Bildungspolitik: Mit sieben Leitlinien will Leipzig Bildungsbeteiligung und Chancengleichheit erhöhen

Bei Bildung gehe es um sehr viel mehr als um Kita-Plätze und Schulgebäude, sagt Dr. Annika Gröger, Leiterin Stabsstelle "Lernen vor Ort", im L-IZ-Interview. Dem Abbau von struktureller Bildungsbenachteiligung und der Erhöhung der Bildungsbeteiligung sollen die Bildungspolitischen Leitlinien dienen, die derzeit an der Volkshochschule diskutiert werden.
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Frau Dr. Gröger, Leipzigs Bildungsdebatte dreht sich – gleichsam aus der Not geboren – um die bauliche Hülle von Schule und eine ausreichende Anzahl von Kita-Plätzen. Wie dringt man als Stabsstelle „Lernen vor Ort“ da mit Inhalten überhaupt durch?

Sie sprechen hier natürlich aktuell sehr brisante Themen an, die alle Beteiligten stark bewegen. Das Thema Bildung fasst allerdings noch sehr viel mehr als Kita-Plätze und Schulgebäude.

Das Programm „Lernen vor Ort“ befördert seit seinem Start im Jahr 2010 einen breiten Diskurs um das Thema Bildung. Leipzig will seinen Bürgerinnen und Bürgern Bildung und Kompetenzentwicklung ermöglichen. Dabei sieht sich die Stadt – wie viele andere Kommunen und Landkreise – mit unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert.

Hier geht es unter anderem um Chancenungleichheit durch familiäre, soziale oder ökonomische Benachteiligung, sozialräumliche Selektivität, hohe Schulabbrecherzahlen oder schwierige Übergangsphasen zwischen den einzelnen Etappen von Bildungsbiografien. Diese Herausforderungen können nicht einzelne Akteure wie Eltern, Kita oder Schule bewältigen, sondern es bedarf eines abgestimmten Handelns und kooperativen Zusammenwirkens vieler unterschiedlicher Partner.
Mit den Möglichkeiten des Bundesprogramms „Lernen vor Ort“ will die Stadt Leipzig „Bildung aus kommunaler Sicht in neuer Verantwortung gestalten“. Wie weit sind Sie seit 2010 in diesem Prozess vorangekommen?

Seit Beginn des Programms „Lernen vor Ort“ in Leipzig im Januar 2010 haben wir bereits einiges erreichen können. Auf Verwaltungsebene haben wir ein dauerhaftes Bildungsmonitoring aufgebaut. Alle zwei Jahre erscheint der Leipziger Bildungsreport mit aktuellen Zahlen über Bildung im gesamten Lebenslauf, also von der frühkindlichen Bildung bis hin zum Seniorenalter. Außerdem wurden das Schulverwaltungsamt und das Jugendamt zum Amt für Jugend, Familie und Bildung zusammengeführt, um Schul- und Jugendhilfethemen gemeinsam zu planen und zu steuern.

Die Schnittstelle zwischen Verwaltung und Stadtgesellschaft bildet der zwei Mal im Jahr tagende Steuerungskreis, in dem alle großen Bildungsinstitutionen der Stadt vertreten sind und gemeinsam über Bildungsthemen diskutieren und Beschlüsse fassen. Auf politischer Ebene hält der Leipziger Stadtrat ein Mal im Jahr eine Bildungspolitische Stunde ab, in der konkrete Bildungsthemen diskutiert werden. In der letzten Bildungspolitischen Stunde im Juni hat der Stadtrat sieben bildungspolitische Leitlinien für Leipzig verabschiedet.

Bereits zum dritten Mal fand in diesem Jahr die Leipziger Bildungskonferenz statt und konnte sich als wichtiges Forum des Austausches, Diskurses und des Vernetzens für unterschiedliche Bildungsakteure aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Stadtgesellschaft etablieren.

Und wie profitiert der Bürger davon?
Als Service für den Bürger wurde die Leipziger Bildungsberatung aufgebaut und Anfang 2011 eröffnet. Die Bildungsberatung zeigt individuelle Möglichkeiten der Weiterbildung und deren Förderung auf. Sie berät kostenlos, anbieterübergreifend und unabhängig und vermittelt an spezialisierte Berater weiter.

