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Die sehr zurückhaltenden Erinnerungen des Vermittlers Friedrich Magirius

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    Wer Peter Wensierskis Buch „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“ gelesen hat, ist auch über den zarten Hinweis auf Friedrich Magirius gestolpert. Der kommt als Akteur in Wensierskis Buch eher nur beiläufig vor. Dafür gibt es den Hinweis auf Magirius’ geplante Autobiographie. Nun ist sie da. Und sie bestätigt die Position der Protagonisten aus Wensierskis Buch.

    Und zwar sehr deutlich. Was übrigens gar nicht fatal ist, sondern zu den Problemen der heutigen Sicht auf die Friedliche Revolution gehört. Die ist nämlich in der Regel platt, eindimensional und falsch. Oft und gern hat man die falschen Männer gelobt, gefeiert und zu Medaillenträgern der Revolution gemacht, bis sie aussahen wie geschmückte Weihnachtsbäume – von Kurt Masur über Christian Führer bis zu Friedrich Magirius, der zum Ende seines Buches auch von diesen Auszeichnungsorgien erzählt, zu denen er eingeladen wurde und zu denen er dann ganz bewusst Leute aus den Basisgruppen mitnahm, die 1989 tatsächlich die Revolution in Gang brachten.

    Magirius weiß um seine eher vermittelnde Rolle in den Ereignissen, auch die ganz und gar nicht einfache Lage der Kirchenverantwortlichen, die von den Funktionären behandelt wurden wie Erfüllungsgehilfen. Was man übrigens auch in Wensierskis Buch so lesen kann. Kirche war zwar auf ihre Weise der letzte verbliebene Freiraum in der DDR, in dem Menschen noch Kritik und eigene Meinungen äußern konnten. Aber sie war – anders als es heute einige christliche Geschichtsdeuter behaupten – nicht der Zündfunke oder Ausgangspunkt der Revolution. Im Gegenteil – Wensierski schildert es ja sehr bildhaft: So richtig ins Rollen kam die Sache in Leipzig, als der Druck der Staatsmacht auf Leute wie Friedrich Magirius immer größer wurde und dem Superintendenten selbst mit Folgen gedroht wurde, wenn er nicht für ein Ende der zunehmend politisierten Friedensgebete sorgen würde.

    Im Dilemma waren Magirius und Nikolaipfarrer Christian Führer sowieso, weil aus dem einst ganz und gar kirchlich gedachten Friedensgebet ab 1988 tatsächlich ein zunehmend von politischen Meinungsäußerungen dominierter Raum geworden war, in dem Kirche, Religion, Gebet und Gottesdienst kaum noch eine Rolle spielten. Man stand sich unerwartet fremd gegenüber. Und das wird selbst in Magirius’ Erinnerungen deutlich: Es benennt die Akteure der Basisgruppen, die ihm so viel Ärger bereiteten, nicht mit Namen. Er spricht nur von „diesen jungen Leuten“, deren Tun ihn unüberlesbar besorgte und ängstigte. Denn als Superintendent musste er – genauso wie sein Kollege Johannes Richter von der Thomaskirche – regelmäßig bei den staatlich Verantwortlichen antanzen.

    Er konnte nicht wissen, ob sie nur drohten oder ihre Drohungen auch in Gewalt umsetzen würden. Und mit Gewalt drohten sie immer wieder. Das ist auch bei Wensierski zu lesen. Nur dass in dessen Buch auch die kollektive Erfahrung der jungen Leute zur Sprache kommt, die die Aufdringlichkeit und den Verfolgungsdruck der staatlichen „Organe“ ja alle leibhaftig erlebten. Die Stasi stand direkt vorm Haus, nach jeder noch so mutigen und kreativen Aktion gab es Verhaftungen und Verhöre. Nur erreichten die staatlichen Überwacher damit just das Gegenteil: Sie zeigten den jungen Leuten damit, wie hilflos die Staatsmacht eigentlich war. Die jungen Akteure hatten keine Ämter, Karrieren und Pfründe zu verlieren. Damit, dass die Funktionäre jeden widerständigen Geist im Land schon von vornherein von Abitur, Studium und „staatstragender“ Berufskarriere ausschlossen, haben die sich selbst jeglichen Druckmittels beraubt, die klugen Geister zu disziplinieren. Das Gespräch suchten die Funktionäre ja sowieso nicht. Gerade der Herbst 1989 machte dann überdeutlich, wie unfähig sie dazu waren, wie sie sich an die Macht klammerten, aber den von ihnen selbst dann irgendwann gewünschten Dialog überhaupt nicht beherrschten. Hinter den Drohungen kam nichts mehr.

