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Eine Liebesgeschichte der besonderen schwejkschen Art: Tatar mit Veilchen

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    Wenn dieses Buch nicht unter den Nominierungen zum "Preis der Leipziger Buchmesse 2012" auftaucht, hat der Verlag Voland & Quist wieder einmal gewaltiges Pech gehabt. Und Jaromir Konecny sowieso, den Wikipedia in seiner Einfalt immer noch als tschechischen Schriftsteller verkauft. Der Mann lebt seit 1982 in Deutschland und schreibt Liebesgeschichten, wie man sie seit Kästner und Tucholsky wohl nicht mehr gelesen hat.

    Er ist auch hartgesottenen Bücherlesern kein Unbekannter. Selbst Bertelsmann hat einige seiner erfolgreichsten Bücher wie „Doktorspiele“ oder „Jäger des verlorenen Glücks“ mit ins Programm genommen. In der deutschen Literaturszene ist der 1956 Geborene längst ein Schwergewicht wie der in Moskau geborene Wladimir Kaminer. Doch irgendwie kann das deutsche Feuilleton mit der Leichtigkeit der Texte des in Prag geborenen Konecny nicht wirklich viel anfangen. Für die meisten Leute in dieser Branche ist die Sache wahrscheinlich schon erledigt, wenn sie lesen: Achja, der Bursche ist in der Spoken-Word-Szene unterwegs. Er lebt in München und ist festes Mitglied der Lesebühne „Schwabinger Schaumschläger Show“. Schwabing – das ist der Stadtteil in der bayerischen Metropole, der aktuell unter den Dampfhammer der Gentrifizierung gerät.

    Konecny hat noch dazu einen Hintergrund, der im selbstverliebten Intellektuellenhimmel nicht ganz ernst genommen wird: Er hat Chemie studiert und über die Entstehung des genetischen Codes promoviert. Eine Zeit lang hat er als wissenschaftlicher Assistent an der TU München gearbeitet.Doch unübersehbar heißt sein Doktorvater eben nicht Ostwald oder Mendelejew. Sein Doktorvater heißt Jaroslav Hasek. Und sein Held Pepa, der eigentlich Jozef heißt, mit weichem tschechischem z, ist ein Schwejk im allerheutigsten Sinne. Die Schwejk ziehen heute freilich nicht mehr in Kriege – außer sie sind wirklich saublöd. Sie machen freilich auch keine Geschäftchen mehr mit Hunden. Eine Lieblingskneipe haben sie trotzdem, auch wenn diese hier nicht im schönen Prag steht, sondern in einem verschlafenen Nest im tschechischem Teil des einstigen preußischen Schlesiens. Eine Kneipe, in der die Wirtstochter Hanka ein bisschen Schwung in den Umsatz bringt, indem sie Tage mit Bedienung oben ohne einführt. Mit der forschen Hanka verbindet den eher schüchternen Pepa so Einiges – und als er eines Tages aufbricht Richtung Deutschland, um dort das Startkapital für Hankas Boutique zu verdienen, ist noch längst nicht klar, ob das eine von den vielen verkorksten Liebesgeschichten wird, in der der Held tatsächlich nur den Schwejk spielen kann – oder ein nettes Märchen. So nach dem Strickmuster „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

    Pepas Eintrittskarte in sein deutsches Abenteuer könnte seine mögliche Herkunft sein: Seine Großmutter behütet den SS-Mitgliedsausweis des Großvaters wie einen Schatz – in der Hoffnung, dass er in Deutschland mal eine ordentliche Pension wert ist. Man macht sich im Dorf so seine Illusionen über Deutschland und dessen vermeintlichen Stolz auf die ruhmreiche Vergangenheit. Woran – das darf erwähnt sein – die Hitler-Narretei einiger deutscher Medien durchaus ihren Anteil hat.

    Dass der SS-Ausweis keineswegs eine Eintrittskarte ins deutsche Schönleben ist, erfährt Pepa, der auch den trockenen Skeptizismus eines Schwejk hat, sehr bald. Die Leute, denen er den Ausweis als Eintrittskarte präsentiert, reagieren recht seltsam. Was dann auch wieder an den Leuten und der gepflegten deutschen Verklemmung beim Umgang mit der unverdauten Geschichte liegt. Anmerken lässt sich der Bursche das freilich nicht. Ganz wie Schwejk hat er jedes Mal eine gute kleine Geschichte parat, um den verdutzten Leuten zu erklären, dass man das daheim bei ihm schon immer etwas anders gemacht hat. Und einige Begegnungen wären – hätte sie ein deutscher Großschriftsteller geschrieben – durchaus geeignet zu pompöser Professoral-Literatur mit selbstverliebter Peinlichkeit.

