Eine kleine Posse als Referenz an Robert MacAdam: Wird in Afrika Irisch gesprochen?

Jürgen Buchmann liebt das Spiel mit Texten anderer Leute. Insbesondere, wenn diese Leute schon Staub sind und die Texte schön alt. Die Vorlage für dieses Feature hat er im "Ulster Journal of Archaeology" gefunden, in Band Nummer 7, erschienen 1859. Geschrieben hat "Is the Irish Language Spoken in Africa?" Robert MacAdam. Ein in Irland durchaus bekannter Bursche, wenn auch kein Archäologe, wie ihn der Cover-Text einreiht.
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„Collector of the Irish Literature“ nennt ihn die Familiengeschichte der MacAdams. Denn Robert Shipboy MacAdam (1808 – 1895) war ein Büchermensch, eine Art Gebrüder Grimm für Irland in einer Person. Er sammelte alles, was er an irischer Literatur finden konnte, von alten Sagen, Legenden und Volksmärchen bis hin zu Liedern. Dazu bereiste er die irischen Provinzen, sammelte die gälischen Überlieferungen direkt in den Dörfern ein. Und das in einer Zeit, als das Englische begann, in Irland zur einzig dominierenden Sprache zu werden.

Und er veröffentlichte nicht eben nur so mal im „Ulster Journal of Archaeology“. Er hat es 1852 mit gegründet und war bis 1862 der verantwortliche Herausgeber. Und dass er so einen eigentlich obskuren Artikel über die irische Sprache in Afrika schrieb, bekommt natürlich vor diesem Hintergrund eine ganz andere Wichtung. Erst recht, wenn man erfährt, dass Robert MacAdam – einschließlich des Irischen – 13 Sprachen beherrschte. Da geht man nicht wirklich los und lässt sich von diversen englischen Gentleman aus dritter Hand erzählen, dass sie auf einem Markt in der Provinz gehört hätten, wie sich diverse Ohrenzeugen an ein Gespräch von afrikanischen Matrosen mit irischen Landarbeitern erinnerten.

Hier hat einer schon im Original seinen Spaß ausgelebt, ein bisschen seinen Nationalstolz durchblicken lasen, aber auch einige obskure Forschungsmethoden seiner Zeit auf die Schippe genommen. Denn wer sich in die Archive der frühen Sprachwissenschaft begibt, wird Berge von Büchern finden, die sich mit den obskursten Sprachtheorien beschäftigen – in der British Library genauso wie in diversen deutschen Bibliotheken. In einigen dieser Theorien vermischte sich der europäische Glaube, der Nabel der modernen Welt zu sein, mit kolonialer Überheblichkeit, zusammengeklebtem Nationaldünkel und einer in einigen Disziplinen bis heute anzutreffenden Buchstabengläubigkeit.
Deswegen funktioniert Buchmanns Montage auch nicht wirklich als eine Demontage des MacAdam-Textes. Dazu sind dort selbst zu viele satirische Elemente angelegt. Und im Grund könnte man MacAdams Text ohne Probleme in die große Reihe irischer Satire einreihen – am besten in die Nähe von „Gullivers Reisen“.

Andererseits bietet so ein Text natürlich eine Steilvorlage dafür, jetzt noch eins draufzusetzen. Was Buchmann tut. Er verpasst all den Personen – auch den englischen Landfrauen, irischen Landarbeitern, den Bewohnern Afrikas, den Basarhändlern und den briefeschreibenden Lords eigene Stimmen, macht aus dem Text also wirklich ein Feature, das durchaus im Radio laufen könnte. Ist nur die Frage, in welchem. Denn die Sendung müsste ja beim heutigen Niveau deutscher Denkkultur aller zwei Minuten unterbrochen werden mit dem hörbaren Hinweis: „Vorsicht! Sie hören gerade eine Satire!“

Aufgeführt wurde das Feature tatsächlich schon: im Juni 2011 in der Bürgerwache am Bielefelder Siegfriedplatz. Da spielte auch Buchmann mit, konnte also nichts schiefgehen. Den heutigen Linguistikern wird es wohl eher nicht mehr passieren, dass sie derart kenntnislos an ein Forschungsgebiet gehen. Aber mittlerweile reden ja – die moderne Medienwelt macht es möglich – auch Leute in wissenschaftlichen Fragen mit, die glauben, Wissenschaft sei Ansichtssache und man müsse nur eine gewagte Gegenthese aufstellen, schon stürzen die Erkenntnisberge der Wissenschaft in sich zusammen.

Die Klimawissenschaft ist so ein Feld. Die Ufologie sowieso. Man gibt sich wissenschaftlich, sucht sich aus den existierenden Forschungsergebnissen die heraus, die zur gewählten These passen, und dann gibt man sich als Experte aus oder gar als Wissenschaftler. Das von MacAdam humorvoll beschriebene Problem taucht also auch 160 Jahre später in verwandelter Form wieder auf. Und natürlich ist man geneigt, gleich noch einmal „Bouvart und Pecuchet“ zu lesen, denn auch Flaubert beschäftigte sich mit diesem gnadenlosen Dilettantismus, der sich gelehrt gibt und fachmännisch – und doch über ein zufällig belauschtes Marktgeschwätz nicht hinauskommt.

Buchmann kann natürlich mit den Mitteln des Dialoges hörbar machen, was eigentlich hinter den bei MacAdam scheinbar so ernsthaft vorgetragenen Thesen ursprünglich gesteckt haben mag. Das sind dann echt Buchmannsche Dialoge aus der Welt der täglichen Missverständnisse. Die aber irgendwie dazuzugehören scheinen, wenn europäische Besserwisser über die primitiven Völker da unten und da hinten reden und urteilen. So ganz leise ist dieses Feature eine kleine Gesellschaftskritik.

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Wird in Africa Irisch gesprochen?
Jürgen Buchmann, Reinecke & Voß 2012, 8,00 Euro

Und eine Medienkritik. Denn was da täglich durch die News-Maschinen schwappt, kann nicht wirklich von allen Leuten verstanden und nachgeprüft sein, die dann großmäulig ihren Namen über den veröffentlichten Text schreiben.

Selbst MacAdam hätte wohl seine Freude an Buchmanns Inszenierung gehabt. Und sich besonders über das maulsperrende Nilpferd gefreut.

Mehr zu Robert MacAdam:
www.mcadamshistory.com/Robert.html

http://reinecke-voss.de


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