Mit Anke Stelling ein letztes Mal im Berliner S-Bahn-Ring

Schäfchen im Trockenen: Der gnadenlos bissige Roman über die schönen verlogenen Reichen von heute

Für alle LeserResi hätte es wissen können. So las sich das Kosthäppchen aus dem Verbrecher Verlag zur Ankündigung dieses neuen Romans von Anke Stelling. Resi ist ihre Erzählerin, von der man nicht so recht weiß: Wie viel Anke Stelling steckt eigentlich in ihr? Und wie viel Enttäuschung über Freunde, die sich entpuppen, wenn es um Geld geht und die Grenzen, die sie ziehen, wenn eine den verlogenen Schein infrage stellt?

Und wüssten wir nicht, dass Anke Stellung in Ulm geboren wurde, im schönen Schwaben, woher auch Resis Freunde alle kommen, mit denen sie gemeinsam das Gymnasium besucht hat und dann – noch in den wilden 1990ern – den Abflug nach Berlin gewagt hat, wir würden ins Grübeln kommen.

Kommt sie denn nicht aus Cottbus? Oder Chemnitz? Oder – sagen wir mal: Bitterfeld? Da, wo junge, kluge Frauen genauso gelernt haben, das Leben zu meistern: mit wenig Geld, ohne finanzielle Unerstützung durch die Eltern, in lauter Provisorien, in denen sie den nicht vorhandenen Reichtum dadurch kaschieren, dass sie lieber alles selber machen?

Dieser Roman ist wichtig. Weil er in herrlicher Gnadenlosigkeit zeigt, dass die heutigen Scheingefechte zwischen West und Ost zutiefst verlogen sind. Was wohl die Berliner als erste gemerkt haben. Sie haben erlebt, wie Verdrängung und Gentrifizierung passieren. Und sie haben ihr Feindbild an die Wände gemalt: die Schwaben.

Ist es Zufall, dass auch Resis Freunde von da kommen?

Wahrscheinlich nicht. Denn für die Kinder gut betuchter Familien war die Öffnung des Ostens (Ich schreib’s hier extra noch mal hin: Wir haben den Osten geöffnet. Auch für unsere lieben Brüder und Schwestern. Freiheit ist, wenn eingesperrte Leute ihre Mauern einreißen, nicht wenn Onkel Kurt mit dem Mercedes vorfährt) auch eine Chance, ein riesiges Stück Freiheit, ein paar von ihren Träumen zu verwirklichen.

Was so in München, Stuttgart und Frankfurt schon lange nicht mehr ging. In Berlin, der „Armutshauptstadt“, schon. Da war auf einmal experimenteller Raum. Und viele gut betuchte Familienväter kamen auf einmal wieder in den Besitz von Ostberliner Immobilien. Sogar im S-Bahn-Ring. So auch in diesem Fall, auch wenn Resi die ganze Zeit rätselt, wie das geschah – ob durch Restitution oder einfach als Schnäppchen. Wer 1990 Geld hatte, konnte sich billig eindecken.

Wem gehört Berlin heute?

Resi erfährt es. Am eigenen Leibe. Denn ihre Geschichte beginnt mit einem hundsgemeinen Brief. Einer ihrer alten schwäbischen Freunde, in dessen Mietwohnung sie als Untermieterin mit ihrer kleinen Familie unterkam, teilt ihr in Kopie mit, dass er die Wohnung gekündigt hat. Kein Gespräch vorher, keine Erklärungen. Resi muss selbst herausfinden, was nicht stimmt.

Und sie lernt – ein bisschen spät mit über 40 – ihre alten Freunde von einer Seite kennen, von der sie sie bisher nicht kennen wollte. Weil scheinbar alle gleich waren, damals, am Gymnasium. Da hatte sie nicht wirklich wahrnehmen wollen, dass sie selbst zwar eine echte Aufsteigerin war aus einer Familie, in der das Geld immer knapp war, und dass die neuen Freunde und Freundinnen, die sie am Gymnasium kennenlernte, zwar dufte Menschen waren, aber …

Das Aber zerschneidet unser Land in zwei säuberliche Teile. Die, die sich mit Geld alles kaufen können, auch ein selbst gebautes Haus für die ganze Clique in Berlin. Und die, denen ein mitfühlender Freund quasi nebenbei anbietet, den Mit-Einzug zu spendieren. Weil man sich ja kennt und befreundet ist.

