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Maurice Guest, Band 2: Das Scheitern des Maurice Guest an seinen eigenen Vorstellungen von „Liebe“

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    Vor vier Tagen haben wir hier den ersten Band des neu übersetzten und in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erschienenen Romans „Maurice Guest“ von Henry Handel Richardson besprochen. Dass der zweite Band für den Titelhelden nicht gut ausgehen würde, war da schon zu ahnen. Obwohl: Eigentlich ist er gar nicht der Held. Eher ein Antiheld. Also irgendwie der Typus unserer Zeit. Aber nicht der ermutigendste.

    Schon im ersten Band hat sich dieser englische Musikstudent nicht wirklich so verhalten, dass man das Gefühl hätte haben können: Der steht mit beiden Füßen auf der Erde, weiß, warum er im Leipzig des Jahres 1890 studiert, was er im Leben mal erreichen will und wann man Frauen für sich gewinnt – und wann nicht.

    Das wissen viele Männer bis heute nicht. Und 1908, als Ethel Florence Lindesay Richardson diesen 800 Seiten dicken Roman unter dem Pseudonym Henry Handel Richardson veröffentlichte, wussten es noch viel mehr nicht. Denn das späte 19. Jahrhundert war ja gerade erst die Zeit der öffentlich werdenden Emanzipationsbewegung. Das Thema rührt Richardson im ersten Band ja mehrmals an – auch mit den von Männern geschaffenen Feind-Bildern von den „Blaustrümpfen“. Ein Motiv, das in verwandelter Form bis heute lebendig ist: Die Männer, die einfach nicht aus dem alten, patriarchalischen Weltbild herauswollen, verunglimpfen selbstbewusste und eigenständige Frauen, wo sie nur können.

    Zwar ist Maurice Guest selbst nicht so ein Typ – jedenfalls spielt er sich das meistens vor. Und eine Zeit lang mag man ihm das noch glauben, weil man den Burschen immer wieder auch durch die Brille der Freunde und Freundinnen sieht, die eher seine Naivität und Weltfremdheit sehen, nicht das, was nun in diesem zweiten Band des Romans zum Vorschein kommt und ihn völlig entgleisen lässt, obwohl er denkt, er habe alles in der Hand und wäre irgendwie der Retter der schönen Louise, die nach der Flucht des Geigers Schilsky aus Leipzig in tiefste Verzweiflung stürzt und wochenlang nicht aus der Wohnung kommt. Liebe kann schon verheerende Folgen haben. Und sie hat den Geiger bedingungslos geliebt.

    Ist das nicht krank? Kann und darf man einen Menschen denn so bedingungslos lieben?

    Das ist die moderne Frage, die Richardson aufwirft mitten in einer Literaturepoche, die so schon von Endzeitstimmung erfüllt war – so ein bisschen so wie heute. Nur dürfen wir heute ahnen, woher diese seltsame Stimmung kommt. Denn die Frage ist immer: Wer hat denn da eigentlich diese ganzen selbstmitleidigen Endzeitgemütslagen? Kann es sein, dass es genau jene Mannstypen sind, die merken, dass ihre alte Masken-, Macho- und Rollenwelt gerade in die Binsen geht und die von ihnen so steifnackig gepriesene Herrlichkeit keinen Bestand haben wird?

    Nur dass sie so nie darüber reden – aus Angst, man könnte ihnen genau das als Schwäche auslegen. Und mit Maurice zeichnet Richardson einen Mann, der genau so denkt – aber so tut, als wäre er sensibel, hilfreich und gut. Man nimmt es ihm wirklich nicht lange ab, wie er sich um Louise kümmert und meint, er hätte sie geradezu gerettet und nun wäre sie sein. Spätestens als er beginnt, sie mit seinen Gefühlen zu erpressen, hört man auf, diese scheinbar skandalöse Louise als die hilflose und unberechenbare Frau zu sehen, die Maurice in ihr sehen will.

    Was Richardson den Leser/-innen nicht leicht macht zu sehen, denn ihre Personen reden zwar viel – aber sie besitzen genauso wie die meisten Leute heutzutage das unheimliche Talent, an den Dingen, die sie eigentlich sagen wollen, immerfort vorbeizureden. Als würden sie selbst in ihren Beziehungen Rollen spielen.

    Und so entsteht diese seltsame „amour fou“ zwischen Maurice und Lousie eigentlich daraus, dass beide nicht Klartext reden. Aus völlig verschiedenen Gründen. Louise auch deshalb, weil sie diesem ungelenken Burschen eine Chance geben möchte. Vielleicht wäre ja mit ihm ein anderes Liebesverhältnis möglich, eines, in dem sie sich nicht völlig verliert. Was ja im späten 19. Jahrhundert ein Skandal war und Thema in Dutzenden Weltromanen in denen derart bedingungslos liebende Frauen immer ziemlich zwangsläufig in ihr Verderben gerieten.

