Am 22. Mai wäre Richard Wagner (1813 - 1883) 200 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass strahlt der Kulturkanal "Arte" eine neue Dokumentation über den Ausnahmekomponisten und dessen Verhältnis zu seiner zweiten Gattin Cosima (1837 - 1930) aus. "Wagnerwahn" nähert sich dem Schöpfer von "Ring des Nibelungen", "Lohengrin" und "Tannhäuser" auf der psychoanalytischen Ebene. Spielszenen und Animationen sollen das jüngere Publikum für klassische Musik begeistern.

Wagners Frauen. Wagners Musik. Wagners Antisemitismus. Kaum ein deutscher Komponist bescherte Zeitgenossen und Nachwelt mehr Skandale, mehr Widersprüche, mehr Mythen und Legenden. Dokumentarfilmer Ralf Pleger versucht in “Wagnerwahn”, den Zusammenhang zwischen Richards Leben und seiner schier überwältigenden Musik zu konstruieren.

In 90 Minuten liefert er einen Abriss über Wagners Leben, den er mit Spielszenen, comichaften Animes und Experten-Interviews unterfüttert. Samuel Finzi, dem Publikum aus “Tatort” und “Kokowääh” bekannt, spielt Richard Wagner. Besser noch: Ist Richard Wagner. Der Charakterdarsteller geht mit beängstigender Ekstase in seiner Rolle auf, wird aber von Cosima-Darstellerin Pegah Ferydoni an die Wand gespielt. Eine bessere Besetzung hätte sich kaum finden lassen.
Pleger lässt Wagners Leben allerdings nicht nachspielen. Die Spielszenen finden in der Gegenwart statt. Gedreht wurde vornehmlich in der Oper Leipzig. Dass im Hintergrund das bunte Riesenrad seine Runden dreht, während Wagner über sein Leben sinniert, wirkt auf den ersten Blick befremdlich, ja geradezu abstrakt. Doch die inszenierten Sequenzen, die genauso gut auf einer Theaterbühne entstanden sein könnten, sollen den Betrachter nicht ins 19. Jahrhundert, sondern in Wagners Seelenleben versetzen.

Pleger kontrastiert diese Aufnahmen mit Gesprächen über Wagner. Dazu holte er Kenner wie die Dirigenten Philippe Jordan, Simone Young und Katharina Wagner (Urenkelin Richard Wagners) vor die Kamera. Pleger drehte ferner an Originalschauplätzen, etwa Venedig oder Bayreuth. Am beeindruckensten sind allerdings seine Kamerafahrten über die bayrischen Alpen, untermalt mit Wagners pompöser Musik.

Ein Jammer, dass seine Dramaturgie so zäh wie ein Kaugummi ist. “Wagnerwahn” nähert sich weitgehend über psychoanalytische Zugriffspunkte den vielen Facetten und Widersprüchen in Wagners Leben, kann allerdings nur unter Fans wirklich punkten. Ein dramatischer Kinofilm wäre vermutlich das bessere Medium, um die avisierte junge Zielgruppe für die Musik zu begeistern. Wagners Leben böte immerhin genug Stoff für ein mitreißendes Melodram.

Sendetermine:
22. Mai 2013, 20.15 Uhr, Arte
29. Mai 2013, 22.00 Uhr, SWR

“Wagnerwahn” im Netz: www.gebrueder-beetz.de/produktionen/wagnerwahn

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