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Interview zu Trauertherapie im Internet (Teil 2): „Langfristig eine Ergänzung zu herkömmlichen Formen“

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    Als Ergänzung zu herkömmlichen Therapien gibt es für Trauernde, die beispielsweise den Verlust einer krebskranken Person nicht überwinden können, mittlerweile ein Angebot im Internet. Im zweiten Teil des Interviews erklärt Anette Kersting, die Direktorin der Uniklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, inwiefern sich die Onlinehilfe von herkömmlichen Formen unterscheidet, ob Trauertherapie langfristig nur noch im Internet stattfinden wird und was es mit einer App für traumatisierte, arabischsprechende Geflüchtete auf sich hat.

    Warum ist zwischen den verschiedenen Therapien eine Ausdifferenzierung notwendig?

    Die Situation der Hinterbliebenen ist sehr unterschiedlich. Bei einem Kind, das man während der Schwangerschaft verliert, haben die Eltern viele Vorstellungen und Wünsche. Sie malen sich aus, wie die Zukunft aussehen könnte. Dass das Baby außerhalb des Mutterleibes noch nicht gelebt hat, ist eine ganz besondere Situation. Bei einem Suizid gehen häufig Konfliktsituationen voraus, die nicht mehr geklärt werden konnten, da der Konfliktpartner nicht mehr da ist. Häufig gab es vor dem Tod psychische Erkrankungen, die die Familienstruktur ebenfalls belastet haben. Ganz oft ist es auch so, dass es die Angehörigen sind, die den Betroffenen tot auffinden – das ist ein weiteres Trauma.

    Bei der Krebserkrankung kennen die Angehörigen und die Patienten die Diagnose und damit auch die hohe Gefahr, zu sterben. Dadurch haben manche Menschen die Möglichkeit, sich besser darauf vorzubereiten. Auf all diese Spezifika stellen wir uns in der Internettherapie ein.

    Inwiefern unterscheidet sich die Behandlung im Internet von einer Therapie, die von Angesicht zu Angesicht stattfindet?

    Die Themen, die besprochen werden, unterscheiden sich in den beiden Therapieformen nicht. In der Internettherapie verhält man sich als Therapeut vielleicht etwas weniger konfrontativ, da man die Reaktion der Patienten ja nicht unmittelbar erlebt, sondern erst mit etwas Zeitverzögerung im nächsten Schreiben der Patienten. Durch die schriftliche Form der Behandlung haben die Patienten aber auch die Möglichkeit, noch einmal nachzulesen, was in den vorhergehenden Stunden passiert ist.

    Die Therapie ist auf fünf Wochen angelegt. Was passiert, wenn die Patienten mehr Zeit benötigen?

    Da diese Therapie im Rahmen eines Forschungsprojekts stattfindet, bedeutet das, dass das Konzept genau so umgesetzt wird und es keine Verlängerung geben kann. Wir beraten den Patienten aber bei der Frage, welche Psychotherapie für ihn hilfreich wäre, und helfen ihm dabei, einen Platz zu finden, wenn sich herausstellt, dass die Behandlung bei uns nicht ausreicht.

    Wird die Internettherapie langfristig eine Ergänzung der herkömmlichen therapeutischen Begegnungen sein oder sie sogar wie in einer Dystopie gänzlich ersetzen?

    Ich denke, dass sie langfristig eine Ergänzung sein wird. Ganz sicher kann die Internettherapie nicht sämtliche herkömmlichen Therapieformen ersetzen. Bisher sind Internettherapien sehr auf eine bestimmte Symptombelastung spezifiziert. Für Patienten, die eine Persönlichkeitsstörung und Angsterkrankung oder zusätzlich noch eine Depression haben, haben wir bislang noch keine ausreichend spezifizierten Internettherapien. Zudem benötigen die Patienten für eine Internettherapie eine gewisse Stabilität.

    Davon abgesehen können wir mit einer Internettherapie nur Menschen behandeln, die über einen Internetanschluss verfügen. Trotz der zunehmenden Digitalisierung dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren, dass es Menschen gibt, die weniger internetaffin sind und sich nicht vorstellen können, über das Internet eine solch persönliche Beziehung herzustellen.

    Sie entwickeln gerade eine Smartphone-App für arabischsprechende, traumatisierte Geflüchtete. Was genau hat es damit auf sich?

    Wir sind gerade dabei, diese App zu erstellen. Sie ist für Menschen gedacht, die nach Deutschland gekommen sind, Traumata erlebt haben und eine entsprechende Symptomatik aufweisen. Die App soll auf die spezifischen Bedürfnisse dieser Menschen ausgerichtet sein, weshalb wir derzeit eine Befragung von Helfern durchführen. In arabischer Sprache soll es Informationen zu posttraumatischen Symptomen und einige Übungen geben. Wir wollen den Patienten dabei helfen, mit dieser Erkrankung zurechtzukommen.

    Informationen zur Online-Trauertherapie

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