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KMK legt neue Prognose für Studienanfängerzahlen vor: Das sächsische Kürzungsprogramm wird zur Zeitbombe

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    Am 24. Januar hat die Kultusministerkonferenz (KMK) ihre neuen Prognosen für die Studienanfängerzahlen in Deutschland bis ins Jahr 2025 vorgelegt. Ein Zahlenwerk, das die letztverfügbaren Zahlen von 2007 deutlich nach oben korrigiert. Zahlen, mit denen Sachsens Wissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer noch ihre drastischen Kürzungen bei Professorenstellen begründet hat.

    1.024 Dozentenstellen will sie bis 2020 streichen, obwohl sie wissen musste, dass die KMK im Januar die neuen Prognosen vorlegen würde. Und wenn irgendjemand ihr in ihrem Haus saubere statistische Daten zugearbeitet hat, dann wusste sie auch, dass die alten Prognosen von 2007 in Sachsen schon längst überboten wurden. Und nicht nur die doppelten Abiturjahrgänge in einigen Bundesländern und das Aussetzen der Wehrpflicht waren schuld. Auch die sächsischen Abiturienten treten immer öfter auch ein Studium an. Genau so, wie es gewollt ist.

    Noch im Herbst dann an alle Hochschulen die Forderung auszuschicken, sie sollten ihre Kürzungsvorschläge machen, war entweder blauäugig und voreilig. Oder es war Teil einer sächsischen Strategie, die Bildung im Freistaat mit aller Macht abzuwürgen.

    Wie groß die Differenzen zwischen der Prognose von 2007 sind, mit denen Sabine von Schorlemer die Aufforderung zum Kürzen begründete, und die wahrscheinlichen Studienanfängerzahlen, das zeigt die neue Vorausberechnung deutlich.

    Nach der alten Prognose wären die Studienanfängerzahlen in Sachsen schon 2009 auf 18.300 gefallen, 2010 auf 16.600, 2011 auf 15.100 und 2012 auf 14.300. Wer nur auf diese Zahlen starrte, der sah sich wohl im Recht, die Schere anzusetzen.
    Doch Orakel sind keine gute Politikgrundlage. Von einer verantwortlichen Ministerin kann man erwarten, dass sie sich jedes Jahr die realen Zahlen geben lässt – von den Hochschulen oder vom Landesamt für Statistik. Das ist egal. Nur stimmen müssen sie. Und mit dem gebetsmühlenartigen Verweis auf die Prognose von 2007 kann sich eine Ministerin nicht herausreden. Das zeugt nur von einem: Wirklichkeitsverweigerung.

    Die tatsächliche Studienanfängerzahlen in Sachsen lagen 2009 bei 21.616, 2010 lagen sie bei 20.269, 2011 in ähnlicher Dimension. Die Hochschulen platzen aus den Nähten, die Betreuung ist stellenweise schon mehr als prekär.

    Da fühlten sich logischerweise die Hochschulleitungen im ganzen Land reineweg veräppelt, als die Wissenschaftsministerin die Forderung nach weiteren Kürzungen herumschickte.

    In allen Bundesländern musste die Prognose nun deutlich angehoben werden. Der wichtigste Grund, den die KM dafür anführt, ist das veränderte Übergangsverhalten der jungen Leute von der Schule zur Hochschulausbildung. Im Klartext: Nicht nur die Schüler sehen im Studium eine bessere Chance für ihre künftige Karriere, auch die künftigen Arbeitgeber bevorzugen immer mehr die höher qualifizierten Bewerber. Und gerade im MINT-Bereich hat auch die sächsische Landesregierung in den letzten Jahren heftig geworben.
    Wie heftig auch in Sachsen die Unterschiede sein werden, zeigen die neuen Prognosezahlen. Danach gibt es zwar 2012 einen Rückgang von 21.033 auf 17.800. Aber das ist erstens wieder das Niveau von Anfang des Jahrtausends – und zwar genau das Niveau, nach dem der Personalschlüssel der Hochschulen heute gestaltet ist. Und es wären – wenn es so kommt – 3.300 Studienanfänger mehr, als noch 2007 prognostiziert. Und ebenso deutlich zeigt die Prognose, dass dieses Niveau nicht nur bis 2020 bestehen bleibt, sondern auch bis zum Prognosejahr 2025.

    Die Grundlage ist ebenso eindeutig. Das ist die Hochrechnung der Schülerzahlen, die die KMK erst 2011 wieder konkretisiert hat. Und da ist auch für Sachsen das tiefe Tal der geburtenschwachen Jahrgänge aus den 1990er Jahren überwunden. Die Schülerzahlen stabilisieren sich auf einem signifikant höheren Niveau. Und da die Studienneigung in Zukunft aus logisch nachvollziehbaren Gründen nicht sinken wird, werden auch die Studienanfängerzahlen nicht sinken.

    Stärker hat die KMK in ihrer Prognose auch die Studienanfänger berücksichtigt, die auf dem zweiten Bildungsweg zum Studium kommen. Auch das wird in Zukunft noch eine wesentlich größere Rolle spielen, wenn immer mehr Menschen sich über ein Studium eine Zusatzqualifikation erwerben.

