. Nur der kleine Privatbunker im Garten gehört nicht dazu.

So ähnelt allein die empfohlene Hausapotheke, die von Verbandsmitteln bis zum Mittel gegen Durchfall alles enthält, eigentlich einem kleinen Medizinschrank. Und eine eigene Garage braucht man eigentlich auch, wenn man sich für Zeiten ohne fließendes Wasser irgendwo in der Wildnis einrichten will. Da werden dann neben der unbedingt erforderlichen Campingtoilette Berge von Toilettenpapier, Desinfektionsmitteln, Einweggeschirr, Seife und Waschmittel gelagert. Pfadfinder werden bei so einer Zusammenstellung wahrscheinlich nur kichern, denn wenn man für den Transport all dieser Zivilisationsgüter auch wieder einen Offroader braucht – was macht man da, wenn es kein Benzin mehr gibt?

Oder sollte man davon lieber gleich mal ein paar Fässer in die hintere Garage stellen, hinter das Regal mit dem Notbedarf für Stromausfall: Kerzen, Teelichter, Streichhölzer, Taschenlampen, Reservebatterien, Spirituskocher samt Spiritus, am besten noch ein kleines Öfchen mit zugehörigem Holz und paar Kohlen.

Greta Taubert fragen, sie weiß es: Es gibt tatsächlich Leute, die sich solche Vorräte halten. Sind wir durch?

Gar nicht.

Neben der Garage hat man am besten noch einen Extraschuppen mit der Brandschutzausrüstung. Denn wenn es mal dünn wird, sollte jeder in der Lage sein, selbst seine eigene Feuerwehr zu spielen – mit Feuerlöscher, Löschdecken, einem (stets gefüllten) Löschwasserbehälter, Wassereimern, Kübel- oder Einstellspritze und natürlich einem schönen langen Gartenschlauch. Nicht zu vergessen das Lieblingsthema der heutigen Verwalter: einen Rauchmelder in jedem Zimmer.

Wer das alles hat, ist schon mal sein eigenes kleines Krankenhaus und seine eigene kleine Feuerwehr.

Aber wer sagt denn, dass man im Katastrophenfall im eigenen Haus bleiben kann? Echte Abenteurer sind vorbereitet darauf, ein paar Wochen auch in der freien Wildnis zu überleben. Und sie haben ihre Rucksäcke, Kiepen und sonstigen transportablen Notgepäcke alle griffbereit stehen. Am besten gleich neben der Tür, damit’s schnell geht. Erst im Notfall anzufangen mit Packen, das machen nur die anderen. Echte Profis haben schon alles platzsparend verstaut: Schutzbekleidung, Wolldecke, Schlafsack, Unterwäsche, Strümpfe, Gummistiefel und derbes Schuhwerk, Essgeschirr, Thermoskanne, Dosenöffner, Taschenmesser, Kopfbedeckung, Schutzhelm, Schutzmaske … oje, wo kriegt man das Zeug eigentlich her? Gibt’s irgendwo einen Katastrophenladen? … Medikamente und Material zur Wundversorgung, und Fotoapparat und Fotohandy nicht zu vergessen, genauso wenig wie die “Persönliche Dokumentenmappe”. Nicht auszudenken, wenn man hinterher nicht mehr beweisen kann, wer man ist.

Vielleicht schreibt das Katastrophenamt solche Listen auch deshalb, weil man weiß, dass unsere Infrastrukturen verletzlich sind.

Der ganz normale Bürger verwandelt seine Anderthalb-Zimmer-Wohnung in der Regel nicht in ein Notfalllabor, sondern verlässt sich darauf, dass die “staatlichen Stellen”, die Katastrophenstäbe und die Betreiber der Infrastrukturen auch für Katastrophen vorgesorgt haben.

Haben sie?

30 Prozent der befragten Leipziger haben zumindest schon mal über Vorkehrungen für den Katastrophenfall nachgedacht, ergab nun die Umfrage. 70 Prozent überhaupt nicht. Und das hat im Grunde nicht nur mit Gleichgültigkeit zu tun, sondern auch mit Wissen. So seltsam das klingt.

Das steht zumindest andeutungsweise in der “Bürgerumfrage 2014”, denn da wurden die Leipziger direkt zum Hochwasser 2013 befragt. Denn der moderne Mensch ist zwar abhängig von allerlei Netzen und Versorgungsstrukturen, aber die schaffen in der Regel auch zusätzliche Sicherheit, wenn sie funktionieren. Und gerade wenn es um Katastropheninformationen geht, funktionieren sie geradezu redundant.

Ergebnis: 89 Prozent der Leipziger fühlten sich während des Hochwassers 2013 ausreichend informiert: 87 Prozent bekamen die Informationen über Radio und Fernsehen, 54 Prozent durch die Zeitung, 22 Prozent übers Internet, 21 Prozent über Freunde und Nachbarn usw.

Nur zwei Gruppen fallen auf, die sich deutlich schlechter informiert fühlten: Arbeitslose zu 26 Prozent und Menschen, die zu Hause die deutsche Sprache nicht sprechen: 28 Prozent. Besonders gut informiert waren die Senioren mit 95 Prozent. Man sollte sich also unbedingt in ein Haus mit mindestens einer Omi einmieten – da verpasst man nichts.

Die Leipziger Statistiker haben übrigens nur gefragt, ob die Leipziger überhaupt schon mal an Katastrophenvorsorge gedacht haben. Ob und wie sie sich tatsächlich wappnen für solche Fälle, das wurde nicht abgefragt.

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