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Das Tagebuch des Leipzigers Heinrich Oskar Kunitzsch aus dem Ersten Weltkrieg

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    Über große Kriege schreiben meist nur große Feldherren, Strategen und Historiker. Was aber der einfache Soldat erlebt hat, das erfährt die Welt meist nur, wenn Leute wie Hasek, Remarque oder Tucholsky drüber schreiben. Viel zu selten kann auf authentische Dokumente der Kriegsteilnehmer zurückgegriffen werden. Das Kriegstagebuch des Leipzigers Heinrich Oskar Kunitzsch ist so ein seltener Fall.

    Nicht unbedingt, weil deutsche Soldaten nicht über ihre Erlebnisse in den beiden Weltkriegen berichtet hätten. Milliarden Feldpostbriefe wurden von der Deutschen Post transportiert. Viele Soldaten haben auch Tagebuch geführt und Fotoalben angelegt. Doch das Problem bis vor kurzem war: Das hat die Historikerzunft so gut wie gar nicht interessiert. Sie hat sich fast ausschließlich auf die Ebene der Staatsmänner, Feldherren und Generäle konzentriert. Was in gewisser Weise logisch war: So wurde Geschichte an deutschen Schulen und Universitäten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein unterrichtet. Egal, ob in Ost oder West – die „Alltagsgeschichte des deutschen Volkes“ (Kuczynski) interessierte die Professoren nicht.

    Es war ein langer Lernprozess, der die Geschichtserzählung in den letzten Jahren erst langsam veränderte. Noch lange nicht gründlich genug. Selbst an neueren Landes- und Stadtgeschichten kann man ablesen, dass die Autoren mental nicht in der Lage sind, aus der klassischen Königserzählung auszusteigen. Sie sind regelrecht blind dafür, was die Handlungen der Mächtigen für die betroffenen Vielen eigentlich bewirkt haben, wie diese überhaupt lebten und überlebten. Sie verschwinden einfach in gigantischen Zahlen, blieben namenlos in einem Tonnagedenken, das die Schicksale der kleinen Leute immer als ersetzbar, unwichtig und unwesentlich behandelte.

    Bis dann die ersten Historiker begannen, sich mit den „Ego-Dokumenten“ der kleinen Leute genauer zu befassen. Denn die erzählen nicht von blauen Fähnchen auf großen Karten und den Dummheiten zur Friedenspolitik unfähiger Herrscher. Sie erzählen davon, was die Beschlüsse der Großen ganz unten bei den Kleinen für Auswirkungen hatten. Auch wenn der gelernte Buchhändler Heinrich Oskar Kunitzsch sein Tagebuch wohl nicht während seiner Einsätze an der Front schrieb. Dazu ist das Tagebuch zu gut erhalten, fehlen die Dreckspritzer, ist das Schriftbild des ersten Teils viel zu sauber und einheitlich. So etwas schreibt man nicht in eiskalten, dunklen und dreckigen Unterständen.

    Auch wenn Ralf C. Müller nicht ganz einordnen kann, wann Kunitzsch sein Kriegstagebuch anlegte, deutet Manches auf seine lange Rekonvaleszenz im Jahr 1918 hin. Schon die so eine richtige Muschkotengeschichte, die auch in den „Schwejk“ gepasst hätte oder in eines von Remarques Büchern. Denn dass der Maschinengewehrschütze Kunitzsch Ende Februar 1918 mit seiner dritten Lungenentzündung im Lazarett landet, ist nicht die Folge seines Einsatzes im kalten und verschlammten Schützengraben bei Cambrai, sondern von ausufernden Übungen bei Regen, Sturm und Kälte im „Erholungsquartier“ hinter der Front: jeden Tag Exerzieren, Aufstehen mitten in der Nacht, stundenlanges Stehen in verschwitzen Uniformen.

    Auch wenn Kunitzsch das Tagebuch erst nach seinen Frontaufenthalten geschrieben hat, ist es oft so detailgetreu, dass er wahrscheinlich authentische Aufzeichnungen zur Verfügung hatte. Und er sah sich auch nicht genötigt, all die Erniedrigungen als einfacher Soldat wegzulassen, auch wenn sie eher episodenhaft auftauchen – gerade wenn es um Schikanen in der Etappe geht.