Über öffentliche Podiumsdiskussionen und Workshops auf der Leipziger Buchmesse und in der Volkshochschule haben wir die Leipziger Bürger dazu eingeladen, sich an bildungspolitischen Debatten und Prozessen zu beteiligen, was auf reges Interesse gestoßen ist.

Immer wieder thematisiert wird in Leipzig der relativ hohe Anteil von Schulabgängern ohne Abschluss. Wie lässt sich durch Kooperation der Akteure vor Ort eine Trendumkehr organisieren?

Wenn es um Schulverweigerung und Schulabbruch geht, ist eine möglichst umfassende Beteiligung der lokalen Akteure notwendig. Sie verfügen über das notwendige Wissen und sind als Experten/-innen zum Thema Schulabbruch unverzichtbar. Zentral bei allen Bemühungen sind die Bereitschaft zur Zusammenarbeit und der wertschätzende Blick der Akteure füreinander mit dem Ziel, Schulerfolg zu ermöglichen.

Sinnvoll ist aufgrund der – erforderlichen – Vielzahl von Partnern und Maßnahmen eine zentrale Koordinierung, die folgende Aufgaben absichert: Bedarfsermittlungen sowie deren Reflektion und Kommunikation, Identifikation gemeinsamer Handlungsbedarfe mit der regionalen Politik und Verwaltung sowie das Entwickeln konkreter Handlungspläne und deren Umsetzungsbeförderung durch professionelles Projektmanagement. Um die praktische Zusammenarbeit der beteiligten Akteure zu sichern, sind über die koordinierende Aufgabe stabile strategische und operative Netzwerke zu gestalten.

Sie sprachen vorhin die „Leipziger Bildungspolitischen Leitlinien“ an. Wie handlungsleitend sind diese denn aus Ihrer Sicht für die Bildungsakteure in der Stadt inzwischen geworden?

Die Bildungspolitischen Leitlinien formulieren Zielvorstellungen für die Ausgestaltung der Leipziger Bildungslandschaft. Sie geben einen verbindlichen Handlungsrahmen und bieten Orientierung für die Bildungsakteure und die Bürgerinnen und Bürger.

An ihrer Erarbeitung waren neben „Lernen vor Ort“ und der Stadtverwaltung viele Bildungsakteure sowie Bürgerinnen und Bürger beteiligt. So können wir sicherstellen, dass die Bildungspolitischen Leitlinien von allen gemeinsam getragen werden und nicht nur ein weiteres Papier in den Akten darstellen.

Doch mit Leitlinien allein ist es nicht getan. Im nächsten Schritt sollen diese nun mit konkreten Maßnahmen untersetzt werden.

Bildung in der Demokratie fußt auf öffentlichem Diskurs. Welchen Möglichkeiten bieten sich den Leipzigern, sich mit den Handlungsempfehlungen von „Lernen vor Ort“ auseinanderzusetzen?

Wie ich vorhin schon erwähnte, konnten wir bereits in den vergangenen drei Jahren mit verschiedenen Podiumsdiskussionen und Workshops die Leipziger Bürger ermutigen, sich an der bildungspolitischen Debatte zu beteiligen. Ganz aktuell laden wir alle Interessierten dazu ein, sich an der Ausgestaltung der Bildungspolitischen Leitlinien mit konkreten Maßnahmen zu beteiligen.

Dazu findet in den Räumen der Volkshochschule Leipzig eine öffentliche Workshop-Reihe unter dem Motto „Leipzig lernt: Bildung für alle! Wie können Bildungsbeteiligung und Chancengleichheit erhöht werden?“ statt. Die nächsten Termine sind: Dienstag, 13. November 2012 sowie Dienstag, 15. Januar 2013, jeweils von 18:00 bis 19:30 Uhr.

Vielen Dank für das Gespräch.

www.leipzig.de/de/buerger/bildung/lernenvorort
www.leipzig.de/imperia/md/content/51_jugendamt/lernen_vor_ort/bildungspolitische_leitlinien.pdf


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