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Leipziger Südfriedhof: Zwei Grabstellen erinnern an die einst in der Paulinerkirche Bestatteten

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    Über ein Jahr ist vergangen, seit Manfred Wurlitzer sein Buch zur Universitätskirche St. Pauli und den 1968 zerstörten Grabstätten vorlegte. Das Schweigen über den Verbleib der Toten aus der Kirche hat es nicht beendet. Nur die Gebeine von fünf der in der Paulinerkirche einst Bestatteten fanden eine neue Ruhestätte auf dem Südfriedhof. Man muss sie suchen.

    Denn als sie im August 1968 hier ihre neue Ruhestätte bekamen, sorgte die damalige Friedhofsverwaltung dafür, dass die Gräber nicht so leicht zu finden sein würden. Möglicherweise deshalb, um gar nicht erst die Aufmerksamkeit der Leipziger auf diese beiden Grabstellen zu lenken. Denn sie sprechen – auch wenn das nicht extra dran geschrieben stand – eine ganz deutliche Frage aus: Wo sind die anderen Gebeine der schätzungsweise einst 800 in der Paulinerkirche Bestatteten abgeblieben?

    Bevor die Kirche im Mai 1968 gesprengt wurde, wurden die Gebeine aus den Grüften geholt. „Was am Himmelfahrtstag, dem 25. Mai 1968, wenige Tage vor der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli unter strenger Geheimhaltung geschah, das darf mit Fug und Recht als Akt staatlich sanktionierter Grabschändung und Grabräuberei bezeichnet werden.“ Die Grüfte unter der Kirche wurden aufgebrochen und die Gebeine der Toten, die hier über Jahrhunderte ihre Ruhestätte gefunden hatten, eiligst herausgeholt und zumeist in Kindersärgen gesammelt und abtransportiert.

    Vielleicht Richtung Südfriedhof. So jedenfalls hatten es die Verantwortlichen den Arbeitern gesagt, die in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Gebeine aus den Grüften holten. Einen Ehrenhain auf dem Südfriedhof sollten die Gebeine bekommen. Doch nichts ist über den Verbleib der Kindersärge zu erfahren. Nicht über eine Grablege auf dem Südfriedhof, nichts über eine mögliche Verbrennung im Krematorium, nichts über eine ebenso befürchtete Verkippung der Särge in der Etzoldtschen Sandgrube, wo wenig später die gesprengten Trümmer der Paulinerkirche entsorgt wurden.
    Ganze zwei Tage hatte die SED-Bezirksleitung für die Exhumierung der Toten aus den Grüften vorgesehen. Mit einer ordentlichen Identifizierung und einer namentlich gekennzeichneten Wiederbestattung hätte das Ganze mehrere Monate gedauert, schätzten Denkmalpfleger damals ein. „Tatsächlich hatte die Friedhofsverwaltung eine schriftliche Vorlage zum weiteren Umgang mit den Toten erarbeitet“, erzählt Manfred Wurlitzer. „Danach sollten Leichen ‚bekannter Personen von geschichtlicher Bedeutung‘ in Einzelgräbern in einer Gemeinschaftsanlage bestattet werden. Alle anderen Gebeine sollten eingeäschert werden und die Urnen ebenfalls in der Gemeinschaftsanlage beigesetzt werden.“ Nichts davon scheint geschehen zu sein.

    Nur die Gebeine der Brüder Gellert fanden einen neuen Ruheplatz. Und die der Familie des Chirurgen Daniel Schmid. Sie wurden am 23. Mai 1968 aus dem Sarkophag entnommen, nachdem die Arbeiter beim Aufbrechen der Gruft auf diesen gestoßen waren. Der Sarkophag wurde nicht gerettet – und auch die Gebeine wohl nur deshalb, weil sie im Krematorium des Südfriedhofs zwischengelagert wurden. Am 2. August wurden die Gebeine von Daniel Schmid, seiner Liebsten Catharina Dorothea Schmidt, „geborene Pfeifferin aus Lüneburg“ und des Studenten Johann Carl Lochius in der Universitätsrabatte auf dem Südfriedhof neu bestattet. Ohne Grabstein und Hinweis. Das wünschten die Amtsträger nicht.

