Zwei Revolutionen in einem Topf

So richtig gewollt sind die Feiern zum 30-jährigen Jubiläum der Friedlichen Revolution in Sachsen nicht

Für alle LeserMan kann sich drum sorgen. Stimmt. 30 Jahre Friedliche Revolution, das jährt sich 2019 zum 30. Mal. Ein paar Leute werden das sicher feiern. Auch Leipzig. Auch wenn bis dahin natürlich noch nirgendwo ein Freiheitsdenkmal steht. Denn eigentlich will es nicht mal der OBM. Sagt er nur nicht. Und die sächsische Regierung möchte das Jubiläum eigentlich auch nicht feiern. Was Katja Meier nur verblüfft feststellen kann.

Der Grund ist in beiden Fällen derselbe: Die Leute, die die Sache eigentlich organisieren sollen, haben damit nichts zu tun. Sie haben irgendwelche windigen Ideen im Kopf, dass man diesen Herbst 1989 vielleicht irgendwie würdigen sollte – ohne die mutigen Leute auf ostdeutschen Straßen hätte es weder die „Wende“ in der DDR gegeben, noch die DDR, noch lauter lukrative Pöstchen in neu gegründeten Regierungen.

Dumm nur: Sie waren alle nicht dabei. Es fehlt die persönliche Beziehung. Deswegen können sie sich auch alle nicht vorstellen, dass man Dinge einfach mal loslassen muss – Profis überlassen. Künstlern zum Beispiel. Die wissen, wie man starke Skulpturen und Denkmäler macht. Der OBM weiß es nicht.

Schwamm drüber. Er sorgt ja gerade dafür, dass auch der zweite Versuch für so ein Nicht-Denkmal in Leipzig scheitert und 2019 ganz und gar nichts steht.

Und Dresden?

Es läuft alles auf eine verkniffene Party der eingeladenen Highsociety hinaus. Null Idee. Kein Plan. Es ist noch immer völlig unklar, ob es für das 30-jährige Jubiläum der Friedlichen Revolution 2019 überhaupt eine Förderrichtlinie geben wird.

Es ist auch eine inhaltliche Zusammenlegung mit dem 100-jährigen Jubiläum der Gründung des Freistaates Sachsen geplant, stellt Katja Meier, demokratiepolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im sächsischen Landtag, fest.

„Die Staatsregierung scheint auch die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten anlässlich des 30. Jubiläums der Friedlichen Revolution 2019 regelrecht zu verschlafen. Bereits beim 25. Jubiläum der Deutschen Einheit wurde die entsprechende Förderrichtlinie erst sehr spät aufgelegt. Letztendlich konnten aber 74 Projekte mit 860.000 € gefördert werden“, resümiert sie das, was 2014 noch irgendwie zusammengeschnürt wurde. „Laut Antwort der Staatsregierung ist für das Jubiläum 2019 bisher keineswegs klar, ob es überhaupt eine Förderrichtlinie geben wird. Ein entsprechendes Haushaltskapitel, welches die notwendigen Vorleistungen abbildet, sucht man vergebens. Um verschiedene Akteure, Vereine und Verbände in die Planung einzubeziehen und ein vielfältiges Programm zu realisieren, muss die Staatsregierung schnellstmöglich eine entsprechende Förderrichtlinie vorlegen.“

Und dann ist da dieses unübersehbare Problem der aktuellen Staatsregierung, dass man ihr eine echte Freude an einem Revolutionsfest gar nicht zutrauen mag. Ist ja ein doppeltes Revolutionsfest. Als der Freistaat Sachsen am 25. Februar 1919 gegründet wurde, war das das Ergebnis einer anderen Revolution. Am 25. Februar 1919 wurde das „Vorläufige Grundgesetz für den Freistaat Sachsen“ verabschiedet. Aber eigentlich war der schon gegründet – im November 1918, als erst Hermann Fleißner die Republik Sachsen ausrief und dann Richard Lipinski mit einem „Rat der Volksbeauftragten“ die Regierungsgeschäfte übernahm. Beides Sozis.

Man ahnt schon, warum sich die gegenwärtige Regierung möglicherweise schwertut, das zu feiern.

Ergebnis: „Auch bei der inhaltlichen Ausgestaltung der Feierlichkeiten herrscht in der Staatskanzlei Planlosigkeit. Konkrete Angaben zu Ausgestaltung und Ausrichtung der Feierlichkeiten könne der zuständige Staatskanzleichef Jaeckel noch nicht treffen, wie seiner Antwort auf meine Anfrage zu entnehmen ist. Fest steht lediglich, dass ein Zusammenhang mit der ersten Gründung des Freistaates Sachsen vor 100 Jahren hergestellt werden soll“, so Katja Meier.

Immer diese Komplikationen mit der Macht.

„Das ist aus meiner Sicht äußerst problematisch. Eine Parallelisierung der historischen Ereignisse bloß aufgrund vermeintlich ‚runder‘ Zahlen ist inhaltlich unangemessen und trägt den beiden Ereignissen jeweils nicht in geeigneter Art und Weise Rechnung“, schätzt Katja Meier ein. „Die Bildung des Freistaates Sachsens war ein längerer Prozess, der von der Ausrufung der sächsischen Republik im November 1918 über das vorläufige Grundgesetz für den Freistaat Sachsen im Februar 1919 bis zur Verabschiedung der endgültigen Verfassung des Freistaates Sachsen am 26.10.1920 reichte. Es ist offensichtlich, dass die Kerndaten dieses Prozesses erheblich von denen der Friedlichen Revolution von 1989 abweichen und die jeweiligen historischen Zusammenhänge völlig verschiedene waren. Es erscheint mir daher als sinnvoller, auch über eine geeignete eigenständige Würdigung der Bildung der Republik bzw. des Freistaates Sachsen nachzudenken.“

Natürlich gibt es trotzdem Parallelen. Aber die stellen Regierende ja so ungern in den Mittelpunkt von Revolutions-Gedächtnisfeiern. Das Volk, dieser Lümmel, könnte ja seine alte Freude daran wiederentdecken, die Dinge ein bisschen in Bewegung zu bringen. Und Geschichte als etwas zu begreifen, was immerfort aus Veränderung besteht. Klug gestalteten – oder ungewollten, weil die Dinge zu lange erstarrt sind.

Was dann das Problem auf den Punkt bringt: Wer kann sich für Revolutionsdenkmäler begeistern, wenn er Veränderungen nicht mag?

Mal so als Frage.

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