    Fast zwangsläufig verloren die jungen Leute, die dann so unverhofft von den Friedensgebeten ausgeschlossen wurden (was Magirius so eigentlich nicht gewollt hatte), immer mehr ihre Angst. War der Sprechraum Nikolaikirche für sie verloren, dann blieb ihnen nur noch die Straße. Und genau das führte ja dazu, dass die Demonstrationen durch Leipzigs Innenstadt immer mehr Zulauf erhielten.

    Sehr zum Erschrecken jener Funktionäre, die Magirius erst so bedrängt hatten, die Montagsgebete zu einem Ende zu bringen.

    Für manche seiner Handlungen bittet Magirius in seinem Buch um Verständnis. Und man versteht ihn ja auch. Deutlich betont er, dass er sich immer nur als Vermittler sah, nicht als Revolutionär.

    Und das lenkt den Blick auf jene Sandwich-Lage, die die Kirche im Osten einnahm, selbst seit den 1950er Jahren unter fortwährendem Beschuss durch die Staatsmacht, was Magirius in seinem Lebenslauf als Pfarrer ja selbst erlebte. Aber wer jetzt eine richtige Autobiographie mit launigen Anekdoten, Abschweifungen und farbigen Schilderungen erwartet, wird vielleicht eher enttäuscht sein. Denn eigentlich wollte Magirius nie ein solches Buch schreiben. Dazu drängte ihn erst Klaus-Ewald Holst, langjähriger Geschäftsführer der VNG, der brachte ihn mit dem langjährigen MDR-Chefredakteur Wolfgang Kenntemich zusammen und der organisierte dann, dass Magirius’ Erinnerungen aufgezeichnet wurden vom Leipziger Historiker Steffen Held. Und auch bei diesen Gesprächen war Magirius sehr zurückhaltend, was sein privates Leben und Denken betrifft. Man lernt eher nur die offizielle Ebene kennen vom Aufwachsen „in schrecklichen Zeiten“ nahe Dresden über das Studium, die kirchliche Vorschule in Moritzburg, die er aufbaute, seine Arbeit als Pfarrer in Einsiedel und seine Arbeit für die Aktion Sühnezeichen, mit der er weitreichende Kontakte nach West und Ost aufbaute, bis zur Berufung nach Leipzig. Man merkt schnell, dass er im Ausgleich den Schwerpunkt seines Lebens sieht – auch im Nachhinein. Er sieht sich immer als Mann der Kirche und deshalb auch zur Versöhnungsarbeit berufen.

    Auch später, als er Superintendent in Leipzig ist und den Friedensgebeten in der Nikolaikirche einen Platz einräumt – montags, noch gerade so vor die Schließzeit der Kirche gelegt. Entsprungen übrigens der Friedensdekade der frühen 1980er Jahre. Das darf man auch nicht vergessen. Die evangelische Kirche bezog in der Friedensfrage tatsächlich deutlich Position, nicht nur, was die Aufrüstung mit Mittelstreckenraketen betrifft, sondern auch was Wehrdienst und Wehrkundeunterricht betraf. Symbol dieser Bewegung war die berühmte Skulptur von Sergej Wutschetitsch vorm UNO-Hauptquartier in New York, die sich auf das Micha-Zitat „Schwerter zu Pflugscharen“ bezog. Der Aufnäher mit diesem Symbol rief die Überwachungsbehörde in der ganzen DDR auf den Plan. Die Friedensbewegung in der DDR wurde tatsächlich als Gefahr betrachtet. Vor allem, weil die Kritik den „Friedensstaat“ im Kern hinterfragte.

    Was keiner besser wusste als Christoph Wonneberger, der die Idee der Friedensgebete mit nach Leipzig brachte und als Pfarrer tatsächlich für jene Widerständigkeit stand, die im Nachhinein gern der Kirche im Osten als Ganzes angedichtet wurde. Mit Wonneberger kam Magirius überhaupt nicht zurecht. Die persönliche Distanz ist deutlich lesbar. Wobei auch wichtig ist zu erwähnen, dass es an Leipziger Kirchen auch ganz anders zugehen konnte. Denn während die Nikolaikirche in den 1980er Jahren mitten im Brennpunkt des Geschehens stand, tat sich drüben an der Thomaskirche gar nichts. Superintendent Johannes Richter war oft genug im Dissens mit Magirius. Selbst das, was Magirius mit Widerständen ermöglichte, ging Richter zu weit. Aber noch einen Zacken schärfer war Thomaspfarrer Ebeling, der seine Kirche bis in den Oktober 1989 verschlossen hielt, aber nachher sogar in der ersten frei gewählten DDR-Regierung landete.