    Doch das Faszinierende ist: Dieser Held nimmt sich zwar ernst, lässt das aber keinen merken – auch den Leser nicht. Der Leser merkt’s ja trotzdem. Er ist ja dabei, erlebt mit, wie Pepa sich mit Witz aus den misslichsten Situationen befreit, ein wenig lernt er auch die deutsche Art kennen, mit ungeliebten „Schwarzarbeitern“ umzugehen. Und so leicht wie bei Tucholsky entfaltet sich auch für Pepa eine schöne Begegnung auf dem Viktualienmarkt zu einer kleinen Abenteuerreise ins Land der Liebe. Auch das durchaus ein Stoff, den Kollegen mit niederdeutschem Humor in aller Peinlichkeit geschildert hätten, denn ein Leben als Au-Pair-Mädchen im Haushalt einer erfolgreichen Kinderbuchillustratorin – das klingt nach dem langweiligen Stoff, mit dem deutsche Langschreiber die Literaturpreise abräumen.Natürlich kann das nicht funktionieren. Und ein weiterer älterer Herr, der nun gar unter einem gewaltigen Tourette-Syndrom zu leiden scheint, dreht die Sache scheinbar ganz ins Skurrile: Das kann man doch nur auf der Bühne so bringen! Das ist was für ein leicht angetütertes Publikum! – Kann man ja ausprobieren. Dem Buch liegt wieder eine CD bei, auf der vier Abschnitte aus dem Buch vom Autor eingelesen sind. Aber das hat man seinerzeit ja auch Tucholsky vorgeworfen – dass er zu leicht hin erzähle, zu locker, zu fröhlich, zu kurz, mit Zwinkern. So gehen Autoren mit ihren Lesern um, wenn sie sie gern haben.

    Und Konecny hat seine Leser gern. Seine Helden sowieso. Arrogante Pinsel mag er nicht, Schaumschläger und Möchtegernkünstler, die ihr Nichtkönnen hinter dummem Geschwafel verstecken. Ein paar davon kommen in diesem Buch vor. Das ist die feine Gesellschaft, in der Paula verkehrt, die junge Dame, in deren rein vegetarischen Haushalt Pepa das Au-Pair-Mädchen spielt für zwei gewiefte junge Burschen, die wie frisch aus der Fernsehserie „Pan Tau“ entschlüpft scheinen.

    Der Leser aus dem südlichen Osten der Republik wird sich heimisch fühlen in diesem Buch. Dieser Humor, dieses Nicht-Klein-Kriegen-Lassen ist ihm vertraut. So kann man mit der Welt umgehen, wenn sie einem wieder eins in den Nacken verpasst. Wie sagt Pepa so schön? – „Man kann mich nicht beleidigen, nur verlieren.“

    Paula begreift das späterhin, nachdem sich das Ganze schön zu einer kleinen Katastrophe aufgebaut hat und das Au-Pair-Mädchen wieder heim gehen musste zu Großmutter, die ohne ihren Pepa augenscheinlich nicht mehr leben kann. Auf dem Sterbebett gibt’s noch eine kleine Enthüllung. Hanka bekommt ihre Boutique. Und Pepa könnte, wie Schwejk, nun abkommandiert werden an die nächste Front. Aber es kommt – ja, märchenhaft ist das schon ein bisschen – anders. Als man denkt. Oder erwartet. Aber welche Erwartungshaltungen hat man nun eigentlich, wenn man deutsche Liebesromane liest? Dass man sich quält mit den ganzen aufgetürmten Selbstzweifeln von Leuten, die mit rotem Ferrari und eigener Villa um ihre „Superweiber“ und „Traumprinzen“ jammern, dieses ganze gebräunte Gesocks aus den Klatsch-Magazinen?

    Konecny liebt seine Leser. Deswegen hat diese Geschichte viel von der Substanz all der schönen tschechischen Märchen, in denen eben nicht die Goldmarie am Ende den Prinzen bekommt, sondern das Aschenbrödel den Pepa. Und das ist, mal ehrlich, doch eigentlich die viel schönere Geschichte.

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