    Manches taucht nur anekdotisch auf. Auch die Grausamkeit des Krieges selbst. Man müsse solche Ego-Dokumente kritisch lesen, warnt Müller. Recht hat er – und Unrecht zugleich. Denn gerade das, was fehlt, oder was scheinbar wie sarkastischer Landsknechts-Jargon rüberkommt, erzählt von der emotionalen Distanz, die die Soldaten mitten im dreckigen Gemetzel entwickeln mussten. Den Tod engster Freunde registriert Kunitzsch noch. Das Massensterben erwähnt er nur selten, auch wenn er viele Situationen schildert, in denen er dem Tod noch einmal davongerannt ist. Die Zahlen zum Text liefert Müller selbst in lauter kleinen Glossen am Buchrand, in denen er aus alten Weltkriegsberichten zitiert und die Verluste gerade in den sächsischen Regimentern auflistet, in denen Kunitzsch eingesetzt war. Und der lag oft genug direkt am Rand solcher riesigen Material- und Menschenschlachten, erlebte Gasangriffe und hat den Großteil seiner Einheiten sterben sehen. Was sich trotzdem auf wenige Momente konzentriert, in denen er selbst darüber nachdenkt, wie wenig genügt, dass auch er einer der vielen namenlosen Toten wäre.

    Eingezogen wurde Kunitzsch 1915. Im Sommer 1916 kam er an die Westfront und hat dort einige der am heftigsten umkämpften Frontabschnitte kennengelernt. Er erzählt von den zerstörten Ortschaften, den primitiven Quartieren, den wassergefüllten Schützengräben und der oft genug kargen Verpflegung. Indirekt spiegelt sich in seinen Erinnerungen das, was die deutsche Armee schon frühzeitig in die Defensive brachte, weil sie der Lufthoheit und den Tanks der Alliierten nicht mehr viel entgegensetzen konnte.

    An einigen Stellen beschwört er das Vaterland und die Pflicht des Soldaten. Manchmal so eindringlich, dass man sich durchaus fragt: Warum tut er das? Welcher Schrecken lag da gerade hinter ihm?

    Man merkt aber auch, wie wichtig ihm die Briefbeziehung zu seiner Klara ist: Die Hoffnung, heimzukehren und sie heiraten zu können, hält ihn aufrecht. Seine Postkarten an die ferne Geliebte haben sich erhalten und bereichern den Band genauso wie die Fotos, die Kunitzsch und seine Kameraden in der Ausbildung, an der Front oder dann auch in der langen Zeit im Lazarett zeigen. Zwischendrin auch Karten der originalen Kriegsschauplätze, mit denen der Herausgeber den Text anreichert, Bilder von alliierter Seite und von den Orten, in denen Kunitzsch sich aufhielt.

    Aber wie ist das mit seiner Kriegsbegeisterung? Die findet sich nicht wirklich. Dafür dieses tiefsitzende Pflichtbewusstsein, das deutlich macht, wie sehr sich die Kriegspropaganda der Heeresführung von dem unterschied, was die einfachen Soldaten tatsächlich empfunden haben. Sie sahen ihren Einsatz tatsächlich (da ist Kunitzsch keineswegs eine Ausnahme) als Pflichterfüllung für das Vaterland. Eine Überhöhung, die wir heute kaum noch nachempfinden können, weil der Begriff viel zu oft missbraucht wurde. Aber Kunitzsch wuchs in einer Zeit auf, in der dieser Begriff noch positiv besetzt war, in der man das Jahr 1871 tatsächlich als Erfüllung einer langen Sehnsucht nach einem einigen und einzigen Vaterland empfand.

