Er schluckt und schluckt und schluckt. Der Leipziger Arbeitsmarkt scheint (zumindest in der Statistik) unersättlich zu sein. „Niedrigste Arbeitslosenquote in Leipzig seit 1991“, titelt Leipzigs Arbeitsagentur gleich mal für die Oktoberzahlen. Mit 8,1 Prozent wurde im Oktober die niedrigste Arbeitslosenquote in einem Monat überhaupt seit 1991 gemessen.

Der Trend des Rückgangs der Arbeitslosigkeit habe sich auch im zurückliegenden Monat ungebrochen fortgesetzt. „Das ist sehr gut für den Arbeitsmarkt Leipzigs und macht mich zuversichtlich – wir haben einen kontinuierlich positiven Trend“, freut sich Reinhilde Willems, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Leipzig.

Die Zahl der arbeitslosen Menschen, die bei der Arbeitsagentur oder dem Jobcenter Leipzig gemeldet waren, sank in den letzten vier Wochen auf 23.770. Das waren – 450 weniger als noch im September und – 1.734 weniger als vor einem Jahr. Im Rechtskreis SGB III betrug der Rückgang 221 und im Rechtskreis SGB II („Hartz IV“) sank die Zahl um 229.

Die Geschäftspolitik sei irgendwie wohl verantwortlich für die „deutlich sinkenden Zahlen bei der Arbeitslosigkeit“, meint Willems noch.

Die Zahlen geben diese Interpretation nicht wirklich her. Denn das Arbeitsplatzangebot in Leipzig wächst auch völlig ohne Zutun der Arbeitsagentur. Das zeigt allein schon der kontinuierliche Anstieg gemeldeter Arbeitsstellen seit 2010. Von 2.300 gemeldeten Stellen 2010 stieg die Zahl bis auf 6.216 im Oktober 2016. Und das, obwohl parallel die Zahl der Erwerbstätigen immer weiter anstieg. Von 215.079 im März 2011 auf 253.154 im März 2015. Das ist ein Zuwachs, der durch die Fleißarbeit der Arbeitsagentur nicht zu erklären ist und der hauptsächlich durch die Stabilisierung der ansässigen Wirtschaft und die steigende Nachfrage nach Dienstleistungen begründet werden kann.

Welche Branchen tatsächlich suchen und immerfort neuen Bedarf anmelden, ist natürlich nur ganz grob aus der Statistik zu lesen: Im Bereich „Rohstoffgewinnung, Produktion, Fertigung“ wurden 1.573 Personen gesucht, im Bereich „Verkehr, Logistik, Schutz und Sicherheit“ waren es 1.352 – beides, wie man sieht, echte Mischmasch-Rubriken. Ähnlich wie „Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung“, wo 807 Personen gesucht wurden. Ein Bereich, der eindeutig von der wachsenden Zahl von Pflegediensten dominiert wird. Während im Bereich „Kaufm.Dienstl., Handel, Vertrieb, Tourismus“ natürlich Gastronomie und Beherbergungswesen dominieren. Hier wurden insgesamt 684 Personen gesucht.

Weil aber die Arbeitsvermittlung in Leipzig mittlerweile völlig von Leiharbeitsfirmen beherrscht wird, ist nicht wirklich abzuschätzen, wie belastbar die Zahlen tatsächlich sind. Jede zweite Stelle wird von Zeitarbeitsfirmen bei der Arbeitsagentur gemeldet. Eigentlich ein Konstrukt aus Zeiten, als in Leipzig wirklich Mangel an freien Stellen herrschte. Aber es erweist sich als erstaunlich langlebig, obwohl Leipzigs Arbeitsmarkt wächst.

Und er wächst vor allem, weil die Stadt immer stärker in ihre Rolle als zentrale Metropole hineinwächst.

„Neben den Leipziger Arbeitslosen profitiert auch das Umland vom dynamischen Leipziger Markt. Wir registrieren deutlich mehr Einpendler als Auspendler. Die stark wachsende Stadt bedeutet auch, dass Menschen sich erst eine Arbeit suchen, wenn sie hier angekommen sind. Das ist einerseits gut, weil wir die Fachkräfte brauchen, führt aber statistisch dazu, dass sich die Arbeitslosigkeit immer noch auf höherem Niveau befindet wie in Sachsen insgesamt“, meint Willems.

Wenn das nur so einfach wäre.

Tatsächlich profitieren die Zuzügler am stärksten vom wachsenden Arbeitsplatzangebot und die meisten ziehen erst nach Leipzig, wenn sie den Job sicher haben.

Eher problematisch ist die Lage für die langjährigen Arbeitslosen in der Stadt.

„Auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist im zurückliegenden Monat in Leipzig gesunken. Gegenüber dem Vormonat fiel sie um -136 auf 7.578. Im Vergleich zum Oktober 2015 gab es -1.109 langzeitarbeitslose Menschen weniger“, meldet die Arbeitsagentur. Aber in diesen Zahlen stecken viele ältere Arbeitslose (über 50 bzw. 55 Jahre), die zum großen Teil eben nicht wieder in Erwerbsarbeit kamen, sondern die Bedürftigkeit in Richtung vorgezogener Ruhestand verließen.

Bei den Lebensälteren in der Altersgruppe ab 50 Jahren zum Beispiel fiel die Arbeitslosigkeit um 12 auf 6.806 Personen (Vorjahr: 7.652). Ein sichtlich sich stabilisierender Wert, der vor allem daraus resultiert, dass ältere Arbeitnehmer seltener entlassen werden.

Dass sich dieses sehr langsame Abschmelzen des Leipziger Arbeitslosensockels vor allem im Bereich des Jobcenters zeigt, ist zu erwarten:

Im Rechtskreis SGB II waren 18.510 Menschen im Jobcenter Leipzig arbeitslos registriert. Das waren 229 weniger als im September 2016 und 1.626 weniger als vor einem Jahr. In Leipzig gab es im Oktober 39.300 Bedarfsgemeinschaften. Das sind 471 weniger als im Vormonat und 1.834 weniger als im Oktober des Vorjahres. Das Jobcenter Leipzig betreut aktuell 48.584 erwerbsfähige Leistungsberechtigte. Im Vergleich zum Vormonat betrug der Rückgang hier 609. Im Vergleich zum Vorjahresmonat sank die Zahl um 1.824 Personen.

Das sind zwar Zahlen, die optimistischer stimmen als in der Vergangenheit. Sie erzählen aber trotzdem davon, dass die große Bewegung auf dem Leipziger Arbeitsmarkt anderswo passiert und vor allem junge, gut ausgebildete Zuwanderer vom Stellenangebot profitieren. Auch, weil viele dieser Stellen nun einmal auch junge, gesundheitlich fitte und gut ausgebildete Bewerber verlangen.

„Der Zugang an freien Stellen ist höher als vor einem Jahr. Das ist ein positives Zeichen für breites Wachstum und auch für ein weiter gestiegenes Vertrauen in unsere Dienstleistung“, sagt Willems noch.

Aber um die Dynamik des Leipziger Arbeitsmarktes zu verstehen, ist die Perspektive der Arbeitsagentur zu eng.

Sachsenweit ging die Arbeitslosenzahl übrigens im Monatsvergleich um 2.601 auf 143.694 zurück. Und man kann fest davon ausgehen, dass viele der hier Vermittelten in Leipzig eine Anstellung gefunden haben und entweder schon umgezogen sind oder demnächst umziehen. Was dann wieder die Leipziger Bevölkerungszahl steigen lässt – die 580.000 steht im Raum.

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