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Insgesamt so, diese Welt: Die herrlich melancholischen Gedichte von Lydia Daher

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    Man könnte friedvoll ersaufen in dieser Melancholie. Man kann auch drin baden. Man kann sich drin wohl sein lassen. Melancholie kann so schön sein. Und bei Lydia Daher ist sie gleich mehrfach schön. Vor vier Jahren hat die junge Augsburgerin bei Voland & Quist ihren Gedichtband "Kein Tamtam für diesen Tag" veröffentlicht. Ihr zweiter Gedichtband ist noch melancholischer.

    „Suchend und fordernd, sinndicht und entwaffnend“ beschreibt der Verlag diesmal ihre Texte. Auch die übliche CD liegt wieder bei, die die junge Autorin hörbar macht. Mit esoterischer Musik untermalt, sinnend, eindringlich. Man kann sich auch gleich vorstellen, wie ihre Lesungen sind. Und wie das Publikum zart umhaucht lauscht und leise seufzt: „Achja.“ Denn es geht um Liebe, Sehnsucht, Trennung, Erwartung und Verlust.

    Ist ja nicht nur mit 31 ein Thema. Aber gerade da. Da erwarten Frauen was. Meistens gewaltig viel. Meistens von jenem Wesen, das da „mit langen Beinen, federlos / durch diese Landschaft oder Tür“ geht. Selbst im innigsten Moment lauert der Zweifel: Ist es das nun? Ist das die Erfüllung? Das, was sich die Nachdenkliche gewünscht hat? Gesucht hat? Woran sie – ja – gearbeitet hat die ganze Zeit?

    So lauert im Moment des Nahseins die Distanz, das Schweigen, das Zweifeln und der Abschied. Aus solchen Momenten kann man viele Gedichte machen. Macht sie auch. Mit Gefühl. Mit ganz viel Gefühl: „Zeichen im Staub verlassener Dielen. / Ein Schwur. Ein Stattdessen. Die Tage darauf.“ Eine knisternde, fast spöttische Melancholie. Das fasziniert, denn es ist so herrlich rätselhaft, wie Männer manchmal lieben. Mann fühlt sich gefordert und gemeint. Und es ist schön: Die Welt ist in Stille gepackt und erstaunlich leer. Eigentlich gibt es in Lydia Dahers Gedichten nur viel Ich (das sehr traurig und wehmutsvoll sein kann) und ein Du, das meistens schon fort ist, wenn es da ist, und wenn es fort ist, fast schon ganz weg. Wie die Männer manchmal so sind. Bleibt noch das Dritte, in dem sich das Ich spiegelt: die Vergänglichkeit der Jahreszeiten.

    Das ist schon an sich Poesie und Lydia Daher beherrscht es meisterlich, mit dieser Vergänglichkeit zu spielen, zu komponieren. Darin lebt – was auch unter Lyrikern so häufig nicht ist – ein inniges, schönes Staunen über die Einzigartigkeit dieser uns geschenkten Welt: „Und ist es nicht merkwürdig, / dass ausgerechnet wir / hier sitzen, unter den vollen Regalen des Himmels …“ Da wurzelt Poesie tatsächlich: im Staunen. Das muss man können. Dafür muss Frau eine Ader haben.Dazu kommt ein gutes Händchen für die richtigen Bilder. Die richtigen Übergänge. Denn: Alles fließt. Verwandelt sich. Selbst dann, wenn scheinbar alles zum Stillstand gekommen zu sein scheint: „So wie das Schweigen länger wird, aber nicht schöner / Als wäre etwas ausgegangen Stück um Stück. / Etwas, um das man die Nachbarn nicht bittet.“ Es sind Gedichte, so schön in Moll komponiert, dass die Tupfer aus Dur, die Lydia Daher zu setzen weiß, geradezu funkeln. Witzig sind sie auch. Es ist ein feiner, fast verspielter Humor, der da durchblitzt. „Später zog ich / dem Kaktus im Bad seine Stacheln. / Er braucht sich vor mir / nicht zu fürchten.“

    Es gibt auch eine ganze Reihe Texte in diesem Band, in denen die Dichterin sich auf große, berühmte melancholische Vorlagen bezieht – den Film „Paris, Texas“, Mondrian oder William Carlos Williams. Es ist schon erstaunlich, wie reich die neuere Moderne an melancholischem Baumaterial ist. Wohl nicht ohne Grund. Und die junge Augsburgerin erforscht, wenn sie ihr eigenes Leben erforscht, auch diese Grundmasse, diese Verwirrung jenseits des großen Geschreis, das in ihren Texten nicht vorkommt. Dort ist es still. Kein Lärm, keine Störung. Der Blick immer offen wie das Fenster. Eine Stille, wie man sie wohl zuletzt bei Simenon gelesen hat.

    Gehört das zusammen? Sind das zwei Sichtweisen auf die Erfahrung der lauten, rasenden Gegenwart? – Wahrscheinlich. „Du atmest tief ein / am offenen Fenster, ver- / suchst dein eigenes Herz / auszusetzen. Doch es / will dir nicht aus der / Hand …“

    Die Verwunderung ähnelt sich, der forschende Blick ebenfalls. Und gerade das macht diese Texte so vertraut, so heimelig. Es ist, als säße man mit der jungen Dame am Tisch, das Fenster steht offen, kein Termin drängt. Und sie ist wieder traurig. Oder nachdenklich. Zweifelt wieder an sich. Und an dir und dem, was kommen mag. Es ist so schön, dass man drin baden mag. Eine CD lang, ein Buch lang. Eine Lesung lang.

    Natürlich kommt Lydia Daher auch zur Buchmesse. Am 16. März ist sie ab 14 Uhr auf der Leseinsel Junge Verlag auf der Messe, ab 20 Uhr dann in der Schaubühne Lindenfels zu „UV – der Lesung der unabhängigen Verlage“. Und am 10. Mai kommt sie dann zu Voland & Quists Salon in Horns Erben.

     

    Lydia Daher „Insgesamt so“, Voland & Quist Verlag 2012, 14,90 Euro

    www.lydiadaher.de

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