    Dass dieses Gefühl, am Schicksal aller teilzuhaben, missbraucht wurde, das ahnt auch Kunitzsch. Denn er beendet sein Kriegstagebuch, indem er etwas benennt, was er in den vielen ausführlichen Tagebucheinträgen zuvor nicht erwähnt hat: Dass die Soldaten da vorn sich augenscheinlich frühzeitig Gedanken machten über den Schlamassel, nicht erst in der Novemberrevolution von 1918. Denn was er zitiert, kann er nur vor seinem Lazarettaufenthalt gelesen haben: „Ich habe oft in den Gräben gelesen in den letzten Jahren des Krieges: Gleiche Löhnung – gleiches Essen – der Krieg wäre längst vergessen.“

    Ein wahres Wort, schreibt er noch und hofft dann auf „unsere Führer“, dass sie zeigen würden, „ob sie etwas gelernt haben“. Wie man weiß, haben sie allesamt nichts gelernt und Europa in den nächsten, noch blutigeren Krieg hineingeführt. Kunitzsch wurde noch einmal gemustert, da war er schon Angestellter der Stadt. Sein Kriegstagebuch blieb in der Familie erhalten. Ein Glücksfall, stellt Ralf C. Müller fest. Denn damit kann ein reich bebildertes authentisches Dokument veröffentlicht werden, das den Krieg so schildert, wie ihn ein pflichtbewusster junger Mann aus Leipzig erlebte. Der noch dazu Wert darauf legte, dass sein Einzelschicksal „in dem aller“ aufging. Deswegen habe er die „Geschehnisse nur in ganz groben Zügen niedergelegt“, betont Kunitzsch noch.

    Der intensiven Beschäftigung mit den ganz gewiss oft genug traumatischen Ereignissen geht er lieber aus dem Weg, reduziert die dramatischen Ereignisse auf nur wenige Schilderungen der gefährlichen Anmarschwege, der zerstörten Landschaften und der elenden Gräben. Kameradschaft ist ihm wichtig. Und der Frage, wofür all die „getreuen Kameraden“ eigentlich gestorben sind, weicht er aus. Denn hinter Bildern der Gräberreihen für die „Getreuen Kameraden“ steckt  ja im Grunde alles: die Instrumentierung von Pflichtbewusstsein und Treue für einen Krieg, in dem die jungen Männer nur Kanonenfutter waren. Und die meisten gingen genauso wie Kunitzsch mit einer tiefsitzenden Unsicherheit in eine Freiheit, auf die sie nicht vorbereitet waren. Man merkt nur, wie tief die Prägungen der Vorkriegszeit sitzen: „Sein Vaterland zu verteidigen muß jedem Manne Ehre sein – aber es muß anders zugehen als es in diesem Kriege zugegangen ist.“

    Eigentlich dieselbe Unsicherheit, mit der Remarque seinen Kriegsroman „Im Westen nichts Neues“ beginnt. Doch das Tagebuch des Heinrich Oskar Kunitzsch endet hier.

    Im Nachwort ergänzt Herausgeber Ralf C. Müller noch Wesentliches, die Herkunft der Quelle genauso wie das Leben und das familiäre Umfeld des Tagebuchautors. Gerade die kleinen Glossen am Seitenrand helfen bei der Einordnung, machen „Nuancen der Interpretation“ möglich und ordnen dieses sehr persönliche Dokument ein – ein Puzzle-Stück in ein Weltkriegspanorama, das gerade durch die Berichte der „einfachen Leute“ da und dort erst ein wenig Farbe und Tiefe bekommt. Auch wenn die Generalsperspektiven bis in die Gegenwart dominieren. Auch zum Jahrestag des Kriegsausbruchs 2014 hat man lieber die Ratlosigkeit der Mächtigen diskutiert, die Europa in diese Katastrophe hineingeführt haben. Und auch Kunitzsch hat lieber sein Einzelschicksal im „Allgemeinen“ aufgehen lassen. Was nur auf den ersten Blick sympathisch wirkt. Auf den zweiten macht es ratlos, denn dass er den Krieg an manchen Stellen durchaus kritisch sah, klingt in einigen Passagen an. Nur das lässt dieser brave Soldat nicht zu, da eilt er lieber weiter und untersagt sich jede ausführlichere Überlegung dazu. Und so entsteht Geschichte, auch dadurch, dass viele junge Männer wie dieser Kunitzsch aus Sachsen brav tun, was ihnen befohlen wird, und den Sinn ihres Lebens in reiner Pflichterfüllung sehen.

    Ralf C. Müller (Hrsg.) Fast geht es mir wie dem Vaterlande, Eudora Verlag, Leipzig 2017, 29,90 Euro.

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