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Künste, Kriege und Kartoffeln: Viel Friederisiko um Friedrich

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    Noch bis zum 28. Oktober 2012 nähert sich die Ausstellung "Friederisiko" im Neuen Palais in Potsdam dem wohl bekanntesten aller Preußenherrscher. Als "Modeaffe" und Machtmensch, Musenfreund und Entwicklungspolitiker wird Friedrich der Risikofreudige (1712 - 1786) drei Jahrhunderte nach seiner Geburt dargestellt. Von Leipzig aus ein Tagesausflug.

    Östlich von Leipzig bereiten rührige Bürger ein weiteres Friedensfest vor. Bereits in diesem Herbst wollen sie an den Frieden von Hubertusburg erinnern. Ab Jahresende 1762, also vor dann 250 Jahren, saßen in dem kurfürstlich-sächsischen Jagdschloss drei der Kriegsparteien des seit 1756 in Mitteleuropa tobenden Krieges beieinander: Sachsen, Preußen und Österreicher. Sie waren Teilnehmer eines Krieges, den Großbritannien und Frankreich zugleich jenseits des Atlantiks um die Aufteilung Nordamerikas führten.

    Am 15. Februar 1763 kamen Österreicher, Preußen und Sachsen in Schloss Hubertusburg zum Abschluss. Daraufhin gingen die vorausgegangenen Verwüstungen als Siebenjähriger Krieg in die Geschichte ein. Von den Verwüstungen war Sachsen in besonderem Maße betroffen: Kriegsauslöser Preußen sicherte die Südflanke seines brandenburgischen Landesteils bevorzugt durch die Besetzung Sachsens. In dem wirtschaftlich potenten Kurfürstentum ließen sich zudem Preußens Truppen vortrefflich ernähren und Preußen Kriegskassen bestens auffüllen.

    Zugleich metzelten sich die Heere der rivalisierenden europäischen Mächte wechselseitig wiederholt auf sächsischen Feldern nieder. Genannt seien hier die Schlachten bei Roßbach im heutigen Saalekreis (1757), Hochkirch in der Oberlausitz (1758), Maxen bei Dresden (1759), Torgau (1760) und Freiberg (1762).

    Dem Schicksal der totalen Niederlage und der dann wohl zwangsläufigen Zerschlagung seines noch recht jungen Königreiches war 1762/63 Preußenherrscher Friedrich II. (1712 – 1786) gerade noch einmal von der Schippe gesprungen. Er war mit der Auslösung des Krieges 1756 volles Risiko gegangen und konnte sich am Ende bis in den Friedensschluss retten, der den Status quo ante bellum bestätigte.
    Preußen behielt die in den beiden Schlesischen Kriegen zwischen 1740 und 1745 den Habsburgern entrissene Provinz Schlesien und war fortan unter den europäischen Großmächten etabliert. Die Vorherrschaft der katholischen Habsburger im formal bestehenden Heiligen Römischen Reich war damit offen in Frage gestellt, obwohl sich Erzherzogin Maria Theresia den Kaiserthron für ihren Ehemann und ihren Sohn zusichern ließ. Erste Zeitgenossen nannten den Preußenherrscher daraufhin Friedrich den Großen.

    Risikomensch Friedrich erblickte am 24. Januar 1712 das Licht der Welt. Zum 300. Geburtstag hat man nördlich von Sachsen ein erneutes Friedrich-Jahr ausgerufen. Den Höhepunkt bildet die noch bis zum 28. Oktober 2012 laufende Ausstellung „Friederisiko“. Zu sehen ist sie in Potsdam im Neuen Palais, das sich Friedrich nach dem Frieden von Hubertusburg errichten ließ, sowie im angrenzenden Park Sanssouci.

    Veranstalterin der Ausstellung ist die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Als Schirmherr konnte der Bundespräsident gewonnen werden, der relativ kurz vor der Ausstellungseröffnung Ende April diesen Jahres noch einmal wechselte.

    Eine Friedrich-Ausstellung im Neuen Palais. Da war doch was? Richtig: Die repräsentative Sommerresidenz der neuen Großmacht lud auch 1986 – anlässlich des 250. Todestages des Monarchen – zur Ausstellung „Friedrich I. und die Kunst“. Und viele DDR-Bürger nahmen das Angebot – Schlange stehend – gern an.
    Die DDR hatte in den Jahren zuvor das preußische Erbe für sich entdeckt. In ihren Gründungsjahren galt Preußen noch als Hort von Militarismus, Krieg und Junkerherrschaft, das zu überwinden sei. Und das tat man symbolhaft und weidlich durch das Sprengen und Abtragen von Schlössern und Kirchen.

