17.6 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Als Heinrich Heine für die Augsburger Allgemeine über die Cholera-Epidemie in Paris schrieb

Anzeige

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Anzeige

    Im Corona-Shutdown haben doch einige Leute mal wieder Bücher in die Hand genommen, einige auch ganz gezielt jene großen Geschichten aus der Weltliteratur, die von den Epidemien der Vergangenheit erzählen. Manche wurden auch in Büchern fündig, die man unter dem Aspekt gar nicht in Erinnerung hat. Tim Jung zum Beispiel, der bei Hoffmann & Campe jetzt einen „neuen“ kleinen Band Heine vorgelegt hat: „Ich rede von der Cholera. Ein Bericht aus Paris von 1832“. Eine Neuentdeckung? Nicht ganz.

    Zumindest nicht, was die Veröffentlichung betrifft. Was den Fokus betrifft, ist es eine echte Entdeckung. Denn wenn man sich an Heinrich Heines Berichte aus Paris erinnert, dann erinnert man sich an seine brillanten Erzählungen über die französischen Maler (Delacroix, Decamps, Delaroche), an die Salons und an seine schnippischen und gleichzeitig begeisterten Anmerkungen zur französischen Politik, zum Bürgerkönigtum und der Lust der Franzosen am Revoltieren.

    Dass er dabei Zeuge der Cholera-Epidemie von 1832 wurde, ist einem dabei glatt entfallen. Und diese Epidemie ist etwas Besonderes, denn sie führte dazu, dass der Ursprung der Cholera – in Londoner Abwässern – überhaupt erst einmal entdeckt wurde. Es war die Geburtsstunde der modernen Epidemiologie.

    Die Staaten Europas lernten damals tatsächlich erst, wie Epidemien entstehen und wandern. Und dass Ignoranz tödlich ist.

    Fündig wurde Tim Jung in Heinrich Heines Sammelband „Französische Zustände“, der Ende 1832 bei Hoffmann & Campe erschien. Eine Veröffentlichung, die vor allem durch den heftigen Streit Heines mit seinem Verleger Julius Campe im Gedächtnis blieb, denn der Verleger hatte Heines Vorwort zu den Französischen Zuständen der preußischen Zensur vorgelegt – das Ergebnis war ein völlig verstümmelter Text, der wie eine Eloge an den preußischen König klang, etwas, was Heine nie im Leben geschrieben hätte.

    Dass dieses Vorwort nichts mehr mit seinen eigenen Intentionen zu tun hatte, klärte Heinrich Heine am 11. Januar 1833 in der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“ auf, also genau da, wo seine Berichte aus Frankreich zuvor auch erschienen waren.

    Die „Augsburger Allgemeine“ gibt es heute noch. Aber einen Paris-Korrespondenten wie Heinrich Heine hat sie nimmermehr.

    Heine war 1831 nach Paris gekommen. Und er hatte eigentlich genug zu berichten über Kunst, Persönlichkeiten, das Rumoren in Paris. Die Cholera hatte er eigentlich nicht auf dem Plan. Deswegen taucht sie bei ihm fast beiläufig auf in seinem sechsten Artikel für die „Allgemeine Zeitung“. Wobei Artikel eine Untertreibung ist. Seine Berichte füllen – jeder einzelne – heute locker 20 Buchseiten. Den sechsten Bericht hat er mit dem Datum 19. April abgesandt.

    Der fünfte trägt das Datum 25. März 1832. Die Jahreszeit passt also schon erstaunlich zum Corona-Shutdown am 22. März 2020 in Deutschland. Aber im Beitrag vom 25. März steht noch nichts zur Cholera. Dafür die Sätze: „Man merkt jetzt, dass es noch etwas Kläglicheres gibt als eine Mätressenwirtschaft. In dem Boudoir einer galanten Dame ist noch immer mehr Ehre zu finden, als in dem Comptoir eine Bankiers.“

    Das hätte unsereiner auch im Jahr 2009 schreiben können.

    In den Folgetagen muss Heine freilich auch der Witz ein bisschen abhanden gekommen sein. Denn obwohl man die Nachrichten von der Cholera in London kannte, ging das Leben in Paris weiter wie gewohnt. Das kennt man auch irgendwie aus der deutschen Vor-Ischgl-Zeit. Und auch in London waren es die miserablen hygienischen Zustände in der riesigen Stadt, die die Ausbreitung der Cholera befeuerten.

