Nicht nur in Flüssen und Seen in Sachsen ist die Nitratbelastung zu hoch, auch im Grundwasser. Die Ursache dafür sind vor allem zu hohe Düngermengen, die in der industrialisierten Landwirtschaft auf die Felder gebracht werden. Ein Thema, das eigentlich der Bund endlich besser regulieren wollte. Doch der hat noch nicht einmal die Vorstufe für einen Gesetzentwurf fertig, kritisierte am 14. Juli der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Eine Bund-Länder-Gruppe solle erst einmal klären, wie die Stickstoffbelastungen ermittelt werden und wie viel Düngung künftig erlaubt werden soll. Ein Armutszeugnis für die Regierung, als wäre die Überdüngung deutscher Äcker erst im Jahr 2015 entdeckt worden und die Messung von Nitrat in Gewässern und Grundwasser auch noch völliges Neuland.

“Erst wenn diese Klärung gelungen ist, soll dies irgendwann in der Zukunft mit einer weiteren Novellierung der Düngeverordnung oder vielleicht auch einer Rechtsverordnung rechtlich verpflichtend festgelegt werden. Eine Umsetzung der EU-Nitratrichtlinie würde so frühestens in fünf bis zehn Jahren beginnen. Damit würde die Bekämpfung der Nitratbelastung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag vertagt. Der BDEW fordert daher das Bundeslandwirtschaftsministerium auf, die Festlegung der Hoftorbilanz in dem jetzigen Entwurf zu regeln und die Umsetzung nicht noch länger hinauszuschieben”, kommentierte das Jörg Simon, BDEW-Vizepräsident Wasser/Abwasser.

In Sachsen mahnt das Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) schon seit Jahren. So heißt es in den im Februar veröffentlichten “Sächsischen Beiträgen zu den Bewirtschaftungsplanentwürfen Elbe und Oder” ganz eindeutig: “Der gegenwärtige Zustand zahlreicher Grundwasserkörper (GWK) ist nach wie vor durch hohe Nitratkonzentrationen gekennzeichnet. Relevante diffuse Quellen bezüglich des Eintrages von Nitrat in das Grundwasser bestehen vor allem in der mineralischen  und organischen Düngung und Auswaschung aus dem Boden, und der Deposition von Abgasemissionen aus Verkehr, Industrie, Gewerbe, und Haushalten sowie teilweise und in geringerer Bedeutung aus landwirtschaftlicher Viehhaltung. – Im Ergebnis von Monitoringuntersuchungen im Sicker- und Grundwasser in Repräsentativgebieten innerhalb von belasteten Grundwasserkörpern musste festgestellt werden, dass unter landwirtschaftlichen Nutzflächen bedeutende Einträge von Nitrat über die mineralische und organische Düngung erfolgen.”

Manche Agrarbetriebe scheinen mit überhöhten Düngergaben die gewünschten Ernteerträge geradezu erzwingen zu wollen. Das LfULG dazu: “Als Ursache konnten sowohl eingeschränkte Fruchtfolgen, erhöhte Bodentemperaturen mit erhöhter Mineralisation als auch Düngergaben zur Erzielung der erwarteten Erträge, die  infolge der Witterung in den letzten Jahren nicht erreicht werden konnten, identifiziert werden. Entsprechend der Zustandsbewertung der Grundwasserkörper befinden sich 17 Grundwasserkörper auf Grund der Nitratbelastung im schlechten Zustand.”

Das sächsische Landesgebiet ist in 85 solcher Grundwasserkörper aufgeteilt, 55 davon liegen komplett auf sächsischem Gebiet, den Rest teilt sich Sachsen mit den Nachbarländern. Es sind also zwischen 20 und 30 Prozent aller Grundwasserkörper mit hohen Nitratgehalten belastet.

Laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) ist sogar fast die Hälfte des deutschen Grundwassers zu stark mit Nitrat belastet.

Wolfram Günther, landwirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion, hält die Situation in Sachsen ebenfalls für kritisch: “Laut dem Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) befindet sich auch in Sachsen die Hälfte der Grundwasserkörper in einem schlechten chemischen Zustand. Knapp ein Viertel ist zu stark mit Nitrat belastet. Der Grenzwert wird an vielen Stellen deutlich überschritten.”

Auch Günther führt die hohe Nitratbelastung vor allem auf die industrielle Landwirtschaft zurück: “Es wird zu viel Gülle aus der industriellen Tierhaltung auf unsere Felder gekippt. Aber auch mineralischer Dünger wird oft in zu großen Mengen verwendet.”

Und das sickert dann alles in die Grundwasserreservoire oder wird beim nächsten Niederschlag in die Bäche, Teiche und Flüsse gespült.

“Die Verunreinigung des Grundwassers ist fatal. Eigentlich sollte es das sauberste und reinste Wasserreservoir sein, über das wir verfügen. Weil dies oft nicht mehr der Fall ist, müssen die Wasserversorger das Trinkwasser teuer aufbereiten. Bezahlen muss es am Ende der Kunde mit seiner Wasserrechnung. Hier sollte endlich das Verursacherprinzip gelten. Wo es möglich ist, müssen diejenigen zur Verantwortung gezogen werden, die für die Verschmutzung unseres Wassers verantwortlich sind”, kommentiert Günther die vorherrschende Sorglosigkeit und fordert: “Wir brauchen ein Kataster, in dem die Transporte sowie Im- und Exporte von Wirtschaftsdünger je Tierhaltungsbetrieb nachverfolgt werden können. Außerdem sind die Kontrollen zu lasch. Verstöße gegen die Düngeverordnung müssen aufgedeckt und konsequent geahndet werden. Bisher drückt die Staatsregierung jedoch beide Augen zu und erzählt Kritikern, die Verursacher des Nitrateintrages seien nicht zu ermitteln.”

Hintergrundinfo zu Nitrat:

“Nitrate werden von fast allen Pflanzen benötigt, um Eiweiße herzustellen, weshalb sie Bestandteil vieler Düngemittel sind. Durch intensive Düngung kann es zu einer hohen Nitratkonzentration im Boden kommen, die von Oberflächen- und Grundwasser sowie den Pflanzen aufgenommen wird, die sie speichern. Dadurch enthalten viele Obst- und Gemüseprodukte hohe Nitratkonzentrationen, die beim Verzehr aufgenommen werden.
Nitrate verfügen über keine physiologische Funktion im menschlichen Körper und werden deshalb nicht von ihm benötigt. Obwohl ein großer Teil der aufgenommenen Nitrate schnell wieder ausgeschieden wird, beeinträchtigen diese Stickstoffverbindungen den Organismus mehrfach negativ:
– Nitrate verfügen über krebserregende und weitere schädliche Eigenschaften.
– Behinderung der Jodaufnahme (mehr als 50 Prozent der Bevölkerung in Deutschland leidet unter Jodmangel, Gefahr für die Schilddrüse und Risiko der Kropfbildung).
– Umwandlung des Nitrats in Nitrit, z. B. im menschlichen Körper: Nitrite sind giftig, denn sie behindern den Sauerstofftransport des Blutes. Beim Menschen können als Folgen Übelkeit, Magenbeschwerden und Atemnot (Blausucht) eintreten. Gefährdet sind insbesondere Säuglinge.
– Ablagerung von Nitrit in den kleinsten Gefäßen, den Kapillaren, verursachen Durchblutungsstörungen.
– Gefahr der Bildung von Nitrosaminen aus Nitrit und speziellen Aminen durch Erhitzen oder im Körper (krebserregende Substanzen).”

Quelle: http://www.nitrat.de/Gesundheit/gesundheit.html

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