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Woher nehmen wir eigentlich unser Vertrauen in die Welt und unser Leben?

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    Märchenfilmliebhaber kennen Sylvia Wolff noch als Rapunzel aus dem DEFA-Film von 1988. Doch seit 1997 ist die in Halle geborene Schauspielerin in einem ganz anderen Metier unterwegs: sie malt. Farbenfroh, phantasievoll und überirdisch. Jetzt gibt es ein ganzes Buch voller Engel von ihr.

    Flammenschwertschwingende Engel, Botschaft bringende Engel, wachende, tanzende, schwebende Engel. Aber keine Putten. Das Biblische hat sie augenscheinlich ganz erfasst. Ein zum Atelier umgestalteter Zirkuswagen ist ihr Atelier, kann man auf ihrer Homepage nachlesen. Das beflügelt natürlich die Phantasie. Erst recht, wenn man motivisch so intensiv mit diesen geflügelten Sendboten Gottes arbeitet.

    Dabei sind ihre Engel keineswegs die strengen Botschafter aus der Bibel. In immer neuen Varianten und an unverhofften Stellen erscheinen sie in ihren Bildern, manchmal verschmelzen sie mit der Stadt, den Bäumen, dem Himmel – und man muss sie erst suchen. Diese Engel sind also ein bisschen mehr als nur ausgeschickte Boten. Fast wirken sie wie personifizierte Wünsche, Erwartungen und Zuversichten, stehen für die innige Beziehung der Malerin zum Da-Sein, zum Leben und Erinnern.

    Und die Bilder stehen nicht für sich allein, auch wenn sie das in Ausstellungen durchaus problemlos tun können. Sie brauchen nicht unbedingt Erklärungen, auch nicht die kleinen namentlichen Zuordnungen, die es dann doch gibt und die einige Engel namhaft in den biblischen Geschichten verorten.

    Manchmal fühlt man sich bei diesen Engeln an Chagall erinnert, werden sie zum Teil einer poetisch wahrgenommenen Welt. Nur dass es hier nicht die kleinen jüdischen Dörfer sind, über denen sie schweben, sondern sichtlich eine städtische Landschaft, die dann wieder an die poetischen Stadtlandschaften einer Else Lasker-Schüler erinnern. Die Dichterin könnte durchaus der Schlüssel zu diesen Bildern sein. Und natürlich kommt Else Lasker-Schüler mit ihrem „Gebet“ vor in diesem Bändchen, das nicht nur die farbenfrohen Engel-Bilder von Sylvia Wolff zeigt, sondern sie in einen Dialog setzt mit Texten tiefgläubiger Christen einerseits, jüngeren und älteren, aber auch mit den schwebenden Gedichten deutscher Dichter, die mit Worten nach einer nicht ganz so irdischen Welt gesucht haben und mit biblischen Motiven versucht haben, das Traumhafte in der Welt einzufangen und zu beschreiben.

    Und es ist diese Welt, in der sich die von Sylvia Wolff ausgewählten Texte mit den Bildern berühren und Dinge wie Zuversicht, Vertrauen oder Lebendigsein zu fassen versuchen. Dabei wird natürlich in den beigestellten Texten deutlich, was die Künstlerin umtreibt und bewegt. Wie in Anselm Grüns Text „Entscheidungen fällen“: „Was will ich eigentlich mit meinem Leben? Worauf kommt es an? Kommt es darauf an, immer ein gutes Gefühl zu haben? Oder darauf, alle meine Wünsche zu erfüllen? Kommt es darauf an, dass ich authentisch lebe, dass ich auch in schwierigen Situationen reife und neue Möglichkeiten entdecke?“