    Seit dem 24. September 2010 ziert trotzdem ein Kreuz die Stelle, flankiert von zwei Bronzetafeln. Die rechte enthält im Wesentlichen die Daten, die auch auf der erhaltenen Grabplatte aus der Paulinerkirche zu finden sind, die wohl auch in der neuen Paulinerkirche ihren Platz finden wird. Sie erzählt vom 1676 geborenen „vornehmen Bürger und berühmten Chirurgus“ Daniel Schmid, der 1734 starb, seiner Liebsten Catharina (1682-1742) und dem Studenten Johann Carl Lochius (1758-1782), der wohl auch in de Familiengrabstätte der Schmids seine Ruhe fand.
    Chirurgen haben es schwer, ihren Ruhm auch der Nachwelt zu vermitteln. Nur wenige Details aus dem Leben Daniel Schmids sind bekannt, betont Wurlitzer. Doch es gibt diese Spuren, wenn man sucht. Denn wer zu seiner Zeit hochberühmt ist, der wird zumindest von Zeitgenossen da und dort erwähnt. Oder sogar von Leuten, die später herumlaufen mit offenen Augen – Friedrich Gottlob Leonhardi, der 1799 seine eindrucksvolle Stadtbeschreibung schrieb. Er besuchte auch das damals noch existierende anatomische Theater im damaligen Paulinum der Universität Leipzig. Das befand sich genau da, wo sich auch heute der Universitäts-Campus befindet. Und da er keinen Fotoapparat besaß, beschrieb er, was er sah: „Die Sitze der Zuhörer und Zuschauer erheben sich um den beweglichen Zergliederungstisch in Form eines Amphitheaters, und sind in sieben Reihen übereinander gestellt. Über diesen Plätzen ist eine für die Wundärzte bestimmte verschlossene Loge vorhanden, innerhalb welcher auf einer Tafel folgende Namen verzeichnet sind.“ Und unter der Jahreszahl 1705 liest man da unter anderen Namen Leipziger Wundärzte auch den von Daniel Schmid(t).

    Die linke Tafel neben dem Kreuz macht nun das, was einst der versprochene Ehrenhain hätte ausfüllen sollen: Er erinnert an die zahlreichen Leipziger Persönlichkeiten, die in der Paulinerkirche bestattet worden waren. Für das Grabmal haben zahlreiche Leipziger Bürger und Institutionen gesammelt. Federführend war der Paulinerverein. So gibt es jetzt zumindest zwei Orte auf dem Südfriedhof, die an das erinnern, was im Mai 1968 geschah.

    Gar nicht weit entfernt, im Gräberfeld I, fanden im August 1968 auch die Gebeine von Christian Fürchtegott Gellert und seinem Bruder Friedrich Leberecht Gellert eine Ruhestätte. Eine flache, schmucklose Grabplatte deutet die Stelle an. Die originale Grabplatte ist seit 2009 im Innenhof des sanierten Grassi-Museums zu finden. Viele Leipziger kennen das markante Gellert-Denkmal in der Lenné-Anlage an der Schillerstraße.

    Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769), als Dichter berühmt, verdiente seinen Lebensunterhalt als Professor der Philosophie an der Universität Leipzig. Goethe schwänzte seine Jura-Vorlesungen, um bei Gellert sein literarische Handwerk zu studieren. Beerdigt wurde Gellert ursprünglich auf dem Johannisfriedhof). Ein Gemeinschaftsgrab mit seinem Bruder Friedrich Leberecht, geboren 1711 und „Oberpostcommissarius“ in Leipzig. Er starb nur knapp vier Wochen nach seinem Bruder am 8. Januar 1770. Das gemeinsame Grab wurde zu einer Pilgerstätte der Leipziger, so dass die Grabstelle auch erhalten blieb, als man im 19. Jahrhundert alle anderen Gräber einebnete.

    Als die Johanniskirche 1894 bis 1897 umgebaut wurde, bekam dort nicht nur Johann Sebastian Bach seinen Sarkophag und eine Gruft – sondern auch die Gellerts wurden so gewürdigt. So dass Leipzig bis zur Zerstörung der Johanniskirche etwas hatte, was der Goethe-Schiller-Gruft in Weimar vergleichbar war: eine Doppel-Gedächtnisstätte für Bach und Gellert. Bach fand ja nach dem Krieg bekanntlich seine neue Grabstätte in der Thomaskirche. Der Sarkophag der Gellerts stand bis zum Mai 1968 dann in einer Seitenkapelle der Universitätskirche.

    Auf der Grabplatte für das neue Grab auf dem Südfriedhof unterließ man dann den Hinweis auf Gellerts Bruder. Dort steht lediglich zu lesen: „Christian Fürchtegott Gellert 1715 – 1769)“. Ganz so, als sollten die zufällig Vorbeikommenden den Dichter noch kennen, der in Goethes Zeit einmal so berühmt war.

    www.unikirche-kunstwerke-grabstätten.de
    www.paulinerkirche.org/graeber.htm

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