    Dieser Pfarrer war nun glattweg der Gegenentwurf zum nimmermüden Christoph Wonneberger, der die Basisgruppen mit allen Kräften unterstützte. Für einen immerfort auf Ausgleich bedachten Mann wie Magirius war der Herbst 1989 ein regelrechter Lernprozess. Vor allem, weil seine vermittelnde Rolle in der Nikolaikirche dann auch zu einer neuen Vermittlerrolle an den Runden Tischen der Stadt Leipzig wurde. Eine Rolle, in der er augenscheinlich auch wieder den Respekt der dort Beteiligen gewann. Was dann wieder zur Folge hatte, dass er zum ersten (und einzigen) Leipziger Stadtpräsidenten gewählt wurde. Ein fast vergessenes Kapitel, denn damit gab es in den Großstädten des Ostens eine Gewaltenteilung, die westliche Großstädte so nicht kannten: Nicht der OBM war der Vorsitzende der Ratsversammlung, sondern der Stadtpräsident. Das war zwar vor allem als ein Übergangsmodell zwischen den sich auflösenden alten und den neuen demokratischen Strukturen gedacht, begrenzte aber auch die Macht des OBM. Magirius hält es für einen Fehler, dass die neue sächsische Gemeindeverfassung dieses Modell wieder abschaffte und die Oberbürgermeister (wie im Westen) in eine erdrückende Machtposition brachte.

    Gerade sein Weg in die Politik brachte Magirius mit vielen namhaften Politikern in Kontakt – viele hatte er mit belegter Stulle bei sich zu Hause auf dem Sofa sitzen. Aber auch da hält er sich mit plastischen Erzählungen sehr zurück. Was schade ist. Da gab es in Ursula Lehmann-Grubes „Leipziger Tagebuch“ schon deutlich mehr zu lesen. Man merkt, dass Magirius das Plaudern über sich nicht liegt, dass er sich als Person gern zurücknimmt. „Mir wurde bedeutet, dass ich als jemand geschätzt werde, der zuhören kann und zu vermitteln versucht“, heißt es im Kapitel zu seiner Moderatorenrolle am Runden Tisch. „Selbstverständlich war das für mich nicht. Denn ich bin ja keiner, der stürmt und drängt.“

    Da gerät man natürlich mit den Stürmenden und Drängenden aneinander, deren Rolle er übrigens im Nachheinein anders wertet, sogar richtig dankbar ist, dass die Leipziger Dränger tatsächlich hinausgedrängt sind und die Sache ins Rollen gebracht haben. Noch im Nachhinein findet Magirius für das Jahr 1989 ein Bild, das mit dem der jungen Leute, die „aus dem Kirchenghetto auf den Platz vor der Kirche“ drängten, wenig gemein haben dürfte: „Wir hatten eine Gratwanderung hinter uns. Gratwanderungen sind gefährlich. Gratwanderungen sind anstrengend. Doch sie führen weiter.“ Und als Fazit: „Die Gratwanderung habe ich nicht als strahlender Sieger beendet. Da sind Wunden und Verletzungen geblieben.“

    Und ziemlich viele vereinfachende Legenden über den Herbst ‘89 sind gefolgt, die der Kirche ein Heldentum zuschrieben, das sie nicht hatte. Aber mittlerweile liegen ja eine ganze Reihe Selbstzeugnisse vor, die das Bild der Leipziger Akteure deutlicher machen, auch wenn etliche von ihnen – und zwar gerade jene „jungen unangepassten Menschen“, die „unabhängig waren und auf andere keine Rücksicht nehmen mussten“ – noch viel zurückhaltender waren als Magirius. Denn mit dem Rücksichtnehmen irrt er. Es ist eine der vielen Stellen, in denen Magirius’ Distanz zu diesen 20 Jahre Jüngeren deutlich wird, die die DDR so nicht mehr aushaltbar fanden und auch keine Versöhnung mehr mit der Staatsmacht suchten. Rücksicht nehmen mussten sie trotzdem – vor allem auf ihre Freunde, Familien und nicht zuletzt auf die Nikolaikirchgemeinde, die sie aufgenommen hatte. Es lohnt sich schon, Wensierskis Buch einfach als Ergänzung zu lesen. Schon allein, weil es voller emotionaler Erinnerungen ist, genau dem, worin Magirius sich so deutlich zurückhält. Vielleicht ist das sogar typisch für seine Generation, die so ungern über sich selbst, ihre Gefühle und realen Erfahrungen zu sprechen bereit war. Und ist. Und wohl auch immer bleiben wird.

    Friedrich Magirius Gelebte Versöhnung, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2017, 19,95 Euro.

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