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Doppelstadt mit Berggeschrei: Annaberg an einem Tag

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    Annaberg ist eigentlich nur die halbe Stadt. Annaberg-Buchholz heißt die Doppelstadt an der Sehma seit 1945. Die Sehma war 1497 noch Landesgrenze zwischen dem ernestinischen und dem albertinischen Sachsen, als die Neustadt am Schreckenberg gegründet wurde, die ab 1501 Annaberg hieß. Der Grund für die Gründung mitten im wilden Erzgebirge: das Erz natürlich, das große Berggeschrei, das genau von hier aus losging 1491.

    In Frohnau war das, heute Stadtteil von Annaberg-Buchholz. Der Frohnauer Hammer ist heute weltberühmt. Als Relikt einer vergangenen Zeit. Seit 1907 ist die ehemalige Mühle, die dann zur Scherenschmiede, zum Kupfer- und Silberhammer umgebaut wurde, technisches Denkmal. Wie so ungefähr alles, was von der einstigen Blütezeit des Bergbaus hier zeugt: das Besucherbergwerk „Im Gößner“, der Markus-Röhling-Stolln, der extra wieder aufgebaute Pferdegöpel. Alles kann besichtigt werden. Ein ganzes Wirtschaftszeitalter zum Besichtigen.

    Die Zeit danach ist auch schon museal. Man kann sie im „Museum der Träume“ besichtigen. Dieses Zeitalter begann eigentlich schon früh, noch bevor die Gruben erschöpft waren, als die Ausbeute aber schon so gering wurde, dass die Knappen auf einmal kein Auskommen mehr hatten und neue Wege finden mussten, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das begann schon im 17. Jahrhundert. Da begann die Zeit der erzgebirgischen Schnitzkunst, denn Holz hatte man ja noch zur Genüge.“Die Frauen beschäftigten sich mit Spitzenklöppelei und der Anfertigung von Posamenten“, schreibt Jens Kassner, der für diesen Ein-Tag-Führer mit dem Auto in die erzgebirgische Doppelstadt gefahren ist. Einen Eisenbahnanschluss gibt es seit 1866 auch. Aber das kann man in Sachsen wohl bald als Running Gag mitteilen, da ja das Verkehrsministerium fleißig daran arbeitet, dass Zugfahren in Sachsen zu einer Zirkusattraktion wird.

    Natürlich gibt es auch für Leute, die kein Weihnachtskrippen-Temperament haben, ein paar Gründe, nach Annaberg-Buchholz zu fahren. Wegen Adam Ries zum Beispiel, der in Annaberg das Zentrum seines Wirkens als Rechenmeister hatte. Was mit der frühen Industrialisierung und dem Bergbau zu tun hatte. Auch im 16. Jahrhundert funktionierten die Dinge nicht, wenn sie falsch berechnet waren.

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    Auch den berüchtigten Mönch Johann Tetzel, der eigentlich im Dominikanerkloster in Leipzig zu Hause war, verschlug es mehrmals nach Annaberg. Das Berggeschrei hatte ein paar Leute reich gemacht in Leipzig und in Annaberg. Da glaubte er, seine Ablassbriefe gut verkaufen zu können. Dafür wäre er in Annaberg freilich beinah gelyncht worden. 1507. Von den Bergleuten, die sich ihre Groschen in knochenharter Arbeit unter Tage verdienten. Was Tetzel nicht daran hinderte, in den nächsten Jahren wiederzukommen.

    Der Leipziger Christian Felix Weiße wurde in Annaberg als Rektorensohn geboren. Da warten wir jetzt mal ab, bis die Annaberger das merken und eine Marketingaktion in Gang setzen: „Felix ist Annaberger …“

    Hans Hesse übrigens auch. Beinah. Eigentlich ist er Buchholzer. Aber kaum einer kennt ihn, obwohl sein Altar, der in der Stadtkirche St. Annen zu sehen ist, weltberühmt ist: der Annaberger Altar. Diesmal nicht, weil berühmte Leute drauf zu sehen sind, sondern das knochenharte Leben der Bergknappen, die den Altar 1521 stifteten. Da kann man fast wetten darauf, dass ein paar von denen, die 1507 den Tetzel verprügelt haben, 1521 den Altar mitgestiftet haben.Wer Kirchen mag, kommt in Annaberg-Buchholz auf seine Kosten. Hier steht an jeder Ecke eine kleine, wenn man die beiden großen, St. Annen in Annaberg und St. Katharinen in Buchholz, mal aus den Augen verlieren sollte. Was selten passiert, denn sie wurden ja extra so platziert, dass man sie sehen muss.

    Am Rande taucht auch der berühmteste Dichter Sachsens auf: Arthur Schramm. Das berühmteste Gedicht, das nicht von ihm stammt, heißt „Grubenunglück“. Und so geht’s: „Rumpeldipumpel, weg ist der Kumpel.“ Der Mann war nicht ganz so gemütlich, wie er von einigen unpolitischen Zeitgenossen gern gesehen werden wollte. Und wer wegen Schramm nach Annaberg fährt, verschwendet tatsächlich Zeit.

    Es sei denn, er liebt Postmeilensäulen. Hier haben sich noch zwei aus der Zeit des großen August erhalten. Genauso wie die beiden Rathäuser, die daran erinnern, dass auf Buchholzer Seite extra eine eigene Stadt gegründet werden musste, weil es zwar Silber auf beiden Seiten der Sehma gab – aber auch zwei Landesfürsten. Das ist also auch nichts Neues, dass wegen einer kurzzeitigen Landesgrenze für Jahrhunderte alles doppelt gemacht werden muss.

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    Annaberg an einem Tag
    Jens Kassner, Lehmstedt Verlag 2012, 4,95 Euro

    Jens Kassner rät unterwegs – am Frohnauer Hammer – schon mal aufs Auto umzusteigen. Denn der Weg durch die zwei Orte oder gar raus zum Röhling-Stolln und zum Pferdegöpel zieht sich. Jedenfalls, wenn man nicht gut zu Fuß ist und alles an einem Tag schaffen will. Was man nicht muss. Die Gegend ist so hübsch, dass man ruhig drei bis sieben Tage Urlaub draus machen kann. Immerhin gibt es auch ein paar neckische Berge zu besteigen – den Pöhlberg (mit Berghotel und Gaststätte) und den Scheibenberg (mit Hotel und Gaststätte) zum Beispiel. Ausflüge kann man auch machen nach Schlettau oder Geyer.

    Wer freilich eine latente Allergie gegen Bergmannsparaden und Weihnachtsengel hat, sollte die Tour rechtzeitig vor Einbruch der heimeligen Jahreszeit machen. Und was Jens Kassner nicht mehr erwähnt: In Annaberg-Buchholz grüßt man sich mit „Glück auf!“, auch wenn man kein Bergmann ist. „Holladiho!“ ist leider falsch.

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