    Das vergisst man auch zu leicht: Die modernen Systeme der Trinkwasserreinigung entstanden alle erst nach den Londoner Erfahrungen. Damals gab es bestimmt auch naseweise Leute, die den Forschern mit blasierter Überzeugung ins Gesicht sagten: „Ich hab noch nie einen Choleraerreger gesehen. Zeigt ihn mir!“

    Auch deshalb fand Jung den Text spannend, weil er ganz ähnliche Phänomene beschreibt, wie wir sie heute wieder erleben. Heine schreibt sogar über den genauen Moment, als die Pariser erfuhren, dass die Cholera über den Ärmelkanal gekommen war: „Ihre Ankunft war den 29. März offiziell bekannt gemacht worden, und da dieser der Tag der Demi=Carême und das Wetter sonnig und lieblich war, so tummelten sich die Pariser um so lustiger auf den Boulevards, wo man sogar Masken erblickte, die, in karikierter Missfarbigkeit und Ungestalt, die Furcht vor der Cholera und die Krankheit selbst verspotteten.“

    Das Volk amüsierte sich noch. Und der Staat? Reagierte. So wie 2020 auch in Deutschland. Leute, die von Verschwörungen orakeln, haben wirklich nichts von der Geschichte der Pandemien begriffen oder verstanden. Wirklich nichts. Außer dass die französische Regierung noch genauso im Dunkeln tappte, was die richtigen Sicherheitsvorkehrungen gegen die Cholera waren, wie es heute mit dem Coronavirus der Fall war. Übrigens nicht nur die französische: Auch in Deutschland wütete seit 1831 die Cholera und raffte sogar Berühmtheiten wie Hegel, Clausewitz, Gneisenau, Diebitsch weg – den berühmtesten Philosophen der Zeit und die drei berühmten Generäle aus den Befreiungskriegen.

    Was auch daran lag, dass die Regierungen erst lernen mussten, wie man auf so eine Pandemie wirklich reagieren muss. Dass Corona in Deutschland bislang so glimpflich ablief, hat auch mit diesem Lernprozess zu tun.

    „Nichts gleicht der Verwirrung, womit jetzt plötzlich Sicherungsanstalten getroffen wurden“, schreibt Heine. „Es bildete sich eine Commission sanitaire, es wurden überall Bureaux de secours eingerichtet, und die Verordnung in Betreff der Salubrité publique sollte schleunigst in Wirksamkeit treten. Da kollidierte man zuerst mit den Interessen einiger tausend Menschen, die den öffentlichen Schmutz als ihre Domäne betrachten.“

    Und auch wenn Heine hier ausführlich über die Ärmsten der Armen berichtet, stellt er bald fest, dass die Cholera keine Standesunterschiede macht. Sie rafft Reiche wie Arme weg. Nur dass die Reichen sofort ihre Sachen gepackt und auf ihre Landgüter geflohen waren.

    Aber dieser erste Bericht noch mitten aus der Cholera wirkt erstaunlich gegenwärtig, etwa wenn Heine schreibt, „da vernahm man plötzlich das Gerücht, die vielen Menschen, die so rasch zur Erde bestattet würden, stürben nicht durch eine Krankheit, sondern durch Gift. Gift, hieß es, habe man in alle Lebensmittel zu streuen gewusst, auf den Gemüsemärkten, bei den Bäckern, bei den Fleischern, bei den Weinhändlern. Je wunderlicher die Erzählungen lauteten, desto begieriger wurden sie vom Volke aufgegriffen …“

    Und richtig gefährlich wurde die Lage, als sogar die Polizei amtlich verlautbarte, sie sei den Giftmischern auf der Spur. Eine ganz amtliche Fakenews.

    Das Ergebnis: ein aufgeregter Lynchmob und mindestens sechs Lynchopfer, von denen Heine erfährt.

    Heute haben ja die sogenannten „social media“ die Rolle der Gerüchteküche übernommen. Paris hatte 1832 Glück: Es besaß eine schon sehr professionell arbeitende Presse (ohne die nämlich Demokratie nicht funktioniert), die auch den Blödsinn der Polizei korrigierte.

