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Wie Frauen sich selber schmucke Sachen in Margaretenspitze knüpfen können

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    Gibt es sie wirklich noch - die Leute, die nichts mit ihrer Zeit anfangen können? Es muss sie geben, sonst wäre die Welt nicht derart angefüllt mit Gerede, Gejammer und Selbstdarstellerei. Die Leute sind außer sich. Und kriegen sich nicht mehr ein. Dabei gibt es so viele schöne Rezepte, wie man sich wieder konzentrieren und mit schönen Dingen beschäftigen kann. Mit Häkeln zum Beispiel in Margaretenspitze.

    Das ist sozusagen die Königsdisziplin im Knüpfen. Da kommen keine Topflappen und Untersetzer bei heraus, sondern Schmuckstücke. Stabil, in kräftigen Farben, richtige kleine Hingucker, die auch zeigen: Es muss nicht alles Gold sein, was glänzt. Und schmuck kann frau auch sein, wenn sie sich selber schmückt und sich nicht auf Diamenten, Silber und andere Teurigkeiten verlässt.

    Erfunden hat diese besondere Knüpfkunst die Chemnitzerin Margarete Naumann. 1913 hat sie ihre Idee erstmals öffentlich vorgestellt, 1918 auch ein Patent darauf bekommen. Ihre Vision war dabei auch eine Wiederbelebung der großen Erfolgsgeschichte der Plauenschen Textilkunst. Die muss, wenn man das so liest, schon vor dem 1. Weltkrieg in schweres Fahrwasser geraten sein. Immer mehr ursprünglich von Handarbeit geprägte Stoffprodukte konnten mit immer neuen Maschinen immer billiger hergestellt werden. Die Konkurrenz nahm zu, die Globalisierung auch. Mit allen Folgen für die vormals geschützten heimischen Märkte. Und Textilkunst im Vogtland, das war eben auch Handarbeit und Heimarbeit im besten Sinne – für viele Familien, die vorher im Bergbau ihre paar Kröten verdient hatten, war das die Gelegenheit, sich mit einer seltenen (aber leider nicht schützbaren) Kunst einen Lebensunterhalt zu erhäkeln.

    Irgendwie hat aber auch das Comeback in den 1920er Jahren nicht so recht geklappt. Die nach Margarete Nauman benannte Spitzenkunst geriet fast in Vergessenheit, bis die Hallenser Physiotherapeutin Heike Becker die eindrucksvolle Kunst wiederentdeckte, sich auch intensiv mit Margarete Naumann und ihren Knüpfkunstwerken beschäftigte (von denen einige auch im Plauener Vogtlandmuseum zu sehen sind) und dann begann, ein paar alte Vorlagen nachzuknüpfen – und sich selber neue Sachen auszudenken.

    Das hier ist schon das dritte Buch, das sie zu ihrem Lieblingshobby veröffentlicht. Die Vorgänger hießen „Margaretenspitze“ und „Weihnachtliche Margaretenspitze“. Denn natürlich geht es nicht nur um hübsche Armbänder, Colliers, Schmuckspangen und behäkelte Knöpfe, auch wenn sich Frauen mit diesen Spitzenideen durchaus eine ganze Reihe Schmuckstücke herstellen können, die die Garderobe je nach Stimmung auffrischen und erweitern. Man kann die kleinen aus Garn entstandenen Gebilde aber auch als Schmuck zu festlichen Anlässen auf dem Tisch, in der Fensterdeko oder gar am Weihnachtsbaum nutzen. Und wer das ausprobiert, wird ganz bestimmt verwunderte Gäste sehen, die erst mal die Brille aufsetzen müssen und näher an den Baum herantreten, um herauszufinden, ob das nun wirklich alles Gold und Silber ist. Und gar aus Garn. Bezaubernd im ganzen Sinn des Wortes.

    Ein paar Vorschläge in diesem Buch gehen in diese Richtung. Die meisten aber zeigen, wie man aus den heute verfügbaren Garnen Dinge wie Colliers in allen Farben, Armbänder, Haarspangen und dergleichen herstellen kann. Jedes der dreizehn vorgeschlagenen Stücke wird reich mit Fotos dargestellt. Die Grundanleitung zum Arbeiten mit Margaretenspitze gibt’s gleich vorn im Buch. Man braucht jede Menge Nadeln, um unterwegs die Knüpfarbeit festzustecken, Geduld und ein aufmerksames Auge. Man lernt auch mal kurz, was eigentlich ein Leitfaden ist, den man auf keinen Fall durchschneiden darf. Was Männer ja bekanntlich gern verwechseln: Sie präsentieren gern den Arbeitsfaden als Leitfaden und schneiden kurz mal hinter sich ab und tun so, als ob sie noch bei der Sache sind.

    Es ist durchaus möglich, dass es auch Männer gibt, die sich für dieses sehr weibliche Hobby begeistern. Aber zum Nachdenken über den Sinn von Leitfäden eignet sich das Buch eindeutig. Denn wenn man sich nicht dran hält und den wichtigsten Faden trotzdem kappt, weil man schusselig ist oder glaubt, ihn nicht mehr zu brauchen, dann fällt das ganze Kunstwerk in sich zusammen. Und je mehr man sich durch die detailliert erklärten Anleitungen blättert, umso mehr drängt sich der Gedanke auf, dass das wohl für alle Leitfäden der Welt gilt. Da helfen die besten Schling- und Rippenknoten nichts – wer an der falschen Stelle die Schere ansetzt, sorgt dafür, dass all die Mühe für die Katz war.

    Heike Becker Schmuck in Margaretenspitze, Buchverlag für die Frau, Leipzig 2015, 12,95 Euro.

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