Leipziger Studie bestärkt den Verdacht: Das Pflanzengift Glyphosat gelangt wohl doch in die menschliche Nahrung

Am Freitag, 9. Juli, berichtete die "Süddeutsche" über eine noch nicht veröffentlichte Studie des Instituts für Bakteriologie und Mykologie der Universität Leipzig. Forscher dieses Instituts haben in Urinproben Rückstände des hochgiftigen Pflanzengifts Glyphosat entdeckt. Besonders brisant: Untersucht wurden nicht Landwirte, die bei der Ausübung ihres Berufs eher mit dem Spritzmittel in Berührung kommen, sondern Personen, die ihre Tätigkeit meist in Büros verrichten. Das Gift muss demnach über Lebensmittel aufgenommen worden sein.
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Eine der Forscherinnen, Professorin Monika Krüger, erklärte gegenüber der Zeitung: „Wir haben Glyphosat im Urin von Menschen, Nutztieren und wild lebenden Tieren nachgewiesen, in fast allen Proben.“ Die Hersteller des Herbizids haben stets versichert, dass es nicht in die Nahrungskette gelange. Effektive Überwachungen gibt es allerdings kaum.

Glyphosat, das von Agrochemiekonzernen wie Monsanto („Roundup“) und Bayer vertrieben wird, gilt unter Kritikern als besonders schädlich für Umwelt und die menschliche Gesundheit. Es wird oft zusammen mit gentechnisch verändertem Saatgut verkauft, aber auch in konventionellen Monokulturen eingesetzt. In Südamerika starben bereits Landwirte an Vergiftungen. Trotzdem wird Glyphosat auch in Deutschland gesprüht. Und zwar jedes Jahr mehr.

Der NABU veröffentlichte vor einem Jahr eine Studie, in der zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse über den Einsatz von Glyphosat insbesondere in den USA und Lateinamerika gesammelt wurden. Dort wird es per Flugzeug auf riesigen Flächen versprüht, auf denen genveränderte Sorten Soja, Mais und Raps wachsen, die resistent sind gegen Glyphosat – das heißt, der Unkrautkiller vernichtet alle anderen Pflanzen, außer den genveränderten Sorten. Dabei vergiftet der großflächige Einsatz aber auch Böden und Gewässer und hat schreckliche Folgen für die Gesundheit der Menschen, dokumentieren ein NABU-Film sowie die neue Studie.

„Der Wirkstoff Glyphosat und seine Abbauprodukte sind toxisch für viele Organismen und verseuchen Gewässerökosysteme. Schlimmer noch: Die Bevölkerung in den betroffenen Regionen leidet deutlich vermehrt an Fehlgeburten, Fehlbildungen und Krebserkrankungen“, resümierte damals NABU-Präsident Olaf Tschimpke. Zudem werden für die Ausweitung der Anbauflächen vielfach Wälder und naturnahe Ökosysteme vernichtet. So hat sich der Anbau gentechnisch veränderter herbizidresistenter Kulturen wie Soja, Mais und Raps von 79 Millionen Hektar 2009 binnen eines Jahres auf 83,6 Millionen Hektar erhöht – zugleich wurde die ausgebrachte Menge Glyphosat erheblich gesteigert, statt abzunehmen wie die Herstellerindustrie stets verspricht.Wirklich ernst genommen wird das Problem in Deutschland noch nicht. Ganze 42 Proben seien zwischen 2002 und 2010 untersucht worden, stellte die „Süddeutsche“ fest. Es gebe keine verlässlichen Angaben darüber, ob und wie stark etwa Brötchen mit dem Gift belastet seien. Sie zitiert Monika Krüger mit den Worten: „Wir wissen nicht, welche Mengen für Erkrankungen des Menschen relevant sind.“ Unklar sei auch, welche Auswirkungen Glyphosat auf den Stoffwechsel im menschlichen Körper habe. „Da gibt es noch erheblichen Forschungsbedarf.“

„In Europa ist Glyphosat seit 2002 als Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln genehmigt. Turnusmäßig müsste diese Genehmigung dieses Jahr auf den Prüfstand. Die Europäische Kommission hat einer Verschiebung bis 2015 zugestimmt. Aus Sicht der deutschen Fachbehörden stellen die derzeit vorliegenden Informationen die Zulassungsfähigkeit von Glyphosat nicht infrage“, berichtete der Rat für Nachhaltige Entwicklung im Februar. Im selben Monat hatte die CDU/CSU/FDP-Fraktion den Antrag der Grünen-Fraktion auf Aussetzung der Zulassung von Glyphosat abgelehnt.

Durch den Bericht in der „Süddeutschen“ ist auch der agrarpolitische Sprecher der sächsischen Grünen-Fraktion, Michael Weichert, alarmiert. Er fordert nach dem Nachweis von Glyphosat im Urin von Menschen, die mit der Landwirtschaft nichts zu tun haben, eine Neubewertung und die Aussetzung der Zulassung für dieses Ackergift.

„Es ist den Verbrauchern gegenüber unverantwortlich, eine Substanz zuzulassen, die unter dringendem Verdacht steht, bei Menschen und Tieren das Erbgut zu schädigen und Krebs auszulösen“, sagt er. Glyphosat sei einfach kein harmloser Wirkstoff, der nur zur Verunsicherung der Landwirte und Verbraucher stigmatisiert wird. Nach der noch unveröffentlichten Studie der Universität Leipzig wurde Glyphosat in fast allen Proben im Urin von Menschen, Nutztieren und wild lebenden Tieren nachgewiesen.Glyphosat ist mittlerweile das meistverwendete Herbizid der Welt. In Deutschland hat sich der Verbrauch in den vergangenen Jahren verfünffacht. Auch für die sächsische Landwirtschaft hat die Glyphosatanwendung Langzeitfolgen. Anders als bislang angenommen, wird Glyphosat keineswegs schnell abgebaut, sondern im Boden gebunden, wo es auch nach Jahren noch wirksam werden kann. Die Anfälligkeit der Kulturpflanzen für Krankheiten nimmt dadurch zu. Auch können die Erträge massiv beeinträchtigt werden.

Derzeit wird Glyphosat kurz vor der Ernte wieder in großen Mengen auf den Getreidefeldern versprüht. Der Wirkstoff soll das Unkraut auf den Äckern vernichten. Es gibt keine verlässlichen Angaben darüber, ob und wie stark Erzeugnisse aus Getreide mit dem Gift belastet sind.

„Die Staatsregierung muss sich dafür einsetzen, dass die Zulassung für Glyphosat ausgesetzt wird, bis die Risiken umfassend erforscht sind. Insbesondere der Verkauf an Hobbygärtner in Gartencentern und Baumärkten muss sofort gestoppt werden. Wer das Gift zur unverzichtbaren Voraussetzung einer ‚ökologisch sinnvollen‘ Bodenbearbeitung erklärt, hält auch Klimaschutz durch Braunkohle für sinnvoll“, so Weichert.

Der Beitrag der „Süddeutschen“: www.sueddeutsche.de

Greenpeace zu Glyphosat: www.greenpeace.de

Die Ablehnung des Grünen-Antrags: www.nachhaltigkeitsrat.de

Die NABU-Studie von 2011: www.nabu.de

Informationsdienst Gentechnik: www.keine-gentechnik.de


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