Aber Resi ist nicht mit eingezogen, blieb mit ihrem Freund Sven und den vier Kindern lieber in der Altbauwohnung. Etwas war ihr suspekt an diesem Angebot. Was es war, kann sie erst sagen, als sie die Kündigung in den Händen hält und darüber nachdenkt, warum die Menschen, die ihr immerfort versichern, sie zu lieben, ihr so begegnen. Auch Ulf, der Architekt, in den sie mal verliebt war, den sie hätte heiraten können. Aber auch da gab es schon, wie sie sich erinnert, diese unausgesprochenen Grenzen, die ihre Welt von der Welt ihrer gut versorgten Mitschüler trennte.

Die Szenen, die sie mit Ulf und seiner Familie erlebte, vermischen sich mit den Erinnerungen ihrer Mutter, die einmal ganz Ähnliches erlebte. Irgendwann, wenn die Geliebte den Ansprüchen nicht mehr genügt, bekommt sie es gezeigt und muss gehen.

Die Lektion hat Resi gelernt. Und lernt sie jetzt erst richtig. Denn jetzt lernt sie – auch wenn sie es nicht wirklich wahrhaben will – ihre Freunde erst richtig kennen. Sie lernt, wie schnell man sich in deren Augen schuldig macht, wenn man seine Gefühle zeigt, seine Zweifel und sein Unbehagen. Wie es Resi in einem Zeitschriften-Artikel getan hat, der sich mit der Bauwut der Neuberliner beschäftigte und dem, was daraus dann am Straßenrand wurde. Und ein Buch hat sie wohl auch noch darüber geschrieben.

Normalerweise fällt so etwas wie ein Stein ins Wasser. Normalerweise reagiert in der so aufs Äußere bedachten Bundesrepublik niemand darauf, gibt es nicht einmal eine kleine öffentliche Kritik. Unser Feuilleton ist brav. Denn natürlich schreiben da vor allem Leute, die aus demselben Milieu kommen wie die Häuslebauer und Bewohner all der schnieke sanierten Prachtstraßen in Berlin, in denen heute keiner mehr von den ärmlichen Bewohnern zu finden ist, die hier mal wohnten, als Berlin noch eine graue Maus war.

Leute, zu denen sich Resi eigentlich zählt – denn sie hat zwar Erfolg mit ihren Romanen. Aber sie kann sich nicht mit ihren Freunden vergleichen, die kraft ihrer Beziehungen in ganz anderen Einkommensverhältnissen gelandet sind.

Sie haben ihre Schäfchen im Trockenen, um mal den Titel aufzugreifen. Sie hatten ihre Schäfchen schon im Trockenen, als sie geboren wurden. Denn der Reichtum in Deutschland wird vererbt. Wer reich ist, muss keine Romane schreiben, in denen er versucht, auf ganz menschlicher Ebene auszuloten, was schiefläuft in dieser Welt.

Und warum die Sprüche, die man dafür bekommt, wenn man doch wieder scheitert, so hinterfotzig sind, boshaft, voller Verachtung. Und Resi bekommt etliche solcher „coolen“ Sprüche zu hören von ihren Freunden. Sie hätte es doch wissen müssen. Oder – frei nach Franz Josef Degenhardt: So etwas macht MAN nicht.

Nicht in diesen Kreisen. Nicht in diesen Familien.

Ein Vierteljahr hat Resi Zeit, darüber nachzudenken, dann müssen sie, Sven und die Kinder raus aus der vertrauten Wohnung mit dem 18 Jahre alten Mietvertrag. Zeit genug, herauszufinden, was sie wohl falsch gemacht haben könnte. Und was ihre tollen Freunde, mit denen sie einmal auf dem Hausdach gefeiert hat, eigentlich meinen, wenn sie sie jetzt zum Sündenbock machen, nur weil sie finden, Resi hätte so nie über sie in der Öffentlichkeit schreiben dürfen. Sie hat damit, wie es aussieht, am Lack gekratzt.

Sie bekommt es auf die harte Tour eingebläut, dass es in diesem Land nicht um Gleichheit oder Freiheit geht, sondern um Status. Wer es nicht packt, seinen Status zu verbessern (und sei es, dass sie den reichen Ulf heiratete), der ist ein Versager. Oder genauer: Der wird zum Versager gestempelt. Nicht ohne Grund nimmt Frank einen billigen Stempel, um Resi die Kündigung des Mietvertrages zukommen zu lassen.

