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Sächsisches Hochschuldilemma: Immer mehr wissenschaftliche Hilfskräfte halten den Laden am Laufen

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    Am Donnerstag, 2. August, veröffentlichte das Landesamt für Statistik auch die aktuellen Zahlen zu Beschäftigten an sächsischen Hochschulen. Immerhin ein heißes Eisen. Seit Herbst 2011 gilt die Anweisung der Wissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer an die Hochschulen, anteilmäßig Stellen zu streichen. Doch die Studierendenzahlen erreichen jedes Jahr neue Höchststände. Das passt nicht zusammen, sagt Holger Mann, Sprecher für Hochschule und Wissenschaft der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag.

    Und mittlerweile tickern die ersten Meldungen durch die Medien, dass die Bewerberzahlen zum Herbstsemester noch einmal ansteigen. Die FDP-Fraktion preschte am Donnerstag mit der Forderung vor, das Angebot an Teilzeitangeboten solle erweitert werden.

    Einsamer Spitzenreiter bei diesen Teilzeitangeboten sei die Hochschule Mittweida mit 30,5 Prozent Teilzeitstudenten. An der TU Dresden waren es 3,9 Prozent, an der Universität Leipzig 1,9 Prozent und an der TU Chemnitz 0,5 Prozent. Gar keine Teilzeitstudenten hatten beispielsweise die Bergakademie Freiberg, das Internationale Hochschulinstitut Zittau oder die Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden, rechnete Nico Tippelt, hochschulpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, vor.

    „Die sächsischen Hochschulen müssen die Angebote an Teilzeitstudiengängen deutlich ausbauen. Die vorliegenden Zahlen beweisen: Dort, wo ein Teilzeitstudium angeboten wird, findet es in der Regel auch Interesse. Wenn wir beklagen, dass wir in Deutschland zu wenige Studenten – vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern – haben, müssen wir auch die Teilzeitstudiengänge ausbauen“, erklärte er.

    Aber ein Blick in die Antwort der Ministerin zeigt auch, dass die TU Dresden und die Hochschule Mittweida zwar die Tabelle anführen – aber die scheinbar niedrigeren Zahlen an der Uni Leipzig und der HTWK eben doch jeweils über 600 bzw. über 400 Teilzeitstudierende bedeuten – und damit gleichsam Rang 3 und 4 in Sachsen. Sichtbar ist auch – gerade im Fall der TU Dresden und der Hochschule Mittweida, dass vor allem praxisnahe technische Studiengänge gefragt sind. Womit man beim Studierenden selbst wäre, der sich ein Teilzeitstudium ja nicht auflädt, um seinen Doktortitel zu bekommen und dann Verteidigungsminister zu werden. Man studiert, weil man die Qualifizierung für seine eigene Berufskarriere braucht.

    Die anderer Seite der Medaille ist, dass die vorhandenen Lehrkräfte kaum ausreichen, um den Bedarf an Vollzeitstudien abzudecken.

    „Zum wiederholten Mal vermelden die sächsischen Hochschulen einen Zuwachs der Bewerberzahlen und auch die Studierendenzahlen steigen seit mehr als fünf Jahren. Wir haben bereits 2010 darauf verwiesen, dass anders lautende Prognosen falsch sind und dies neben doppelten Abiturjahrgängen vor allem auf eine deutliche Steigerung der Studierneigung zurückzuführen ist“, wiederholt Holger Mann die Kritik seiner Fraktion am Spar-Programm von Sabine von Schorlemer. „Die sächsischen Hochschulen erfüllen offensichtlich ihre Aufgaben, was aber macht die Regierungskoalition? Am Stellenabbau wird festgehalten, die Hochschulgesetznovelle wurde erneut verschoben, die Hochschulentwicklungsplanung ist bis heute nicht korrigiert. Mit Einführung des Personalcontrollings wurde sogar noch mehr Bürokratie geschaffen, anstatt mehr Hochschulfreiheit zu gewähren. Die Studierenden warten zudem das dritte Jahr vergeblich auf die Einführung der elektronischen Studienplatzvergabe.“

    Es sei Zeit, die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Vor allem müsse der Personalabbau ausgesetzt werden. „Wir brauchen ein Hochschulgesetz, das die Hochschulen nicht weiter stranguliert, und Zielvereinbarungen, welche Qualität und Engagement in der Lehre belohnen“, fordert Mann. „Der Forderung aus Reihen der FDP nach Schaffung von Teilzeitstudiengängen fehlt die Basis. Weder gibt es die notwendige Ausstattung für den Mehraufwand für die Einrichtung von Teilzeitstudiengängen, noch werden die sächsischen Studierendenwerke bei der Einrichtung von Kitas unterstützt, die Voraussetzung für mehr Familienfreundlichkeit sind. Die einzigen Teilzeitmodelle, die so an Sachsens Hochschulen wachsen, sind die der Teilzeitbeschäftigung beim Lehr- und Forschungspersonal.“Denn 2011 gab’s zwar einen happigen Sprung beim Hochschulpersonal – von 32.927 auf 39.664. Aber nicht ohne Grund haben die Statistiker als Fußnote druntergesetzt: „Das Ist-Personal beinhaltet alle Beschäftigungsfälle am Stichtag, unabhängig von der Dauer der Arbeitszeit, des Arbeitsverhältnisses und der Finanzierung. Es ist mit den Personalstellen (Vollzeitäquivalenten) nicht vergleichbar.“

    Das trifft dann auch ganz konkret auf das wissenschaftliche und künstlerische Personal zu, das sich 2011 wundersam von 17.202 auf 23.668 vermehrte.

    Schon die 17.202 waren 2010 kein Vollzeitpersonal. In Vollzeit wurden davon tatsächlich nur 8.051 Personen beschäftigt. 4.945 hatten nur eine Teilzeitstelle. Und 4.206 waren gar nur nebenberuflich an der Hochschule tätig, Lehrbeauftragte in der Regel. Aber auch das, was man so wissenschaftliche Hilfskräfte nennt.

    Und da gab es 2011 die wundersame Vermehrung. Die Zahl der wissenschaftlichen Hilfskräfte explodierte geradezu von 1.775 im Vorjahr (was auch schon ein Höchststand war) auf erstaunliche 7.719. 8,40 Euro – ab Oktober 8,56 Euro bekommen diese wissenschaftlichen Dienstleister in Sachsen.

    Es ist also die Ausweitung des prekären Arbeitsbereiche, der in Sachsen die Zahl der Hochschulbeschäftigten scheinbar in die Höhe treibt.

    Das hat alles noch nichts mit den Naturwissenschaften zu tun, die Tippelt ausgebaut sehen möchte. „Wenn die Regierungskoalition einen Mangel an Naturwissenschaftlern ausmacht, muss sie vor allem in die Didaktik und Studienberatung investieren“, findet Holger Mann. „Wir haben in Sachsen nicht zu wenige naturwissenschaftliche Studienplätze, sondern vor allem eine zu hohe Abbruchquote. Wer sich in Studiengängen mit Abbruchquoten von bis zu 50 Prozent zufrieden gibt, wird sich über einen Fachkräftemangel nicht beschweren dürfen.“

    Die Anfrage von Nico Tippelt an das Wissenschaftsministerium: http://edas.landtag.sachsen.de

    Die sächsische Statistik der Hochschulbeschäftigten: www.statistik.sachsen.de

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