Völkerschlacht-Jubiläum: Neue Website, schön bunt und historisch ein bisschen zu smart

Das Bild auf der Homepage ist zumindest kurios: Hinterm Völkerschlachtdenkmal ist ein in hellen Farben lodernder Abendhimmel zu sehen, die Sonne ist wohl gerade hinter dem Denkmalkoloss verschwunden. Ähnliche Bildcollagen findet man auf Postkarten von vor 100 Jahren. Denn die Sonne hat ja Pech: Sie geht einfach nicht im Süden unter.
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Wie illuminiert man da so ein Denkmal, das für Fotografen sowieso meist schwierig in der Landschaft steht? Fast den ganzen Tag lang hat man, wenn man das nun wieder sanft gerötete Denkmal über den „See den Tränen“ hinweg fotografieren möchte, Gegenlicht. Der große Bau zeichnet sich als Schattenriss ab. Erst in den Abendstunden wird auch die Nordseite des Denkmals von der Sonne beleuchtet. Dann entfaltet es seine Schönheit, treten die Konturen plastisch hervor. Wer richtig dramatische Aufnahmen haben möchte, nutzt also am besten diese Stunden. Bekommt aber trotzdem keinen lodernden Abendhimmel hinters Denkmal.

Die neue Website der AG Marketing und Kommunikation der Steuerungsgruppe „Leipzig 1813-1913-2013. Eine europäische Geschichte“ empfängt den Besucher also mit einer Collage. Im Impressum steht die Leipzig Tourismus und Marketing GmbH, die die Website im Auftrag der Steuerungsgruppe verantwortet. Natürlich geht es um Werbung. 2013 ist das Doppeljubiläum von Völkerschlacht 1813 und Denkmalweihe 1913 dran. Kaiser werden aber diesmal keine dabei sein. Kaiser sind seit der pompösen Einweihung des Denkmals erstaunlich selten geworden auf Erden. So dass man zumindest berechtigte Hoffnung haben darf, dass das Doppeljubiläum nicht von Nationalisten missbraucht werden wird, sondern eher Themen wie Europa und Völkerverständigung dominieren. Und Klicks.

Die ganze Schönheit des Empfangstextes entfaltet sich erst nach dem zweiten Klick. Dabei ist er nicht wirklich lang:

„Der Oktober 2013 steht in Leipzig und der Region ganz im Zeichen des Gedenkens, Feierns und Erlebens. Im Herbst 1813 beendete die Völkerschlacht vor den Toren der Stadt die Befreiungskriege gegen die napoleonischen Truppen. Einhundert Jahre später wurde das Völkerschlachtdenkmal eingeweiht.
Anlässlich des Doppeljubiläums kommen Bürger, Wissenschaftler, geistliche und politische Würdenträger aus ganz Europa in Leipzig zusammen, um gemeinsam zurück und nach vorn zu blicken. Historische Gefechtsdarstellungen, verschiedene Ausstellungen und Buchveröffentlichungen, Jugendtreffen u.v.m. bereiten bereits in den kommenden Monaten den Weg.

Höhepunkt der Feierlichkeiten ist eine Festwoche im Oktober 2013, deren Strahlkraft im Geiste der Völkerverständigung weit über die Grenzen Leipzigs wirkt.“

Vielleicht sollte man doch noch einen Historiker ins Redaktionskomitee berufen. Selbst wenn man nur den Teil der Kämpfe gegen Napoleons Truppen bis zu dessen Abdankung 1814 betrachtet, ist die letzte Schlacht auf diesem Weg keineswegs die Leipziger, sondern die vom März 1814 bei Arcis-sur-Aube. Tatsächlich aber war wohl Waterloo der eigentliche Endpunkt der Befreiungskriege. Leipzig war der Wendepunkt. Das ist ein kleiner Unterschied.

Ist natürlich die Frage: Wie historisch korrekt muss das sein, was auf so einer Website steht, die alle Informationen bündeln soll, was vor und während der Jubiläums-Feierlichkeiten alles in und um Leipzig passiert?

