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„Die Sache tut mir sehr, sehr leid“: Nach 63-fachem Kindesmissbrauch sechseinhalb Jahre Haft

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    Detlev F. (54) sah gezeichnet aus, als Richter Norbert Göbel am Dienstag, 21. Februar, kurz vor 12 Uhr im Landgericht das Urteil verkündete. Der Oschatzer soll sechseinhalb Jahre ins Gefängnis. Staatsanwältin Anett Schneider warf dem gelernten Eisenbahner vor, in 50 Fällen drei seiner sieben Kinder missbraucht zu haben. Nachdem die Verfahrensbeteiligen einen Deal aushandelten, gestand er und zeigte Reue.

    Das Leben des Mitfünzigers mit dunklem Polohemd, furchigem Gesicht, Schnauzbart und ergrautem Haar erschien so ramponiert wie der Parkettfußboden des Sitzungssaals. Das halbe Jahr Untersuchungshaft sei für ihn eine Tortur gewesen. „Ich bekam Todesdrohungen.“ Eine Erklärung für die furchtbaren Taten findet sich möglicherweise in seiner Biografie.

    Detlev F. zählte die wesentlichen Punkte in sachlichem Ton im Schnelldurchlauf auf. Im Westen geboren, wanderten seinen Eltern mit ihm und seinen sechs Geschwistern 1964 in die DDR aus. „Mein Vater kommt aus Zeithain“, begründete er den ungewöhnlichen Lebensweg. Die Großfamilie bezog einen Dreiseitenhof am Oschatzer Stadtrand. Das Grundstück ist bis heute im Familienbesitz. Ende der 1980er Jahre kam F. das erste Mal mit der Justiz in Berührung. Von 1987 bis 1989 sah er das erste Mal in seinem Leben ein Gefängnis von innen – möglicherweise zu Unrecht. „Da ist mir ein Kind runtergefallen, aber das hat mir keiner geglaubt“, beteuerte er heute seine Unschuld. Detlev F. verlor das erste Mal im Leben seine Freiheit, die erste Ehe ging in die Brüche.

    Im Alter von 12 Jahren wurde er von einem Fremden sexuell missbraucht. Womöglich hatte er deshalb keine Hemmungen, sich an seinen eigenen Kindern vergreifen, als ihn die zweite von drei Ehefrauen verließ. Zumindest er selbst scheint dies so zu sehen. Die Mutter von Alexander (21), Freddy (17) und Stephanie (14) begann 2004 die Liason mit einem neuen Lebenspartner. Zwei Jahre später folgte die Scheidung.

    Für Detlev F., der schon aufopferungsvoll seine Mutter pflegte und das 3.000 Quadratmeter große Grundstück in Schuss hielt, eine innere Qual. Um seinen Stress zu kompensieren, verging er sich ersatzweise an seinen Kindern. Alexander und Freddy nötigte er laut Anklage 2004 und 2005 regelmäßig zum Hand- und Oralverkehr, wenn sie ihn an den Wochenenden besuchten. Stephanie musste zusehen. Als das Mädchen 2009 bei ihm Schutz vor dem neuen Lebenspartner ihrer Mutter suchte, zwang er sie einmal fast zum Geschlechtsverkehr. Erst als seine Tochter Schmerzen vortäuschte, ließ er von ihr ab.

    „Ich gehe nicht davon aus, dass Sie pädophil veranlagt sind, sondern dass das für Sie eine Art Sinnersatz ist“, suchte Staatsanwältin Schneider nach einer Erklärung. Schon 2008 war der Mann wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden. Die Strafe wurde in das heutige Urteil miteinbezogen. 48 Mal hatte er sich an einer weiteren Tochter vergangen. Die beiden hätten sich zwischenzeitlich verziehen. Auch damals war das Ende einer Beziehung der Auslöser. „Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass mir das passiert, wenn eine Trennung vorausgegangen ist“, stammelte F. in seinem Schlusswort. „Ihnen ist das nicht passiert“, belehrte ihn Richter Göbel. „Sie sind der Täter. Sie haben es begangen.“

    Fünfzehn Missbrauchsfälle räumte der Angeklagte heute bereitwillig ein. „Das Geständnis zeugt von Schuldeinsicht und Reue, auch wenn mein Mandant weiß, dass seine Taten durch nichts zu entschuldigen sind“, sagte seine Verteidigerin Nadine Lippold. Die übrigen Vorwürfe wurden nach Absprache aller Beteiligten fallen gelassen, um seinen Opfern die direkte Konfrontation im Gerichtssaal zu ersparen. „Ich möchte mich sehr herzlich bei meinen Kindern entschuldigen, was mir bisher nicht möglich gewesen ist“, zeigte sich Detlev F. am Ende der Verhandlung reumütig. „Ich habe selber sowas erfahren und kann mir vorstellen, wie es ihnen jetzt geht.“ Im Gefängnis möchte er eine Sozialtherapie absolvieren. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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