    Für das sächsische Wissenschaftsministerium ist die neue Berechnung der KMK die Chance, jetzt endlich die Reißleine zu ziehen und endlich eine realistische Hochschulplanung zu beginnen, bei der nicht Dozenten und Studierende zum Opfer einer völlig falsch verstandenen Sparpolitik werden. Einfach den Kopf einzuziehen, wenn der sächsische Sparminister die Kürzungssummen nennt, kann nicht wirklich als verantwortliche Besorgung des Ministeramts verstanden werden. Bildung, das haben zumindest einige Politiker auch in Sachsen schon begriffen, ist die wichtigste Investition in die Zukunft. Viel wichtiger als all die bis zum Rand gefüllten Vorsorgetöpfe für Pensionäre und Banken-Crash-Nachsorge-Fonds.

    Und so nebenbei ist da auch noch die Erinnerung daran, dass mit den selben Argumenten, mit denen das Hochschulpersonal zusammengekürzt werden soll, auch die Gelder für die Studentenwerke gekürzt wurden, frei nach dem Motto: Weniger Studierende, weniger Geld.

    Die tatsächlich vorhandenen Mehr-Studierenden wurden wahrscheinlich als freche junge Fata Morgana betrachtet.

    Und nicht nur in Sachsen hat man sich so auf Kosten des studierenden Nachwuchses die Bilanzen schön gerechnet. Achim Meyer auf der Heyde, der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, kommentiert die Zahlen so: „Dass sich laut KMK-Berechnung so viele Studienberechtigte in den kommenden Jahren für ein Studium entscheiden werden, ist hoch erfreulich. Aber nun muss nicht nur die Zahl der Studienplätze mitwachsen, sondern in gleichem Umfang auch die soziale Infrastruktur. Dass Bund und Länder bisher kein zusätzliches Geld für die Studentenwerke zur Verfügung stellen, flankierend zu den Hochschulpakten, ist ein strukturelles Defizit – das machen die neuen KMK-Zahlen nun überdeutlich.“

    Und dabei scheinen die sächsischen Zahlen auch nicht wirklich mit den 2011 berechneten Gymnasiastenzahlen zu korrespondieren. Denn in den 21.000 Studienanfängern von 2011 stecken eben nur marginal Studienbewerber aus westlichen Bundesländern, wo doppelte Abitur-Jahrgänge für Gedränge sorgten. Die meisten dieser Bewerber mussten sogar abgelehnt werden, weil das sowieso schon hohe Niveau von über 20.000 Studienanfängern schon allein aus der größeren Studienneigung junger Leute in Mitteldeutschland resultiert.

    Während in anderen Bundesländern deshalb die Zahlen der Studienanfänger auch in den nächsten Jahren nur marginal sinken, bricht der sächsische Wert für 2012 einfach von 21.000 auf 17.800 herunter, ohne dass dafür eine Begründung in den Abiturientenprognosen gefunden werden könnte. Im Gegenteil: Die Abiturientenzahlen werden in den nächsten Jahren in Sachsen sogar erst wieder richtig steigen und 2016 um ein Drittel über den Zahlen von 2011 liegen.

    Was natürlich die Frage impliziert: Welchen Einfluss hat das sächsische Kultusministerium auf die Prognosewerte genommen? Hat der sächsische Kultusminister seinen Kollegen einen Bären aufgebunden?

    Denn die Abiturientenzahlen legen tatsächlich nahe, dass die zu erwartenden Studienanfängerzahlen an Sachsens Hochschulen auch über den neuen Prognosen liegen werden. Und es wäre – vom statistischen Zahlenmaterial her – keine Überraschung, wenn die Zahlen auch bis 2020 oder 2026 über 20.000 liegen werden.

    Was dann für Studienbedingungen für die betroffenen Studierenden entstehen, wenn das sächsische Wissenschaftsministerium weiter an seinen Zielwerten von 13.000 bis 14.000 festhält, kann man sich dann ausmalen.

    Ein zwangsläufiger – und für den Freistaat katastrophaler – Effekt wäre dann, dass alle die jungen Leute, die in ihrem Heimatland keinen erfolgversprechenden Studienplatz mehr finden, dann abwandern. Dorthin, wo die Studienbedingungen besser sind. Und dann kommt die Abwanderung aus dem Freistaat erst wieder so richtig ins Rollen.

    Aber vielleicht ist genau das gewollt.

    Die neue KMK-Vorausberechnung bis 2026:
    www.kmk.org/fileadmin/pdf/Statistik/Vorausberechnung_der_Studienanfaengerzahlen_2012-2025_01.pdf

    Die alte KMK-Vorausberechnung von 2007:
    www.kmk.org/fileadmin/pdf/Statistik/Zwischenstand_Vorausberechnung_Studienanfaengerzahlen_2009_2020.pdf

    Die Prognose der Schülerzahlen der KMK von 2011:
    www.kmk.org/fileadmin/pdf/Statistik/Dokumentation_Nr._192.pdf

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