    Die nächsten Tage kommen einem nach dem Shutdown doch recht vertraut vor: „Seitdem ist hier alles ruhig: l’ordre règne à Paris, würde Horatius Sebastiani sagen. Eine Totenstille herrscht in ganz Paris. Ein steinerner Ernst liegt auf allen Gesichtern. Mehrere Abende lang sah man sogar auf den Boulevards wenig Menschen, und diese eilten einander schnell vorüber, die Hand oder ein Tuch vor dem Munde.“

    Auch wenn Frankreich damals eine konstitutionelle Monarchie war, regierte tatsächlich seit 1831 Casimir Pierre Périer, ein echter Hardliner des „Juste Milieu“, also der „Richtigen Mitte“, des konservativen Bürgertums also. So alt ist das ganze Ding mit der „bürgerlichen Mitte“. Logisch, dass Heine den Mann nicht wirklich mochte. Aber als die reichen Pariser aus der Stadt flohen, blieb Périer da und nötigt Heine so etwas wie Bewunderung ab: „Auch Casimir Périer zeigte sich großartig und kühn, indem er nach dem Ausbruche der Cholera das Hôtel=Dieu besuchte; sogar seine Gegner musste es betrüben, dass er in der Folge dessen, bei seiner bekannten Reizbarkeit, selbst von der Cholera ergriffen wurde.“

    Wenig später ist Périer tot. In seinem siebten Beitrag vom 12. Mai 1832 berichtet Heine vom Staatsbegräbnis, das Périer bekam, nachdem er im vorhergehenden Bericht schon über die unendlichen Leichenzüge zum Friedhof berichtet hatte. Im Mai war die Cholera-Epidemie abgeflacht.

    Aber nicht nur den Ministerpräsidenten hatte die Cholera hinweggerafft. „Die Freunde der Wissenschaft betrauerten besonders den Tod Champollions, der so viele ägyptische Könige erfunden hat, und den Tod Cuviers, der so viele andere große Tiere entdeckt, die gar nicht mehr existieren, und unserer alten Mutter Erde aufs ungalanteste nachgewiesen hat, dass sie viele tausend Jahre älter ist, als wofür sie sich bisher ausgegeben.“

    Man merkt: Zwei Monate nach Ausbruch der Cholera hat Heine seinen alten Witz wiedergefunden. Champollion ist bis heute berühmt, weil ihm als Erstem die Entschlüsselung der ägyptischen Hieroglyphen gelang. Er wurde nur 41 Jahre alt. Und Cuvier ist kein anderer als der berühmte Begründer der Paläontologie, der mit seinen Forschungen die Basis legte für Darwins Evolutionstheorie.

    Wer Heines Berichte zur Cholera gebündelt lesen möchte, für den ist Tim Jungs kleine Auskopplung aus den „Französischen Zuständen“ ein Genuss, vielleicht auch ein schöner Aha-Moment, der einem auch zeigt, wie vergesslich wir sind, wenn es Pandemien betrifft.

    „Bonjour Paris!“ (4): Der erste Abend – ein (erschreckender) Spaziergang durch Montmartre

    Hinweis der Redaktion in eigener Sache

    Natürlich werden auch die L-IZ.de und die LEIPZIGER ZEITUNG in den kommenden Tagen und Wochen von den anstehenden Entwicklungen nicht unberührt bleiben. Ausfälle wegen Erkrankungen, Werbekunden, die keine Anzeigen mehr schalten, allgemeine Unsicherheiten bis hin zu Steuerlasten bei zurückgehenden Einnahmen sind auch bei unseren Zeitungen L-IZ.de und LZ zu befürchten.

    Doch Aufgeben oder Bangemachen gilt nicht 😉 Selbstverständlich werden wir weiter für Sie berichten. Und wir haben bereits vor Tagen unser gesamtes Archiv für alle Leser geöffnet – es gibt also derzeit auch für Nichtabonnenten unter anderem alle Artikel der LEIPZIGER ZEITUNG aus den letzten Jahren zusätzlich auf L-IZ.de ganz ohne Paywall zu entdecken.

    Unterstützen Sie lokalen/regionalen Journalismus und so unsere selbstverständlich weitergehende Arbeit vor Ort in Leipzig. Mit dem Abschluss eines Freikäufer-Abonnements (zur Abonnentenseite) sichern Sie den täglichen, frei verfügbaren Zugang zu wichtigen Informationen in Leipzig und unsere Arbeit für Sie.

    Vielen Dank dafür.

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige