Grünen-Bashing auf die sächsische AfD-Art

Die tiefsitzende Verachtung des Dr. Thomas Hartung für Frauen ohne Doktor und Diplom

Für alle LeserKommentarWarum hat sich so ungefähr alles, was an rechtskonservativen Akteuren in unserem Land unterwegs ist, ausgerechnet auf die Grünen und die 68er eingeschossen? Ein Grünen-Politiker muss nur kurz Luft holen, schon geht eine regelrechte Empörungswelle durch die rechtsalternative Krabbelgruppe. Und es wird drauflosgeschimpft, dass die Balken krachen. Am Freitag, 20. Januar, war mal wieder Thomas Hartung dran, Dr. Thomas Hartung.

Seines Zeichens Parteivize der sächsischen AfD, der sich nach der Meldung, die Grünen-Politikerin Eveline Lemke würde jetzt Präsidentin der privaten Karlshochschule in Karlsruhe sein, gar nicht wieder einkriegen konnte.

„Eine Hochschulpräsidentin ohne Hochschulabschluss geht gar nicht“, ließ Thomas Hartung vermelden. „Es ist ein fatales Indiz für den Stellenwert akademischer Bildung, wenn Senat und Hochschulrat eine neue Präsidentin entgegen der eigenen Grundordnung bestellen. Die Begründung, dass die Studien- und Lebensleistungen von Frau Lemke einem Hochschulabschluss äquivalent seien, spricht allen Absolventen Hohn, die Lebenszeit und Energie in ihren Abschluss investierten. Was für eine Autorität soll die Frau unter Professoren und Dozenten genießen?“

Der Mann bildet sich auf seinen Doktortitel augenscheinlich eine Menge ein. Und begründet daraus seine Verachtung für Menschen, die keinen Hochschulabschluss haben. Der Grünen-Politikerin Claudia Roth unterstellt er gleich mal „Bildungsunwilligkeit“ als „ungelernte Hilfsarbeiterin“: „Cora Stephan würdigte die Grünen als ‚erfolgreichste Arbeitsbeschaffungsmaßnahme der 80er Jahre‘, ohne die es nie so viele Menschen in den Bundestag geschafft hätten, die nichts gelernt und keinen Beruf ausgeübt und auch sonst von Tuten und Blasen keine Ahnung hatten‘. Genau diese Einschätzung wird jetzt akademisch durch Lemke bestätigt.“

Und das aus einer Partei, die sonst das Elitenbashing zelebriert – soviel elitäre Verachtung für Menschen, die es auch ohne Doktortitel in die Politik verschlagen hat, gab es in Deutschland lange nicht. So ungefähr seit 100 Jahren.

Aber in der Verachtung dieser Wortmeldung steckt auch noch etwas anderes: die Arroganz beim Tragen akademischer Titel, wie man sie ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert kennt. Es ist das Denken einer Elite, die sich durch Ausschluss definiert, durch ein pompöses Titularwesen. Der Titel ist wichtig, nicht, was jemand schon geleistet hat.

Und das ist der Punkt, an dem der Hass auf die 68er entspringt. Denn deren größter Erfolg war die Demokratisierung des (west-)deutschen Bildungswesens. Abitur und Hochschulbesuch waren im Westen bis weit in die 1960er Jahre hinein allein vom Geldbeutel der Eltern abhängig. Wer die längere Lernzeit der Kinder nicht finanzieren konnte, schickte sie auch nicht zur Universität. Das Bafög für alle, die sich von den Eltern kein Studium finanzieren lassen konnten, gab es erst ab 1971. Und das ist der Zeitpunkt, von dem ab sich eine Menge änderte in der Bundesrepublik.

Ab dem aber auch der Groll der alten konservativen Eliten gegen die 68er und die Grünen zu wachsen begann. Bis hinein in die Feuilletons einiger großer Medien, die bis heute ihre Verachtung gegen die Grünen und – auch das ein springender Punkt – vor allem gegen grüne Politikerfrauen artikulieren. Da mischt sich also Elitenarroganz mit Frauenverachtung. Bei Hartung in Reinkultur zu lesen.

Womit auch etwas deutlicher wird, dass die AfD keineswegs eine neue politische Bewegung ist. Sie ist das Sammelbecken eines uralten, elitären Denkens, das an das konservative Elitendenken der 1950er Jahre anschließt und unterschwellig auch seine Verachtung für alles spüren lässt, was die Aufklärung im europäischen Denken bewirkt hat. Denn auch der Hass auf Europa kommt ja nicht von ungefähr: Er wurzelt einerseits tief im deutschen Nationalismus von anno 1890, aber damit auch in der ganz speziell deutschen Verachtung für die Weltoffenheit und Internationalität der Aufklärung.

Denn Aufklärung war von Anfang an ein internationales, europäisches Projekt, das sich sowohl gegen religiöse als auch staatliche Bevormundung richtete. Das verträgt sich natürlich nicht mit dem Empfinden einer Gesellschaftsschicht, die sich als besonders und auserlesen begreift und auf andere Strömungen der Politik mit Verachtung herabschaut. Und besonders auf jene politische Strömung, die solche Dinge wie Gleichberechtigung, Respekt und Weltoffenheit als begründete gesellschaftliche Standards vertritt.

Dass einer wie Hartung dann auch noch seine Frauenverachtung derart offen heraushängen lässt, sagt eine Menge über den patriarchalischen Geist dieser Partei, die die Rückkehr ins Heimelig-Dunkle als Weg ins Licht zu verkaufen versucht. Und auch das ist ganz tiefes wilhelminisches Elitendenken: Wenn man die politischen Gegner verachtet, muss man sich weder mit ihren Ideen noch ihren Lösungsvorschlägen beschäftigen, auch nicht auf Argumente eingehen.

Wo Thomas Hartung sichtlich ein Problem hat, wird gerade in seiner Frage deutlich: „Was für eine Autorität soll die Frau unter Professoren und Dozenten genießen?“

Im normalen Leben hat man Respekt vor der Lebensleistung und der Professionalität solcher Menschen. Aber Hartung macht so etwas augenscheinlich an Diplomen und Doktortiteln fest. Nur – wie man seit Guttenberg weiß – erzählen Doktortitel nichts, rein gar nichts über den Menschen, der sie trägt – oder auch wieder loswird.

Was aber eine über Jahrzehnte geleistet hat, das ist zumindest dem sächsischen AfD-Vize nichts wert.

Dabei hatte Prof. Dr. André Reichel, Mitglied des Senats der Karlshochschule, sehr deutlich gesagt, warum Hochschulrat und Senat ausgerechnet Eveline Lemke zur Präsidentin gewählt haben: „Mit dieser Entscheidung positioniert sich die Karlshochschule als transformative Hochschule mitten in den großen Problemlagen unserer Zeit: Wie kann unser Wirtschaften und Leben nachhaltig gestaltet werden, wie sichern wir den sozialen und demokratischen Zusammenhalt angesichts der vielfältigen Bedrohungen der offenen Gesellschaft?“

Für so einen Anspruch sucht man ja im Personal der AfD vergeblich nach Kandidatinnen, nach Kandidaten erst recht. Das sind nicht die Themen dieser Partei. Da nutzt der dickste Doktortitel nichts.

Und die Stellungnahme der Hochschule selbst zitiert: „Die Karlshochschule gewinnt mit Eveline Lemke eine erfahrende Persönlichkeit, die das Profil der Hochschule stärkt. Mit ihrem Leitgedanken ‚Management & Gesellschaft anders denken‘ leistet die Karlshochschule International University einen kritischen Beitrag zur Ergänzung traditioneller ökonomischer und gesellschaftswissenschaftlicher Ansätze. Hier finden Grenzgänger und Querdenker ein Zuhause.“

An der Karlshochschule finden sie dieses Zuhause. Bei der AfD garantiert nicht.

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