    Seit 1980 reitet Friedrich der Große auf persönliche Anordnung des damaligen DDR-Staats- und Parteichefs Erich Honecker (1912 – 1994) wieder Unter den Linden. Damals fragte sich nicht nur der Dramatiker Claus Hammel ironisch, wann auch noch der Sozialistenverfolger Bismarck zum Ahnherrn des deutschen Arbeiter- und Bauern-Staates ausgerufen werde.

    Ein derartiges Politikum bildet die diesjährige Friedrich-Ausstellung nicht (mehr). Dafür gibt es gibt viel Schönes zu sehen und viel Erhellendes zu hören (moderne Museumspädagogik setzt nun einmal auf den Audio-Guide als erklärenden Erzähler) und zu lesen (ohne Schautafeln und Bildunterschriften geht es eben doch nicht).

    So lassen sich viele Eindrücke gewinnen vom Fürstenalltag des 18. Jahrhunderts. So ein Monarch musste immer irgendwie der Größte sein: in politisch-militärischen und in musisch-intellektuellen Dingen ebenso wie im Aufwand für Wohnen, Kleidung und Ernährung. Nix da mit dem asketischen Dauerkrieger und Dauerkümmerer, als der Friedrich sich als „ersten Diener seines Staates“ selbst gern sah. Und ihn viele zeitgenössische und spätere Propagandisten gern zeichneten.

    Der Herr über die märkische Streusandbüchse und die „kalte Heimat“ zwischen Ostsee und den Masuren wollten genauso Staat machen wie alle Kaiser und Könige seiner Zeit. Als gleichermaßen absoluter, wie aufgeklärter Herrscher förderte er Kunst und Wissenschaft. Und das offenbar so nachhaltig, dass Preußen Sachsen in manchen Dingen den Rang abzulaufen begann und selbst die Habsburger herausforderte.
    Welch ein Wandel: Friedrichs Vater, der berüchtigte Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. (1688 – 1740), war ein kaisertreuer Mann und besuchte mit einem Sohn durchaus ehrfurchtsvoll die Kunststadt Dresden. Beides ging Friedrich völlig ab.

    Friedrich aß übrigens gut, gern und lang. Vier Stunden dauerte die Tischzeit zu Mittag. Und weil der Monarch allzeit frisches Obst wollte, wurde das mit großem Aufwand herbeigeschafft und selbst gezogen.

    Kartoffeln wurden zu jener Zeit auch in Preußen heimisch: als sättigende und preiswerte Nahrung für das Volk. Dass nun Kartoffeln auf Friedrichs Grab abgelegt werden, hätte den Monarchen sicher amüsiert.

    Noch ein Gutes hatte es, dass mit Friedrich ein Philosoph auf dem Thron saß. Und kein bekenntnisstrenges evangelisches Kirchenoberhaupt, das er von Amts wegen auch war. „Alle Religionen sind gleich und gut, … und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land pöpliren (bevölkern), so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen“, lautet der eine, oft zitierte integrationspolitische Leitsatz des Monarchen. „Die Religionen müssen alle tolerieret werden und muss der Fiscal nur das Auge darauf haben, das keine der andern Abbruch tue, denn hier muss ein jeder nach seiner Fasson selig werden“, der andere. Da ist der alte Fritz intellektuell und wertrational weiter, wie zweckrational-pragmatischer als mancher Zeitgenosse.

    So hat wohl denn die Berliner Republik, auch in Gestalt der Friederisiko-Ausstellung, ein Bild des Monarchen gefunden, das kaum mehr polarisiert und kaum einen mehr ängstigen muss.

    Damit wäre eigentlich der Weg frei für ein weiteres Ausstellungsprojekt im Neuen Palais. Denn hier residierte Friedrich-Nachfahre Wilhelm II (1859 – 1941), seit 1888 Kaiser und König. Im Sommer 1914 nahmen er und sein Umfeld im Neuen Palais Kurs auf jenen Krieg, der als Erster Weltkrieg zugleich die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ werden sollte. Vielleicht sehen wir ja in zwei Jahren, 100 Jahre nach dem Kriegsbeginn, eine Auseinandersetzung mit diesem bedeutungsschweren Stück deutscher und europäischer Geschichte.

    „Friederisiko. Friedrich der Große“, Eine Ausstellung vom 28. April bis 28. Oktober 2012, Potsdam. Neues Palais und Park Sanssouci.

    Öffnungszeiten bis 28. Oktober: täglich außer Dienstag 10 – 19 Uhr, Freitag und Samstag 10 – 20 Uhr. Letzter Einlass jeweils 90 Minuten vor Schließzeit.

    www.friederisiko.de

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