Wenn eine Stadt so wächst wie Leipzig, dann erhöhen sich umgehend auch alle Zahlen im Verkehr. Bis hin zu den Autos, die in den Straßen stehen. Das war ja schon im Dezember die kleine Überraschung im damals vorgestellten Quartalsbericht Nr. III/2016: Nicht alle Autos, die in Leipzig herumstehen, sind tatsächlich auch in Leipzig registriert. Die tatsächliche Pkw-Zahl liegt 15 bis 20 Prozent über der amtlichen.

Die amtliche Zahl gibt es regelmäßig aus dem Kraftfahrtbundesamt. Das meldet halt genau, wie viele Kfz in welcher Kommune registriert sind. Selbst da gab es jetzt im Quartalsbericht Nr. I/2017 eine Überraschung: Die Zahl der in Leipzig gemeldeten Kraftfahrzeuge überstieg erstmals die Marke von 250.000. Fast 5.000 Kfz waren mehr registriert als ein Jahr zuvor, davon über 220.000 Pkw.

Da kann man dann gedanklich die im Dezember erwähnten 15 bis 20 Prozent obendrauf rechnen und hat dann so ungefähr eine Ahnung, warum es in vielen innerstädtischen Quartieren keinen (Park-)Platz mehr gibt.

Tatsächlich stagniert der Pkw-Besatz sogar. Zumindest, wenn man ihn pro Kopf berechnet: Die Zeiten, dass sich die Leipziger immer mehr Autos kauften, sind vorbei.

Was wahrscheinlich ganz simple Gründe hat: Wo man nur noch Ärger mit der Parkplatzsuche hat, überlegt man sich wirklich Alternativen. In Quartieren wie Gohlis-Süd oder der Südvorstadt stagniert der Kfz-Besatz pro Einwohner schon. Im Waldstraßenviertel ist er sogar leicht rückläufig, zeigt eine Karte, die Lars Kreymann seiner Analyse zum Kfz-Bestand in Leipzig beigegeben hat.

Und es ist nicht nur die Parkplatznot, die die Leipziger dazu bringt, lieber auf den Autokauf zu verzichten. Es ist nun einmal auch die Lage im Stadtgebiet: Die inneren Stadtquartiere sind allesamt dicht mit ÖPNV-Angeboten ausgestattet. Hier haben sich die Bewohner schon traditionell weniger Autos zugelegt als in den Ortsrandgemeinden, wo ein dünnes ÖPNV-Angebot oft sogar den Besitz von mehreren Autos in der Familie bedingt.

So kamen 2016 in Volkmarsdorf nur 160 Pkw auf 1.000 Einwohner, in Zentrum-Südost 185 und in Neustadt-Neuschönefeld 192, während randlagige Ortsteile wie Seehausen mit 590 oder Lindenthal mit 534 den Leipziger Durchschnitt von 380 deutlich überstiegen.

Die Zahl der Pkw steigt zwar mit der Bevölkerungsentwicklung – aber der Motorisierungsgrad der Leipziger nimmt (zumindest amtlich) nicht zu.

Was Folgen hat. Auch für die vielgescholtene LVB, die nach Eröffnung des City-Tunnels 2014 erst einmal massive Fahrgasteinbußen verzeichnete. Man mochte LVB-Geschäftsführer Ronald Juhrs im Jahresverlauf gar nicht glauben, wenn er immer wieder betonte: „Wir wachsen überdurchschnittlich.“

Am Ende behielt er Recht. 148 Millionen Fahrgäste wurden am Jahresende gezählt, rund 10 Millionen mehr als im Vorjahr. Die Gäste der LVB haben es gemerkt. So manche Linie ist gerade in der Hauptverkehrszeit voll bis überlastet. Die Anschaffung neuer großer Straßenbahnen ist dringend.

Oben wurde das Waldstraßenviertel erwähnt. Natürlich sind viele Bewohner des Viertels auf die Straßenbahn umgestiegen – und standen sich dann die Beine in den Bauch. Deswegen wird die erste Linie, auf der der neue XL im Sommer in Einsatz kommt, die Linie 4 sein, die durch Waldstraßenviertel und Gohlis fährt.

Und der Druck wächst. Denn da sich die innerstädtischen Quartiere immer mehr verdichten, für mehr Autos dort aber kein Platz ist, wächst gerade dort auch der Druck auf den ÖPNV.

Heißt: Die Bahnen werden noch voller.

Das kann man auch im neuen Quartalsbericht nachlesen: Im ersten Quartal 2017 (Januar bis März) wurden in den Fahrzeugen der LVB schon über 40 Millionen Fahrgäste gezählt, ein Wert, der in den Vorjahren nie erreicht wurde. Wer diese Zahl allein mit vier multipliziert, kommt für das Jahresergebnis auf 160 Millionen Fahrgäste. Man hört Ronald Juhrs schon, wie er schmunzelnd immer wieder einwirft: „Wir wachsen überdurchschnittlich.“

Das heißt aber schon für die kommenden Jahre: Allein der Ersatz der alten Tatrafahrzeuge wird es nicht bringen. Da werden weitere Taktverdichtungen und deutliche Erweiterungen im Netz zwangsläufig. Stichpunkt: Hauptbahnhof. Diese Haltestelle ist jetzt schon ein Nadelöhr. Das wird mit Fahrgastzahlen, die Richtung 200 Millionen tendieren, nicht mehr zu meistern sein.

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Es gibt 2 Kommentare

@ Christian:
Mach es doch konkreter, wo ist das Gebiet mit den 10 Minuten Anmarsch zur Haltestelle? Die Verfasser des nächsten Nahverkehrsplans brauche solche Angaben!
Natürlich sollte die Zeit nur gefühlt 10 Minuten betragen.

Mit der jetzigen Verkehrspolitik ist der Kollaps absehbar.

Der Wirtschaftsverkehr nimmt zu! Mit dickem Hals sehe ich täglich viele große Firmenfahrzeuge die Stadtquartiere verstopfen – Trend zunehmend!
Das hat zu unterbleiben, ich erwarte Gegenmaßnahmen von der Stadt. Bei mehr Einwohnern wird auch der Wirtschaftsverkehr zunehmen.

Die in die Steppe / Peripherie gezogenen Leipziger haben nun mehr Autos, damit sie in die Stadt zu ihrer Arbeit fahren können.
Ärgerlich, da dort die Versicherung preiswert ist, die Unfälle und das Verkehrsaufkommen dann aber im Stadtgebiet passieren, und die Leipziger belasten.

Quer durch die Stadt macht mit den LVB jetzt schon keinen Spaß, nehmen die Nutzer zu, wird es noch schlimmer.
Was nehme ich? Das Auto.

Innerhalb Leipzigs sind selbst Wohngebiete schlecht mit ÖPNV erschlossen: ich laufe 10min zur nächsten Haltestelle – inakzeptabel.
(Kein Eigenheim – Mietwohnung)

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