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Wenn die Wilkes wieder triumphieren, wird Mitmenschlichkeit wieder mit Stiefeln getreten

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    Manchmal sind es die stillen, zurückhaltenden Erzählungen, die das Wesentliche im menschlichen Leben beschreiben: die Freundschaft, die Hilfsbereitschaft, das Vertrauen, das Ungesagte. Und das Jahr 2015, so fand der Hildesheimer Autor Gustav Lüder, sei eigentlich der richtige Zeitpunkt, eine Erzählung über seine Jugend zu veröffentlichen.

    Und er muss es auch gar nicht dazuschreiben, dass diese Geschichte doch so einiges mit dem Jahr 2015 in Deutschland und Europa zu tun hat, auch wenn sie scheinbar in einer Zeit handelt, die vorüber und „erledigt“ ist. Es sind die letzten Tage des Hitlerreiches, die Alliierten stehen längst auf deutschem Boden und es ist nur noch eine Frage von Tagen, bis sie auch das kleine niedersächsische Dorf erreichen, in dem der Hitlerjunge Otto Röbbeln mit seinen Eltern lebt. So ganz freiwillig ist er nicht bei der Hitlerjugend. Und mit wachem Auge hat er bemerkt, dass seine Eltern keineswegs Verfechter des herrschenden Regimes sind. Doch sie wissen auch, dass jedes falsche Wort zu Verhaftung und Tod führen kann. Die Mutter weicht der Vereinahmungen des Regimes aus, indem sie sich kirchlich engagiert. Nachts hört sie heimlich die Sender der Alliierten. Und Otto weiß sehr wohl, dass seine Vorgesetzten von ihm verlangen würden, sie ans Messer zu liefern.

    Eigentlich ist das oft erzählt – doch viele Zeitgenossen scheinen mittlerweile vergessen zu haben, wie solche Regime funktionieren und wie sehr sie mit Bevormundung, Bedrohung und Gesinnungsschnüffelei bis in das Privatleben der Menschen hinein wirken.

    Das soll Angst verbreiten und das Denunziantentum stärken. Und die Freiräume für menschliches Handeln sind denkbar gering. Erst recht, wenn sich im Dorf willige Helfer wie der Gutsverwalter Wilke finden, die an den Schutzlosen ihren ganzen Sadismus ausleben. Die Schutzlosen sind in diesem Fall polnische Zwangsarbeiter, unter ihnen auch der Junge Jurek, mit dem Otto zwar keine innige Freundschaft pflegt – das ist unmöglich in so einer Welt, in der die Menschen wie der Ortsgruppenführer Wilke die Macht und die Kontrolle über alles, was im Dorf geschieht, haben. Wer auch nur in der Nähe der Polen erwischt wird, muss mit drastischen Strafen rechnen.

    Warum hat eigentlich noch kein Historiker ein Buch über die Angst in der nationalsozialistischen Diktatur geschrieben? Fällt das Thema nicht auf? Glauben die Gelehrten tatsächlich daran, dass ein ganzes Volk mit fröhlicher Begeisterung den Nazi-Terror gut hieß?

    Auch Lüder erzählt davon, dass es eigentlich keine Fluchtmöglichkeit für diesen Otto Röbbeln gab, der augenscheinlich im selben Alter wie der Autor war (1930 geboren) und in den letzten Kriegstagen noch als Flakhelfer eingezogen wurde. Nur eine schwere Erkältung verzögert seinen Einsatz an der Front. Am Ende kehrt er unbeschadet aus der Kriegsgefangenschaft zurück – nur Jurek trifft er nicht mehr an. Der hat ein selbst geschnitztes Kreuz zurückgelassen als Dank für Ottos heimlich beiseite geschafften Brote. So hat er dem jungen Polen geholfen – aber die Chance für eine wirkliche Freundschaft war nicht gegeben.

    Aber das liest man nun, weiß, dass es 70 Jahre her ist, und ersetzt doch im Kopf das Herkunftsland Polen mal durch Syrien, mal durch Irak, mal durch Afghanistan. Und dann sieht man diese beleidigten „Islamkritiker“ auf den Straßen laufen und hat so das dumme Gefühl: Die Wilkes waren nie verschwunden, sie waren immer da und suchen jetzt wieder den Weg ins Öffentliche, weil sie das Gefühl haben, ihre Zeit ist wieder gekommen und ihr menschenfeindlicher Humor sei wieder up to date.

    Und sie spielen sich auf, als hätten die Menschenfreunde und Helfer von heute mit ihrer Menschlichkeit wieder Unrecht.

    Otto und Jurek haben sich nie wiedergetroffen. Es ist die Geschichte einer verhinderten Freundschaft – aber nicht die von verhinderter Menschlichkeit. Und damit auch ein zurückhaltender Appell an die Leser, sich nicht einfach von den neuen Schreihälsen und Rechthabern irre machen zu lassen, sondern die eigene Menschlichkeit zuzulassen auch und gerade in schwierigen Zeiten. Wann denn auch sonst? Wenn alles schön ist, kann jeder honorig sein. Aber die Prüfung für Menschlichkeit beginnt, wenn die Verhältnisse kompliziert werden.

    Und es ist schon erschreckend, wie viele Bannerträger der deutschen Ordnung sich nicht mal schämen, ganz öffentlich zu kneifen und Menschlichkeit für Verhandlungsmasse zu erklären. Das hat mit Bürgerlichkeit, Konservatismus oder Christlichkeit nichts mehr zu tun – das ist nur noch feige und oft genug leider auch unverschämt. Da lohnt es sich, eine Geschichte aus dem Jahr 1945 noch einmal zu erzählen und daran zu erinnern, dass im Leben stets nur wirklich zählt, wie menschlich wir uns verhalten haben.

    Gustav Lüder Verhinderte Freundschaft, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2015, 11 Euro.

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