Die Antwort sollte wohl lauten: höchst korrekt. Oder diskutant. Ein nur „annähernd“ funktioniert für dieses Leipzig nicht mehr, das sich ja parallel auch noch ein Freiheitsdenkmal hinklotzen möchte in seligem Gedenken an die friedlich entschlafene Revolution von 1989. Mit der auch gern historisch unkorrekt Politik gemacht wird.
Es gibt auch einen Extra-Button „Schlacht“ auf der Seite. Und hier wird dasselbe „ungefähr“ sichtbar. „Auf dem Wiener Kongress 1814/1815 ordneten die politischen Vertreter der rund 200 europäischen Staaten die Kräfteverhältnisse auf dem Kontinent neu“, heißt es da. Ganz so, als hätten demokratisch gewählte Vertreter der Völker da das neue Europa von heute geschmiedet. Oft ist das, was nicht gesagt wird, viel wichtiger als das, was in solch schönen Sätzen steht.

200 europäische Staaten gab es auch 1814 nicht, nicht einmal, wenn man alle die deutschen Zwergfürstentümer mitzählt. Wikipedia spricht von „200 europäischen Staaten, Herrschaften, Körperschaften und Städten“. Alle, die irgendetwas zu gewinnen hofften bei diesem großen Geschacher, schickten ihre Abgeordneten hin.

Denen aber, die wirklich entschieden und miteinander handelten wie Pferdehändler, weil sie ihre Machtpositionen und Einflusssphären neu definierten, die passten an einen runden Tisch: Russland, England, Österreich, Preußen und das restaurative Frankreich. Und die meisten hatten dasselbe Ziel wie all die sechs Koalitionskriege gegen Frankreich seit 1792, seit sich die alten Mächte zum ersten Mal zusammentaten gegen Frankreich. 1812 taten sie sich zu ihrer sechsten Koalition zusammen. Und während man dem Volke Freiheit versprach, ging’s nur um die Restauration der eigenen Macht. Und in Wien ging es darum, die alten Verhältnisse wiederherzustellen. Machtgleichgewicht, wie man das so nennt.

Dass man sich dabei noch ein bisschen mehr einverleibte, was gerade so an Krümeln auf dem Tisch lag, war nicht im Sinne einer Neuordnung Europas gedacht. Dass Sachsen von Preußen nicht gleich ganz verspeist wurde, war nur dem Einspruch Österreichs zu verdanken, dem Preußen zu gefräßig war.

Und die Historiker dürften – und sollten – sich trefflich streiten über die Frage, ob dieser Kongress die europäische Entwicklung voranbrachte oder ausbremste oder gar um 20, 30 Jahre zurückwarf.

Und eigentlich wäre so ein Jubiläum die ideale Plattform, ein paar nicht ganz unwichtige Debatten über Europas jüngere Geschichte zu führen. Über die Rolle der drei großen Ideale der französischen Revolution zum Beispiel und ihr Zerreden und Zermahlen im immer wieder neuen nationalen Kleinklein oder der Gier der „Märkte“. Auch über das Miteinander in Europa, in dem immer noch die Großen bestimmen, was die Kleinen und Schwachen zu tun haben. Denn Griechenland geht ja derzeit nicht vor die Hunde, weil die Griechen zu gierig waren, sondern weil ihnen die großen Selbstgerechten, allen voran die deutsche Bundesregierung, eine Rosskur auferlegen, die ein Land dieser Größe gar nicht aushalten kann.

Nur so als Beispiel.

Ansonsten ist die neue Website sehr gefällig, bietet Informationen zu Terminen, Partnern und Förderern. Pressemitteilungen und honorarfreie Pressefotos stehen im Presseportal zum kostenlosen Download bereit. Ein 360-Grad-Rundgang durch das Völkerschlachtdenkmal, verschiedene Bildergalerien und Videos runden den Online-Auftritt ab.

Der nächste Termin ist übrigens das Bürgerfest am Völkerschlachtdenkmal am heutigen Samstag, 19. Mai, ab 12 Uhr.

Die neue Homepage zum unten Jubiläum 2013 findet man hier:
www.voelkerschlacht-jubilaeum.de


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