    Denn sie verstießen damit ja gegen die gesellschaftlichen Konventionen, die eigentlich nur stupide patriarchalische Konventionen waren, die Frauen nun einmal weder eine eigene Wahl noch das Recht auf Souveränität in Liebesdingen zugestanden. Wenn Frauen sich das trotzdem wagten, stand die gesellschaftliche Ächtung an. Aber schon im Leipzig des Jahres 1890 war diese Welt brüchig. Vielleicht nur in jenem glitzernden Kreis der Künstler und Studenten, in dem Richardson ihren Roman spielen lässt.

    Aber man denkt auch an Elsa Asenijeff, die genau diese Emanzipation der Frau damals in Leipzig auslebte.

    Was aber eben nicht heißt, dass man damit schon von der patriarchalischen Krankheit geheilt ist. Richardson deutet ja mehrere Liebesgeschichten an in diesem Roman. Und mehr als noch im ersten scheint sie hier in der Rolle der abgeklärten Madeleine Wade zu stecken, die kurz vor ihrer Abreise aus Leipzig noch einen letzten Versuch startet, Maurice aufzurütteln und aus der Beziehung zu Louise zu befreien, die ihn krank macht. Und aus der er sich trotzdem nicht lösen kann, auch wenn er immer wieder nüchterne Stunden hat, in denen er erkennt, dass er an seiner Liebe zu Louise krank wird. Wenn das denn Liebe ist.

    Aber auch davon erzählen ja die Polizeiberichte – von vielen Männern, die ihre Abhängigkeit von der Frau oder von dem Bild der Frau, das sie zu lieben glauben, nicht eingehen können und letztlich mit Gewalt reagieren gegen die Menschen, die sie „ihr eigen“ nennen möchten. Es kommt da ganz unten eine regelrecht fanatische Besitzwut zum Vorschein, die auch Maurice immer mehr durchblicken lässt, je mehr er begreift, dass er Louise niemals „besitzen“ wird.

    Ja, sogar das Wort besitzen muss man in Anführungszeichen setzen, weil es das alte, schäbige Besitzdenken des Bürgertums in sich trägt, das sich eben leider auch auf Frauen und Kinder erstreckt. Wer die ihm so Anvertrauten als Besitz und Eigentum begreift, hat natürlich keine selbstbewusste Beziehung zu einem freien Menschen. Der wird die unbedingte Lebens- und Liebeslust einer Louise immer als Skandal empfinden und seine Vernarrtheit in die verführerische Person als Liebesbeweis und Anrecht, nun ebenso bedingungslos geliebt zu werden. Die toxische Mischung für absolut tödliche Leidenschaften.

    Nur: Mit Liebe hat das nichts zu tun. Louise weiß das. Und sagt es Maurice auch ins Gesicht, am Ende mit regelrechter Verachtung, weil er sich auch zunehmend benimmt wie ein Gralswächter, Aufpasser, eben ein „besitzergreifendes“ Bürgersöhnchen. Nur: Er ist auch kein Macho. Einmal schlägt er Louise sogar – aber sie weiß da längst, dass er viel zu schwach ist, um diese Rolle zu behaupten.

    Selbst Maurice‘ Freund Krafft, der im ersten Band eine ziemlich überdrehte Rolle gespielt hat, spielt in diesem kurzzeitig eine fast nüchterne Rolle. Jetzt ist er es, der Maurice versucht, die Augen zu öffnen. Die ganze Stadt scheint über den Skandal zu tratschen – nur Maurice begreift nicht, wem er da eigentlich die ganze Zeit eine Liebe aufzunötigen versucht, die keine Liebe sein kann, wenn man seine Tiraden Louise gegenüber so liest.

    Nur dass Krafft auch selbst so seine Probleme mit Frauen hat. Und so wie Schilsky im ersten Band verschwindet in diesem auch Krafft ganz unverhofft. Und auch hier ist es eine Frau, die unglücklich verliebt war, wenn man das so nennen kann. Denn Avery Hill scheint zu Krafft ein ganz ähnliches Verhältnis gehabt zu haben wie Madeleine zu Guest. Nur war sie nie so sachlich überlegt wie Madeleine, sondern wird am Tag nach Kraffts Verschwinden tot aus der Pleiße gefischt.

    Womit eigentlich auch das Motiv für Guest schon angestimmt ist, der sich von nichts und niemandem mehr hineinreden lassen möchte in seine Beziehung zu Louise, in der er schon lange nicht mehr glücklich ist und eigentlich nur noch Szenen der Erniedrigung und des Versagens erlebt. Was ja auch nach furiosen Lieben passieren kann. Denn was die Hormone mit einem anstellen, kann man oft nicht bändigen und kann manchmal nur heilfroh sein, wenn es vorbei ist.