Es dauert eine Weile, aber man spürt, wie in Resi nicht nur die Verärgerung wächst – nebst der Scham, die ihr die seltsamen Antworten ihrer Freunde einzupflanzen versuchen. Aber sie wird auch wütender. Jedem Einzelnen schreibt sie nach und nach eine Mail – wobei man als Leser nie weiß, ob sie die Mails wirklich abschickt. In einer Mail an Ulf, der nicht mal in einem klärenden Gespräch fähig ist, mit Resi tatsächlich über die Gründe für das Verhalten der Gruppe zu sprechen, wird sie am Ende sehr deutlich.

Willkommen in der Wegwerfgesellschaft, könnte man schreiben.

Denn wie beiläufig (und wohl gedankenlos) hat Ulf seinen Kumpel Frank mit der Aussage in Schutz genommen, der habe doch nur endlich einmal ausmisten wollen.

„Jetzt sehe ich, dass ich und mit mir meine Familie von Euch schon nicht einmal mehr als Menschen betrachtet werden, sondern als Müll“, schreibt Resi.

Und auf einmal wird hinter ihren arrivierten Freunden eine ganze Gesellschaft sichtbar. Denn nicht nur jede Menge Ostdeutscher haben genau das erlebt – wie Müll behandelt zu werden. Von gut bezahlten, gut gekleideten und immer freundlichen Menschen aus einer anderen Welt.

Denn dass sie aus einer völlig anderen Welt kommen, in der sie sich Resis Sorgen überhaupt nicht vorstellen können, das hat sie nun langsam begriffen. Es ist eine Schein-Welt, eine, die Menschen dazu bringt, jederzeit so zu tun, als wären sie super erfolgreich, super gut drauf und beneidenswert.

Oder aus einem Dialog Resis mit ihrer klugen großen Tochter Bea zitiert, die damit hadert, dass sich ihre Familie keine Ferienreise nach Amerika oder in die Berge leisten kann, die besser betuchten Kinder der Klasse aber lauter tolle Instagram-Fotos posten: „Gepostet um zu blenden, anzugeben, zu behaupten? Dir ein Minderwertigkeitsgefühl zu vermitteln, dich auszustechen, dir den Wunsch nach etwas einzuimpfen, das gar nicht existiert?“

Es ist wohl der bitterste und schärfste Roman, der über unsere neu-deutsche Wirklichkeit seit langem geschrieben wurde. So genau und bissig, dass man merkt, wie tief verletzt nicht nur Resi ist von diesem neoliberalen Gehabe, wie sie es nennt, mit dem immerfort alle Unterschiede zugekleistert werden, damit nur ja keiner sieht, dass die Spaltung durch die ganze Gesellschaft geht und die, die es haben, regelrecht mit Verachtung auf alle, wirklich alle herabschauen, die in brotlosen Jobs (der Schriftstellerei zum Beispiel) feststecken und sich am Ende keine Wohnung mehr im Berliner S-Bahn-Ring leisten können. Motto: Da habt ihr es wohl einfach nicht begriffen.

Resi begreift sehr wohl, auch wenn keiner ihrer alten Freunde den Mumm hat, über die tatsächlichen Gründe hinter der Kündigung (auch der Freundschaften) zu sprechen. Sie kann die Zeichen und Worte lesen. Und sie weiß: „Wir sind Opfer. Und unseres Glückes Schmied! Wir machen uns gut in egal welcher Kulisse, sind Protagonisten unseres Lebens …“

Nur Weihnachten findet dann halt nicht mehr innerhalb des S-Bahn-Rings statt, wo die Kinder der Reichen zusehends unter sich bleiben, sondern in Ahrensfelde, oder so. So genau weiß man das nicht, denn manchmal erzählt Anke Stelling auch ein paar phantasievolle Alternativgeschichten, sodass man sich die mögliche Variante aussuchen kann. Aber dann doch lieber Ahrensfelde als Marzahn.

Wie gut kennt man das.

Der Riss in Deutschland geht nicht zwischen Ost und West, wie uns die gut bezahlten Edelfedern die ganze Zeit zu erzählen versuchen. Er verläuft zwischen den immer schon Reichen und immer Reicheren und denen, denen sie so gerne ihre Verachtung zeugen. Punkt.

Ein herrlich bissiger Roman. So herzerfrischend, dass man so langsam ahnt, warum die verdrängten Berliner die Schwaben nicht leiden können.

Anke Stelling Schäfchen im Trockenen, Verbrecher Verlag, Berlin 2018, 22 Euro.

RezensionenBerlinRoman
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