Die Kollegen bei den großen westdeutschen Zeitungen haben oftmals sehr seltsame Schablonen im Kopf, besonders die, die für die ganz ganz schnellen Meldungen zuständig sind. Am Donnerstag, 13. August, titelten sie bei der „Zeit“ zum Beispiel: „Menschen im Westen Deutschlands stärker von Armut bedroht. In den östlichen Bundesländern sind weniger Menschen durch Armut gefährdet als vor zehn Jahren. Deutlich anders sieht es etwa in Bremen, Hessen oder NRW aus.“

Ausgangspunkt war die Meldung des Bundesamtes für Statistik vom selben Morgen. Da klang das freilich noch etwas anders, auch wenn es sich wie eine (Steil-)Vorlage für die Schnelltexter der „Zeit“ las: „Die Armutsgefährdung – gemessen an der Armutsgefährdungsquote – ist im Zeitraum von 2009 bis 2019 in allen westlichen Bundesländern und in Berlin gestiegen. (…) In den östlichen Bundesländern mit Ausnahme von Berlin ist die Armutsgefährdungsquote im Zehnjahresvergleich zurückgegangen.“

Was eben nicht die „Zeit“-Schlagzeile begründet: „Menschen im Westen Deutschlands stärker von Armut bedroht“. Denn die sogenannte Armutsgefährdung wächst auch dann, wenn die oberen Einkommen stärker steigen als die unteren. Dann bleiben nämlich immer mehr Menschen unter dem errechneten Median zurück, obwohl sie vielleicht sogar ein paar Kröten mehr in der Tasche haben.

Das Bundesamt für Statistik errechnet die Armutsgefährdungsschwelle nämlich so: „Anteil der Personen mit einem Äquivalenzeinkommen von weniger als 60 % des Bundesmedians der Äquivalenzeinkommen der Bevölkerung in Privathaushalten am Ort der Hauptwohnung. Das Äquivalenzeinkommen wird auf Basis der neuen OECD-Skala berechnet.“

Entwicklung der Armutsgefährdungsquote 2009 bis 2019. Grafik: Bundesamt für Statistik
Entwicklung der Armutsgefährdungsquote 2009 bis 2019. Grafik: Bundesamt für Statistik

Statistiker sind ja freundliche Menschen, die es gelernt haben, deutschen Politikern die Wahrheit nicht so direkt zu sagen. Ihnen quasi schon per definitionem eine Entschuldigung dafür zu geben, dass sie eine ziemlich verpeilte Politik machen. Das klingt dann so: „Die Armutsgefährdungsquote ist ein Indikator zur Messung relativer Einkommensarmut.“

Ist eben nur relativ. Die Leute sind ja nicht richtig arm, oder?

Doch, sind sie. Und bleiben sie auch. Was selbst die regelmäßigen Leipziger Bürgerumfragen bestätigen: Die niedrigen Einkommen – insbesondere bei Menschen in ungelernten Berufen oder in Arbeitslosenbezug – stiegen in Leipzig von 2008 bis 2018 um 31 Prozent. Das klingt viel. Aber es war nur ein Median-Anstieg von 725 auf 953 Euro im Monat. Damit müssen die Menschen in den untersten 20 Prozent der Leipziger Einkommensgruppen auskommen.

Parallel stiegen die Mediannettoeinkommen der obersten 20 Prozent in Leipzig sogar um 37 Prozent – der Abstand vergrößerte sich sogar noch. Effektiv gewannen sie 595 Euro im Monat hinzu gegenüber 228 Euro in der untersten Einkommensgruppe.

Wie die Einkommen der oberen und der unteren 20 Prozent in Leipzig immer weiter auseinander gehen. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2018
Wie die Einkommen der oberen und der unteren 20 Prozent in Leipzig immer weiter auseinandergehen. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2018

Der Effekt ist eigentlich klar: Wenn die oberen Einkommensgruppen immer weiter zulegen, steigt der Medianwert, erst recht, wenn auch die mittleren Einkommensgruppen deutlich mehr hinzugewinnen als die unteren.

Und damit steigt das, was die Statistiker Armutsgefährdungsquote nennen.

Der Blick auf die deutsche Statistik für Westdeutschland zeigt dann natürlich, dass dort immer mehr Menschen in diesen niedrigen Einkommensgruppen regelrecht abgehängt werden. Sie rutschen unter die langsam steigende Armutsgefährdungsschwelle, was die Quote in den westdeutschen Bundesländern nun so langsam auf ostdeutsches Niveau hebt.

Denn das kann man auch nicht übersehen: Noch ist die errechnete Armutsquote im Osten höher, auch wenn sie seit 2008 gesunken ist, weil seit 2010 ungefähr immer mehr Menschen doch noch eine leidlich bezahlte Arbeit gefunden haben und die Arbeitslosenrate sank.

Die Quoten Ost und West nähern sich also an. Einerseits. Andererseits zeigt die westdeutsche Entwicklung, dass immer mehr Menschen auch dort in prekären Verhältnissen abgehängt werden, während die Gehälter der oberen Einkommensgruppen immer weiter davonmarschieren. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander.

Ein Effekt, der freilich auch in ostdeutschen Großstädten wie Leipzig sichtbar wird. Die Armutsgefährdungsquote lag in Leipzig 2018 offiziell bei 22 Prozent, also sogar noch leicht über der damals für Bremen ausgewiesenen Quote von 21,6 Prozent. Berlin lag bei 18,2 Prozent.

In Bremen ist die Quote also 2019 noch einmal besonders stark gestiegen auf 24,9 Prozent, in Berlin freilich auch – auf 19,3 Prozent. Und das in einem Jahr, in dem es Deutschland wirtschaftlich noch gut ging. Oder weil es Deutschland wirtschaftlich gut ging. Da stieg dann logischerweise der Median der Äquivalenzeinkommen (von 1.725 auf 1.790 Euro), aber mehr Menschen blieben unter der neuen Armutsschwelle von 1.074 Euro.

Was für viele Leipziger keine Überraschung sein dürfte, weil sie mit solchen Summen schon seit Jahren über die Runden kommen müssen. 20 Prozent der Leipziger Haushalte müssen monatlich mit maximal 1.100 Euro über die Runden kommen.

Das sieht nur in schönen Grafiken normal aus. Im Alltag ist das eine tägliche Hatz um das billigste Angebot im Supermarkt, die billigsten Klamotten und die kärglichen Zuzahlungen von Sozialämtern. Von auskömmlich kann in diesen Regionen keine Rede sein. Und dass es eben nicht nur Arbeitslose betrifft, zeigt der Blick auf Ungelernte und Berufsfremde, die 2019 in Leipzig mit 1.052 Euro als Monatsnettoeinkommen auskommen mussten. Und die Solo-Selbstständigen waren mit 1.344 Euro auch nicht wirklich weit weg davon.

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