    Das sind natürlich Fragen, mit denen sich alle Menschen herumschlagen. Zumindest die Munteren und Wachen. Die Eingeschlafenen denken über so etwas gar nicht erst nach. Die begegnen nie all den verwirrenden Situationen, in denen Entscheidungen zu treffen sind, die immer auch eine emotionale und moralische Antwort verlangen. Wer authentisch leben will, der kommt um diese Verwirrung gar nicht herum. Für den ist das Leben ein ganzes Puzzle aus verwirrenden Entscheidungen. Oder zumindest bewussten Entscheidungen. Denn mancher findet auch den roten Faden für seine Lebensentscheidungen. Mancher findet ihn in tiefem Glauben und der stillen Überzeugung, dass überall Engel sind und mit großem Wohlwollen herabschauen auf das, was Menschen tun. Da fühlt man sich dann nicht so allein, wenn man ein Leben mit Anspruch, Würde und Menschlichkeit leben will. Und wer sich umschaut in der Welt, weiß, dass es genug dumpfe Zeitgenossen gibt, die einem das verdammt schwer machen.

    Ob es dann wirklich himmlische Engel sein müssen, ist dann wohl eine Frage der eigenen Einstellung. Mancher findet diese stärkenden Wesen sogar in sich selbst oder in Freunden, Bekannten, Geliebten. Da kann man den Trost und das Gefühl, nicht allein durch die Unbilden zu müssen, teilen.

    Aber Engel stehen ja auch für dieses Ur-Vertrauen ins Leben, das heute den meisten Zeitgenossen fehlt. Auch weil sie es nicht suchen, wie es Sylvia Wolff getan hat. Die meisten trotten einfach drauflos – und wenn es dann etwas ungemütlicher wird, suchen sie die Schuld dafür immer bei anderen. Sie sind außer sich. Und damit natürlich auf eine traurige Weise heimatlos. Denn wer das Ur-Vertrauen zum eigenen Da-Sein nie findet, der wird immer heimatlos sein – aber jede Menge über „Heimat“ schwadronieren.

    Und wenn das nicht in einigen Texten genau so als Fragestellung auftauchen würde, hätten wir es gar nicht erst benannt. Aber das, was die Malerin sucht und in ihren zuweilen ganz unverhofft aus der Farbe auftauchenden Engeln zu gestalten versucht, ist eindeutig dieses Ur-Vertrauen, so wie bei Friedrich Rückert, dessen Gedicht nicht zufällig neben dem Bild „Fürchte dich nicht“ steht: „Sprichst du: wo ist Gottes Hand …“ Motivisch ist das auch in Edith Steins Gedicht „An Gottes Hand“ aufgenommen. Deswegen trügt der Buchtitel ein wenig. Es geht weniger ums Fliegen als ums Stehen und Gehen, das Vertrauen auf sich selbst bei allem Tun. Manchmal braucht man da einen, der sagt: Alles ist gut. Vertrau nur.

    Das ist schwer genug. Und den meisten wird dieses Vertrauen schon früh genommen. Und dann rennen sie durch die Welt wie von Furien gejagt. Deswegen gibt es auch etliche Texte zum Innehalten und Sichvergewissern. Und – noch so eine selten gewordene Tugend: zum Geduldhaben. Woran ein kleiner Text von Dorothee Sölle erinnert, die menschliches Tun mit dem Bau einer Kathedrale vergleicht. Das dauerte schon mal 200 Jahre und die Baumeister, die die Grundsteine legten, haben die Vollendung des Baus nie erlebt. Das beinhaltet auch eine gewaltige Portion Bescheidenheit: Vor der Zeit sind wir alle klein.

    Aber wer will schon bescheiden sein, wo ringsum alles schreit: „Nimm es dir jetzt und gleich und so viel du willst!“?

    Aber das hat mit einem authentischen Leben nichts mehr zu tun. Dann lieber ein Buch voller Engelbilder und ein paar Texte, die einen dazu bringen, über Selbstvertrauen mal wieder anders nachzudenken.

    Sylvia Wolff Auf Engelsschwingen, St. Benno Verlag, Leipzig 2016, 16,95 Euro.

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