    Nur erzählt eben auch die (deutsche) Literatur der Jahrhundertwende von einem regelrechten Kult um die Entgrenzung, die bedingungslose Liebe und das Sich-ganz-Verzehren. In den Romanen leiden die Heldinnen und Helden reihenweise an der Liebe zu den Falschen – manchmal auch zu zweit, was ja im europäischen Film ab den 1960er Jahren regelrecht zur Manie wurde. Als wäre das wirklich ein spannendes Lebensthema, wenn Menschen sich mit ihrer grenzenlosen Liebe regelrecht zerstören.

    Natürlich gibt es das auch.

    Aber viel seltener, als es Romane und Filme behaupten.

    Und letztlich muss Louise die Beziehung dann beenden, nachdem alles nichts geholfen hat, Maurice zu ernüchtern und ihn zur Besinnung zu bringen.

    Und dann?

    Tja, dann wäre das eigentlich die Stelle, an der einer selbst wieder gesund werden könnte, wenn er denn so viel Einsicht noch hat. Aber Maurice hat diese Einsicht nicht. Er kommt aus seinem anerzogenen Männerbild nicht heraus. Oder vielleicht so formuliert: in kein moderneres Selbstbild hinein. Eines, in dem Frauen (und Männer) niemandes Besitz sind und man auch lernen kann, dass nicht jeder Mensch, in den man sich verliebt, der „richtige“ sein muss. Noch so eine idiotische Grundannahme bürgerlichen Besitzstandsdenkens – als würde in den Genen jeder Frau eingeschrieben sein, wer jetzt „Mr. Right“ sein muss. Aber davon leben ja die ganzen Kuppelshows des heutigen Boulevard-Fernsehens.

    Es ist eine sehr heutige Frage, die Richardson in „Maurice Guest“ eigentlich durchdekliniert, bis man die Nase voll hat von diesem Maurice Guest und seinem „Retter in der Not“-Getue.

    Man ist regelrecht erlöst, als am Ende ein Amerikaner zu seinem Begleiter sagt: „So ein Typ aus England hat sich ihretwegen erschossen.“

    Was zwar nicht stimmt. Er hat sich nur seinetwegen erschossen. Weil er ausgerechnet die arme Louise zu seinem ganzen Lebensinhalt gemacht hat. Viele, viele Seiten vorher hat man als Leser schon die Seiten gewechselt und wünscht sich mit dieser Frau, die so bedingungslos lieben kann, dass Maurice endlich loslässt. Denn eigentlich hat sie weder in seinen Plänen noch seinen Träumen einen Platz – denn die gibt es nicht. Er hat sich schon lange vorher selbst aufgegeben und das Studium schleifen lassen, als seine einstigen Freunde und Freundinnen längst Pläne machten für die Zeit nach Leipzig.

    Der zweite Band handelt zwar weiterhin in der detailreich geschilderten Kulisse des Leipzigs von 1890. Aber viele der Protagonisten aus dem ersten Band sind abgereist. Maurice ist in seiner Vernarrtheit in Louise regelrecht vereinsamt. Im Grunde schaut man nur noch diesem verbissenen Ringen zu, in dem Maurice mit seinen altbackenen Vorstellungen vom Mannsein versucht eine Frau zu bändigen, die die Freiheit der Liebe als selbstverständliches Recht betrachtet und auch ganz selbstverständlich leidet unter der Beziehung, die sie nur noch als aufgenötigt empfinden kann.

    Aber genau das ist ja das Neue dieses ausgehenden Jahrhunderts, das auch klügere Männer der Zeit zu wortgewaltigen Patriarchen gemacht hat: Wer die Emanzipation des Menschen zu denken beginnt, muss auch lernen, die Freiheit der geliebten und ungeliebten anderen zu respektieren. Auch die Freiheit der Frauen, die einen faszinieren und die man trotzdem nicht besitzen kann. Das geht vielen Männern heute noch schwer ein. Was dann auch über 110 Jahre nach Erscheinen des Romans alltägliche Tragödien erzeugt gerade dort, wo Partnerschaft immer auch als gegenseitiger Besitzstand gedacht wird.

    Was übrigens gerade die so denkenden Männer unfrei macht. Gefangen in Abhängigkeiten, die eigentlich nur in ihrem Kopf existieren. Und natürlich im Besitzdenken einer Gesellschaft, die bei all dem Gerede über Sex inwendig derart krämerisch und prüde ist, dass die Brisanz dieses Romans von 1908 bis heute eigentlich nichts an Stärke verloren hat.

    Henry Handel Richardson, Maurice Guest, Roman in zwei Bänden, Connewitzer Verlagsbuchhandlung 2020, 50 Euro.

    Maurice Guest: Der atmosphärische Leipzig-Roman von Henry Handel Richardson von 1908 jetzt in einer neuen Übersetzung

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