Weckersignal für die Ministerin: Immer mehr Studenten und Studienanfänger an Sachsens Hochschulen

109.761 waren es 2010. Ein Jahr später, 2011, studierten 111.635 junge Leute in Sachsen. Die Zahl wächst und wächst und wächst. Und diesmal ist es wieder ganz offiziell das Landesamt für Statistik, das der beratungsresistenten Landesregierung den Spiegel vorhält: Eure Planzahlen sind falsch! - Ob auch nur eine Ministerin in der Runde aufwacht und endlich umsteuert, man glaubt nicht mehr daran.
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Beharrlich hält die Wissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer seit ihrem Amtsantritt an Prognosezahlen aus dem Jahr 2007 fest. Noch im Herbst 2011 ließ sie an alle Hochschulen im Land die Aufforderung ergehen, ihre Kürzungsvorschläge vorzulegen. Über 1.000 Vollzeitstellen will sie bis 2020 streichen, obwohl sich ein Rückgang auf die 2007 prognostizierten Zahlen nicht einmal andeutet.

Im Gegenteil: Danach dürfte Sachsen schon heute keine 100.000 Studierenden mehr haben dürfen. Die Immatrikulationszahlen würden sich bei 15.000 bewegen. Auch das betonte die Ministerin im Herbst: Für sie zähle nur die Prognose der Kulturministerkonferenz. Diese von 2007, die offiziell die Prognosen ab 2009 abbildet. Die schon 2009 nicht eintrafen, nicht 2010 und auch nicht 2011.

Statt 15.000 Neustudierende schrieben sich 2011 sogar 21.478 ein. Dafür gibt es viele Gründe. Manche nennen es salopp „erhöhte Studierbereitschaft“. Aber tatsächlich bilden sich darin die höheren Anforderungen einer immer komplexeren Wirtschaftswelt ab: In vielen Berufen kann man nur mit einem abgeschlossenen Studium Karriere machen. Auch Sachsen braucht diese hochgebildeten jungen Leute dringend. Und mauert.

Statt die Hochschulen so auszustatten, dass sie über die Planzahlen hinaus ausbilden können, wird gekürzt.

Die sächsischen Hochschulen verzeichneten 2011 insgesamt 111.635 Studenten und die schon oben genannten 21.478 Studienanfänger. Das waren nach Angaben des Statistischen Landesamtes 1.874 bzw. 1.209 mehr als noch im Vorjahr. Der Anteil der Frauen lag bei den Studierenden bei 45 Prozent und bei den Studienanfängern bei 43,6 Prozent.Und eigentlich sollten ein paar Minister froh sein, dass es so ist. Denn beliebteste Fächergruppe waren die „Ingenieurwissenschaften“ mit 30.669 Studenten. Über ein Viertel aller Studenten wählte ein Studienfach dieser Fächergruppe. Das ist der Nachwuchs für jenen Komplex, den die mahnenden Wirtschaftsvertreter jetzt schon mit Fachkräftemangel umschreiben. Ein Problem, das in den Studierendenzahlen keineswegs abgebildet ist, ist die Zahl der Studienabbrecher, jener jungen Leute, die das Studium nicht schaffen, abbrechen, hinschmeißen, aus diversen Gründen verzweifeln.

Unter anderem, weil die Betreuungsrelation bereits in den letzten Jahren katastrophal wurde. Denn schon heute bilden Sachsens Hochschulen über 15 Prozent mehr aus, als ihre Kapazitäten eigentlich hergäben. Das geht zulasten der Qualität und der Betreuung. Und genau das wird sich, wenn die sächsische Wissenschaftsministerin mit ihrem Kürzungskurs weitermacht, weiter verschlechtern.

Es ist eigentlich dasselbe Phänomen wie im Ressort des Kultusministers, der auch nicht wirklich begreifen will, dass 10 bis 13 Prozent von Schulabgängern ohne qualifiziertes Zeugnis nicht Zeichen der Zeit sind, sondern Ergebnis seiner Sparpolitik.

25 Prozent Studienabbrecher aber sind tatsächlich eine Katastrophe.

Mit 28.153 Immatrikulationen und somit einem weiteren Viertel aller Studenten erreichten die „Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“ Rang zwei.

Im Rahmen des Bologna-Prozesses befanden sich mittlerweile 61.609 Studierende in einem Studiengang mit der gestuften Studienstruktur Bachelor – Master. Bezogen auf die Gesamtstudierendenzahl waren das 55 Prozent, gegenüber 50 Prozent im Vorjahr. Die Studierenden in Bachelor- und Masterstudiengängen an Fachhochschulen lagen 2011 anteilsmäßig mit 63 Prozent (18.792 Studenten) vor denen der Universitäten mit 53 Prozent (41.731).

Und auch das stellt das Landesamt für Statistik fest: Immer gefragter werden die Hochschulen in Sachsen bei deutschen Studenten, die ihre Hochschulzugangsberechtigung in den anderen Bundesländern oder im Ausland erworben haben. 2011 betrug der Anteil der „Nichtsachsen“ an den 100.126 deutschen Studenten insgesamt 46 Prozent, gegenüber 43 Prozent 2010. Die meisten nichtsächsischen deutschen Studenten kamen aus Thüringen (8 Prozent), Sachsen-Anhalt (7 Prozent) und Brandenburg (6,5 Prozent).

Alles junge Menschen, die man mit einer vernünftigen Politik sogar im Lande halten könnte. Wenn denn Zukunft und Wachstum tatsächlich ernst genommene Kategorien im Freistaat Sachsen sind. Und was sagt die Wissenschaftsministerin dazu?

„In der Tat waren zu keinem Zeitpunkt mehr Studierende an den sächsischen Hochschulen eingeschrieben als dies gegenwärtig der Fall ist. Anders als bisher angenommen, wird sich die hohe Auslastung in den nächsten Jahren weiter fortsetzen. Obwohl sich diese Entwicklung in den vergangenen Jahren bereits andeutete, war sie in diesem beachtlichen Umfang nicht von der
Kultusministerkonferenz vorhergesagt. Die Hochschulpolitik des Freistaates Sachsen wird sich dieser neuen Situation annehmen und Antworten finden müssen“, sagte Sabine von Schorlemer am Montag nach Veröffentlichung der Zahlen.

Nu aber, sagt dazu der Sachse.


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